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Gutenberg > Ernst Blass >

Gedichte

Ernst Blass: Gedichte - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
authorErnst Blass
titleGedichte
publisherCarl Hanser Verlag
editorThomas B. Schumann
year1980
isbn3-446-13139-6
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid235c5908
wgs9151
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Der offene Strom

1921

Alte Fahrt

 

Dem Philosophen Ernst Bloch in dankbarster Verehrung

 

Wie als wär ein Ruf ergangen
Schmolzen Heide, Wald und Feld.
Träume haben sich umfangen
In dem Fließenden der Welt.
War uns einmal eng umschlossen
Unser Leben, unser Schmerz?
Hin sich gebend, hingegossen,
Schönheit ist das Menschenherz.

Stimmen, die sich weicher trafen,
Lösten sich aus Ungemach.
Rings war schon der Wald entschlafen,
Murmelte allein der Bach.
Tränen ewigkeitsdurchdrungen,
Sanken auf die heilige Au.
Und von Bitten ganz umschlungen
Stand das nächtliche Gehau.

Sterne bebten wie beklagend,
Wolken waren unterwegs,
Seufzer drangen, alles sagend,
Aus dem Schlummer des Gehegs.
Herzen zogen durch die Bahnen,
Ohne Riegel, ohne Schloß –
Immervoll von einem Ahnen,
Das in Strömen sich vergoß.

Ja, du kamst, verborgne Stunde,
Da ich ruhte, ausgestreckt,
Kamst mit deinem dunklen Munde,
Der mich schon so oft geweckt.
Gleich verrannen Schmerz und Süße,
Als dein Kleid war in dem Raum,
An Gespräche, Blicke, Grüße
Dacht' das Herz im Abschied kaum.

Denn es hatte sich erhoben,
Und es folgte einem nach,
Während grau die Winde schnoben
Durch verlassenes Gemach.
Hinter Stürmen, durch die Ferne
Gab ein weißer Stern sein Licht,
Flimmernd in lebendigem Kerne
Zu der späten Nacht Gericht.

Fremde war und nirgends Kunde,
Doch im Innern wuchs das Schwelln,
Sich auf nachtbedeckter Runde
Einem Bruder zu geselln,
Dessen Herz die Winterweite
Nun wie Wand nur von uns trennt,
Hinter der der eingeweihte
Baum voll Lichterschein entbrennt.

Gib dich hin. Die dunkle Quelle
Höre, die dich lang gesäugt,
Über Tages letzte Helle
Hat die Nacht sich schon gebeugt.
Will sie mütterlich dich wiegen,
Gib ihr nach. Es war genug.
Laß die Angst, die du verschwiegen,
Und die Hoffnung, die dich trug.

Sterne werden bald erscheinen
In der sommerlichen Nacht,
Und sie leuchten wohl für keinen,
Der zu Ende hat gewacht.
Keiner auf der großen Fläche
Harrte bis zum Morgen aus.
Nacht durchzogen dunkle Bäche,
Morgen sah die Tropfen Tau's.

Mußt dich nimmer wach erhalten,
Sieh, daß du dich nicht mehr mühst,
Denn die nächtlichen Gewalten
Haben dich so nah begrüßt.
Trüben Tages wehes Klimmen
Bleibt auch ferner nicht erspart.
Neig' das Ohr, denn alte Stimmen
Laden dich zu alter Fahrt.

Kam nun doch das letzte Kommen,
Da die Luft ist unbewegt,
Da das Frühere genommen,
Und nur Dunkel mich umhegt?

Bin ich schon auf schwarzem Wege
Zu dem hocherbauten Tor,
Und die alten Flügelschläge
Treffen das gebundne Ohr?

Wollen Bäume um mich rauschen?
Seh ich nicht den dunklen Fluß?
Keine Stelle zu vertauschen:
Es erwartet mich der Kuß.

Süß verschwand das Abgetane.
Plötzlich Glück, das aus mir rinnt,
Macht zum Quell mich. Neue Fahne
Flackert mit dem neuen Wind.

Eine Fülle, hinzusinken,
Da das alte Siegel wich.
Fühlt' ich meine Tränen blinken,
Vor Gefühl verginge ich.

Kehrtet heim ihr, einstige Tränen?
Oder ist's schon strömend Blut?
Ach, wie leichte Fahrt von Kähnen
Treibt's mich über letzte Flut.

Spät am Ziele einzig Wissen
Kreist in meines Blutes Lauf:
Sich verlierend, hingerissen
Sich vergebend hört es auf.

Abendschein, gedämpftes Feuer –
Ja, der Tag hat sich geneigt.
Nun verglüht, was dir so teuer.
Keine Antwort, alles schweigt.
Nacht wird wieder ausgebreitet
Ihre alten Werke tun.
Wie das Herz auch widerstreitet
Schwerer Schlummer senkt sich nun.

Wie erfassen und es tragen,
Daß das Licht sich so verhüllt?
Und was will das Flüstern sagen,
Das die Nacht so stark erfüllt?
Und das dunkle Vogelfliegen
Vor dem unbewegten Blick?
Soll schon morgen auf mir liegen
Fremd ein anderes Geschick?

Weichen wird, was mir so teuer,
Was mit Händen gern ich hielt,
Während blind und ungeheuer
Mich das Schicksal nun bestiehlt.
Kalter Regen wird sich gießen
Auf das unbedeckte Haupt,
Und ich muß die Augen schließen
Vor dem Feind, der mich beraubt.

Da die Sorgen trüb bewegten
Im geheimen deine Brust,
Schlechte Schmerzen sich nicht legten,
Und dir Gutes nicht bewußt,
Strebtest du, daß du alleine
Bliebest in verdunkelt Land,
Wo die weite Nacht schon kleine
Muscheln auswarf an den Strand.

Blätter hingen in dem Garten
Müde nieder, allzu schwer,
Endlos aber lag ein Warten
Ausgebreitet um sie her,
Konnten ruhen nicht, nicht schlafen,
Waren wie ein Totenkranz,
Litten unter ewigen Strafen,
Wußten doch von neuem Glanz.

Und im nahen Laubgebüsche
Ward es dann auf einmal hell:
Eine Frühe, eine Frische,
Und von Licht ein reiner Quell.
Neuer Strahl und neu Gefunkel,
Dämmernd auferstand der Hain,
Durch der schweren Stunden Dunkel
Brach der zauberhafte Schein.

Hoher Traum

Es sind in mir noch deine blauen Augen
Und lassen mich nicht ruhn, was ich auch treibe.
Sie scheinen mir mein Leben aufzusaugen,
Daß nicht ein Schritt, kein Atemzug mehr bleibe,

Ganz wie der Tod, heimlich und unbeirrt,
Und wenn sich meine Widerstände mindern,
Dann werden sich wohl auch die Schmerzen lindern,
Die in mir streben wirr und ohne Hirt.

O süßes, o beruhigendes Ende!
Ein Nehmen? Nein – ein sanftes Wiedergeben,
Ein Traum, vertrauter als das wache Leben,
O liebe Augen, o geliebte Hände!

 

Ein Sommerabend war noch auf der Stirn,
Doch in die Augen stieg bereits die Nacht.
Ich sah die Brücke. Angst, mich zu verirrn,
Bange sich regend, war in mir erwacht.

So folgte ich beklemmt dem fremden Ruf,
Vor mir die Unentrinnbarkeit der Pein.
Letztes verklang: entfernter Rosse Huf,
Ich war nun gleich verlassen und allein,

Ohn' Hoffnung – nur ein düsteres Ertragen,
Lastende Schwere war mein ganzer Sinn.
Ein Flämmchen nur mit kleinem Flügelschlagen
Lief zitternd neben mir am Wege hin.

Der helle Tag war eine schlimme Nacht,
Das wache Leben nur ein dumpfer Schlaf,
Eh' ich zum Traum von dir bin aufgewacht,
Eh' meine Nähe deine Ferne traf,

Zum Traum von mir, der, lange Zeit verborgen,
Nun wie ein Held an meine Seite trat,
Nicht Gestern galt, nicht Heute, nur das Morgen
War nahe mir, geöffnet war der Pfad.

Und Liebe flocht in keuschesten Gewinden
Unmerklich schon den bunten ewigen Kranz.
Was lang getrennt war, hoffte sich zu finden,
Und das Entzweite sah sich wieder ganz.

Du schläfst, Geliebte – o daß ich bewachte
Dein teures Leben unablässig nah!
Daß Knospen, die ich dir zuweilen brachte,
Aufblühten, um zu bleiben ewig da,

Zu schwesterlichem Dienst Jasmin und Rose
Dir, wenn du ruhst, und wenn man dich geweckt,
Ein brennend und ein seidenes Gekose
Umwirbt dich oder hält dich süß bedeckt.

O teures Leben, rätselhaft gebettet,
Mit lichtem Blick trotz Wolke, Traum und Flut,
Frei wie ein Kind und dunkel angekettet
Schon Opfer, das vergießen soll sein Blut.

Musik und Welle! Deutlichstes Erklingen
Voll Ahnung des Verhallens gibt sich preis
Im sicheren Flug mit eines Vogels Schwingen,
Der sein Geheimnis nicht zu fassen weiß.

Es wird nun bald – ja, Liebe? – ruhig sein,
Und linde strömt der Abend in uns ein.

Es kam – so ist mir – viel an mir vorüber,
Doch bist du so wie einst mir gegenüber.

War ich weit fort – du weißt es – war ich krank?
Verschweig' es und empfange meinen Dank!

Die heiße Wunde und der selige Quell:
Wie glänzen deine Augen tief und hell!

 

Alle Wellen sind verrauscht –
Wie der Atem stockt!
Wie das Ohr erwartend lauscht,
Daß sie wieder lockt,
Daß sie bebend nicht mehr schweige,
Die noch unhörbare Geige!

Und die Wellen ruhn –
Durch die Blätter ging ein Weben,
Wirst du nun,
O Geliebte, zu mir schweben?
Und ein rätselhaftes Singen
Mich ergreifen, mich durchdringen?

Offen kündend und doch schweigend,
Deine Augen sind wie Flammen.
Innig waren wir zusammen,
Ahnungsvoll und süß uns neigend.

Zärtlichkeiten, ganz geständig,
Strömten zu wie Melodein.
Sieh, es trat der Gott lebendig
Und voll Sehnsucht in dich ein.

 

Was ich war und was ich fand,
Legt' ich ganz in deine Hand.

Schönen und zerbrochenen Laut –
Hab dir alles anvertraut.

Bat dich, schonend aufzuheben,
Was so dankbar ich gegeben.

Pflanzst du, wenn verstummt mein Wort,
Blumen an dem toten Ort?

Widmungen

Zu den Gedichten von Trennung und Licht

Vergangene Jahre ruhen in den Blättern
Mit der Musik von Trennung und von Licht,
Fast sind sie unversehrt, die alten Lettern,
Fast auch das Herz, das durch die Töne spricht.
Verändert ward vielleicht in manchen Wettern
Ein Einzelnes im Blick und im Gesicht,
Doch grüßt mich, was in diesen Versen schlief,
Heut wie ein Stern am Himmel, hell und tief.

Wie aber kann ich sie nun übergeben
Der lieben Freundin, die ich später fand?
Sie sprechen nur von ehemaligem Leben.
Auch dieses leg' ich nun in ihre Hand.
Was ohne sie mein Lieben war und Streben,
Umschließe unsrer Freundschaft ernstes Band.
Was sie mir ist, brauch' ich nicht mehr zu schwören,
Auch wie ich war, möcht' ich nun ihr gehören!

Zu den Gedichten von Sommer und Tod

Ich komm' zu dir und bringe einen Trank,
Und kaum bewußt führst du ihn hin zum Munde.
Die Nacht ist tiefer, als sie jemals sank.
Es ist des Todes und der Liebe Stunde.

Kein Dämmer mehr und nicht mehr Übergang
Zu Helligkeiten wartet auf dem Grunde.
Der dunkle Sommer blüht, ein Widerklang
Des Todes, ihm verlobt zu ewigem Bunde.

Ich sehe deine Lippen ruhig trinken.
Mein Blick, der sich in deinem schon verliert,
Versucht noch spät zu lächeln und zu winken.

Vergangen nun sind trennende Gewalten,
Und ohne daß ein Kummer noch regiert,
Umfangen sich die nächtlichsten Gestalten.

Lieder aus einem Roman

Zu den Reimen wüßtest doch
Meine rein' und heißen Tränen!
Wüßtest sie und fühltest noch,
Was ich sagte von den Schwänen.

Später wird es anders sein,
Und ich werde weiterleben.
Ach, ins mächtge Netz hinein
Wird es mich von neuem weben.

Nichts ist Lied und alles Träne:
Was ich dir auch immer schriebe,
Ist doch nur wie Fall der Späne
Von der Fülle meiner Liebe.

Hör' mich nur und nimm den Dank:
Was zusammen wir gefühlt,
Was gesprochen, was gespielt,
Sei mir ewig Überschwang!

 

Als ich ging mit schwerem Schritte,
Dachtest du, mein Herz zerbräche?
Sei nicht bös, wenn ich dich bitte
Zu so spätem Zwiegespräche.

Wenn du mich auch schon vergessen,
Darf ich umso treuer sein?
Meines Fühlens Aus und Ein
Mußt du nicht wie Verse messen.

Später, wenn mich Trieb befängt,
Einen Löwen sanft zu rühren,
Will ich ganz in Traum versenkt,
Finger an die Saiten führen.

 

Hab Verständnis und bedenke,
Wenn ich dich auch nicht sehr dränge,
Daß, wohin es mich auch lenke,
Ich mit Schmerzen an dir hänge.

Hilft mir doch kein Mich-Verstellen,
Und ich fühle Tag für Tag,
Daß ich es auch nicht mit schnellen
Wendungen verändern mag.

War voll Schmerzlichkeit und Wehe,
Daß es kam' von selbst zurück,
Aber nun ist deine Nähe
Für mich wirklich all mein Glück.

Glaube nicht, dies sei nur Träumen,
Wartend bin ich ohne Ruh,
Von dir etwas zu versäumen.
Denn mein ganzes Glück bist du.

 

Könnt' ich dir mit Worten sagen,
Was mich tausendfach umfängt,
Was mich glücklich und mit Zagen
Stets aufs neue zu dir drängt.

Wirst du, Teure, es nicht ahnen,
Wie ich ganz voll Liebe bin,
Wie voll Drang, den Weg zu bahnen,
Der mich führe zu dir hin?

Aufgelöste Seligkeiten
Wurden mir von dir geschenkt,
Tränen heißen Danks begleiten,
Was das Herz gewaltig denkt.

Wenn der Schein von hellen Tagen
Neidisch auch auf Liebe fällt,
Meine Nacht wird ewig sagen
Von den Straßen tieferer Welt.

 

Wenn gestillt die letzten Tränen,
Werden wieder Sterne leuchten.
Langsam fahren wir in Kähnen
Auf dem See, dem dunkelfeuchten.

Tiefer in den Dämmerreichen
Ruht dann die versunkne Stadt,
Zu der oft und ohnegleichen
Sehnsucht dich ergriffen hat.

Und der Blick emporgewendet
Fühlt der Sterne helles Licht.
Lust und Qualen sind vollendet
In dem Anblick, rein und schlicht.

 

Seltene Stille früher Stunden,
Halber Schlummer im Gemüt,
Auch der Schlaf hat zart empfunden,
Welche Blume in mir blüht.

Mag an solchen Schlaf nicht rühren,
Der die Blume nimmt in Hut.
Nichts darf mehr das Feuer schüren,
Das in mir besänftigt ruht,

Niemand diesen Wall zerbrechen,
Der bewahrt hält vor der Flut,
Und ich will nur dankbar sprechen:
Was du gabst, war doch so gut.

Nun wird Tau sich auf dich legen,
Leis hat ihn mein Aug' versprüht.
Tränken will ich und will hegen
Blume, dich, die in mir blüht.

 

Tief mein Auge sich verschließe,
Da das Innere ihrer denkt!
Übermächtig tiefe Süße
Wurde mir durch dich geschenkt.

Erst mit unbemerktem Schritte
Nahtest du, warst dann so nah,
Ach, wenn aus des Herzens Mitte
Ich dich sah und wiedersah!

Wie als hätte es vernommen
Schon vertrauten Ton und Sang,
Wurde deinem stillen Kommen
Alles um mich ein Empfang.

Grüner Schimmer in den Zweigen,
Tiefer Rasen hingestreckt,
Bäume neu erglänzend zeigen
Ihren Frühling, süß erweckt.

Und du, Tiefgeliebte, wußtest,
Es doch nie, wie sehr du labst,
Schenken, immer schenken mußtest
Du, als du mich ganz umgabst,

Mich umwohntest und umhülltest
Wie die reinverklärte Luft,
Alles Innere mir erfülltest,
Süßeste, mit deinem Duft,

Jeden Lebenstag besiegelnd,
Wachsend heimlich in der Nacht
Und mich selber widerspiegelnd
Mit geheimnisreicher Macht.

Bist du nun auch von mir ferne,
Weiß ich dich doch in der Welt.
Ist die Nacht auch ohne Sterne,
Bleibt mein Herz noch sanft erhellt.

Zwiegesang

 

Hilde Fels zugeeignet

 

Wer du bist, singt mein Lied,
Singt mein Ruf, mein hilflos Stocken.
Du vernimmst, was dich zieht,
Heimatliche, dunkle Glocken.

Löse mich von dem Bann,
Und du machst selbst dich frei!
Ich bin Mutter, Kind und Mann,
Ich dein Eigen: Loreley.

Was du fragst, sagt mein Blick.
Was du weißt, tönt zurück.
Was du ahnst, wird Geschick.
Was du tust, ist mein Glück.

 

Dein Blick – all mein Verlangen und mein Born! –
Durchdringet meine Tage, meine Nächte,
Der Liebe dunkel wuchernde Geflechte
Mit wilden Blüten und geweihtem Dorn.

Mit Blutesspur gezeichnet und besiegelt,
In Kämpfen und in starrer Tyrannei
Von immer neuem Drange aufgewiegelt:
Ein reißender und übermäßiger Mai,

Dann ein August mit dem schon nahen Kranze,
In dem das Gold der weiten Ebene hing
Und Kräfte der erst mörderischen Lanze,
Von der der Kranke Heilung einst empfing.

 

Bin dir tief
Zugetan!
Was dich rief,
War kein Wahn.

Glaube mir,
Meinem Muß!
Folge dir,
Deinem Kuß!

Süßes Blut,
Hoher Traum,
Bunte Glut,
Heiliger Raum.

 

Ich sehe immer deine Augenbogen
Und deine Augen, blau bis auf den Grund.
Ein Nachen bin ich nur auf diesen Wogen,
In Licht gebadet ist das ganze Rund,

Die dunklen Glocken tönen aus der Tiefe
Fast freudig Harmonien ohne Weh.
Und einen Augenblick gibt es, als liefe
Der Sonne Lächeln über einen See.

 

Um deine Stirne blühn
Flammen noch immer,
Immer noch sprühn und glühn
Göttliche Schimmer.

Und eine Krone winkt,
Glanz sich ergießt,
Kraft, die noch in dir singt
Und überfließt.

Willst du verronnen sein,
Du, mein Genoß?
Himmlisch sind Wonnen dein
Auf unserem Schloß.

Du siehst das morgendlich
Glühende Licht.
Heldisch erweckt es dich,
Du säumest nicht.

Denn auf dem Felde schon
Wallet der Dampf,
Wartest auf keinen Lohn:
Groß ist der Kampf!

Wie deine Hand
Sich den Lorbeer erzwingt,
Brenn' ich vom selben Brand,
Der dich umsingt.

 

Dein Aug' ist wie der Mond auf meinen Wellen,
Geliebt ein Herrscher über Ebb' und Flut.
Ich fühle mächtig meine Kräfte schwellen,
Und strömend find' ich mich gesund und gut.

Befreiung rauscht in mir aus allen Quellen
In Atem, Träne, Blickeslust und Blut.
Was klug verwahrt lag an geschützten Stellen,
Wirft selig sich in die ersehnte Glut.

Die abgeschlossenen Zellen sind nun offen,
Das Tor sprang auf: da ist der bunte Weg,
Auf dem du gehst. Nun darf ich alles hoffen.

Und überströmt bin ich von Glück und leg'
Das Haupt sanft auf die jugendliche Au:
Da leuchtet über mir des Himmels Blau.

 

Was ich dir sang,
Bald ist's erfüllt,
Was dich durchdrang,
Einmal gestillt.

Was du gesucht
Bei Tag, bei Nacht,
Lange verflucht,
Dann ist's vollbracht.

Abgrund wird Tal,
Alles bist du.
Nach deiner Wahl
Fall' ich dir zu.

 

Den Fluch und Segen, beides hält umschlossen
Dein fließendes und offenes Element.
Ein heller Strom bin ich zu dir geflossen,
Ich, der Verführte, der dich nicht verkennt.

Du, manchem Hexe, wurdest mir zur Fee.
Ich wende mich zu deinem Heiligtume,
In Treu gelobend, daß, wo ich auch geh',
Ich zu dir streben werde, Blaue Blume.

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