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Christoph Martin Wieland: Gedichte - Kapitel 1
Quellenangabe
typepoem
authorChristoph Martin Wieland
titleGedichte
correctorJosef Muehlgassner
sendergerd.bouillon@t-online.de
created20130731
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Aspasia
Das Wintermährchen.

Nach einer Erzählung im ersten Theile von Tausend und Einer Nacht.

1776.

 

 

Prolog.

          Mein Schwesterchen, sprach Dinarzade Dirnazade ist die Schwester der aus Tausend und Einer Nacht berühmten Sultanin Scheherezade. Ma soeur, dormez-vous? Si vous ne dormez pas, faites-nous un conte, ist die gewöhnliche Einleitung, welche sie zu einer neuen Erzählung macht. Wieland benutzt hier diese Worte zu einem scherzenden Eingange.,
Wenn Ihr nicht schlaft (denn um den Schlaf wär's Schade!),
Erzählt uns doch, weil's noch so dunkel ist,
Der schönen Mährchen eins, die Ihr uns guten Seelen,
Die Alles freut, so lebhaft zu erzählen
Und sonderlich so gut zu dehnen wißt.
Des Sultans Hoheit hat die Gnade
Und hört Euch, zwischen Schlaf und Wachen, gerne zu:
Denn, was sein Herz dabei empfind't,
Wird seine Seelenruh
Nicht unterbrechen.
Schach Riar gähnt: Das will ich Euch versprechen!
Und seine junge Frau beginnt.

 


 

Erster Theil.

Der Fischer und sein Geist.

            Ein guter alter Fischer stand
Frühmorgens einst am Meeresstrand;
Sein dünnes Haar, bereift mit Duft,
Weht in der kalten Morgenluft;
Er steht und blickt mit schwerem Sinn
Starr auf die grauen Wellen hin
Und wischt sich seufzend Stirn und Wangen.
»Du lieber Gott! die ganze Nacht
In Frost und Nässe durchgewacht,
Und keine Gräte noch gefangen!
Vier arme Kinder und mein Weib
Erwarten mein mit hungrigem Leib':
Ach! heim zu kommen mit leeren Händen,
Wird mir das Herz im Leib' umwenden!
Vier Kinder und keinen Bissen Brod!
Laß dich's erbarmen, lieber Gott!
Nur diesen einz'gen letzten Zug!
Auch wenig ist mir schon genug.«

Er wirft sein Netz noch einmal aus
Und harret zwischen Angst und Hoffen;
Versucht's nun, zieht und zieht betroffen
Mit Müh die frohe Last heraus.
»Gottlob! das heiß' ich wohl beschwert!
Ist mir doch endlich ein Glück beschert!
Wie wird mein Weib mit unsern Kleinen
Vor Freude springen und lachend weinen,
Wenn Vater so reich nach Hause kehrt!«
So dankt er froh gen Himmel auf:
Doch bald folgt Ach und Weh darauf;
Denn, wie er's besieht, der arme Tropf,
So ist's – ein kahler Eselskopf,
Vermengt mit Rippen, Schlamm und Steinen.

Jetzt sinkt dem Alten Arm und Muth.
Da steht er auf der nassen Klippe,
Starrt vor sich hin in stiller Wuth,
Dann seufzend nieder aufs Gerippe,
Dann himmelwärts mit bitterm Blick,
Dann wieder auf sein Netz zurück.
Mittrauernd murmeln die Wellen empor,
Mittrauernd seufzt der Wind im Rohr.
Was stehst du da und ringst die Hände?
(So murmelt's ihm ins dumpfe Ohr)
Stürz dich hinein, so hat's ein Ende!

Indem so blitzt der erste Strahl
Der Sonne, wie in eine Höhle
Voll Nacht und Graun, in seine Seele.
Er fühlt den allbelebenden Strahl
Ihm fröhlich zücken durch alle Glieder;
Wie Nebel sinkt sein Kummer nieder;
Auf einmal glaubt und hofft er wieder
Und wäscht sein Netz zum dritten Mal'.

Er harret lange mit wechselndem Muth,
Die Augen geheftet auf die Flut;
Und nun versucht er's. Schwerer als nie
Däucht ihm das Netz. Er zieht mit Müh';
Erwartung spannt die hagern Wangen;
Er zieht's an Land, guckt voll Verlangen,
Doch Fische hat er nicht gefangen:
Nichts zeigt sich, als, von Rost geschwärzt,
Ein länglich rundes Gefäß von Erzt.
Er kann es kaum vom Boden heben.
»Ein Schatz, ein Schatz, bei meinem Leben!
Ein Schatz!« – und aus der schlaffen Hand
Fällt's ihm vor Freuden in den Sand.
Wär' auch am Ende nichts darin,
(Denkt er) trag' ich's zum Gießer hin,
So wird mir doch so viel Gewinn,
Ans sieben Tage Brod zu kaufen.
Er setzt sich hin, um zu verschnaufen,
Beguckt den Fund und sieht am Rand'
Ein großes Siegel aufgedrücket.
Dieß hebt er auf, doch unzerknicket,
Und setzt den Deckel in den Sand.
Er guckt hinein, er leert es aus;
Wo nichts ist, kommt auch nichts heraus.
Deß wundert ihn gar mächtiglich;
Was wird das werden? fragt er sich.

Auf einmal steigt ein schwarzer Rauch
Aus des Gefässes hohlem Bauch,
Verbreitet sich immer weiter umher,
Liegt wie ein Berg auf Land und Meer.
Der Tag erlischt, es donnert und stürmt,
Das Meer sich bis zum Himmel thürmt.
Der Fischer, mit kalter Angst erfüllt,
Steht leblos, wie ein steinern Bild.
Plötzlich folgt eine Todesstille.
Der Nebel überwälzt sich, ballt
Zusammen sich, gewinnt Gestalt,
Und aus der grauen Wolkenhülle,
Die links und rechts herunter wallt,
Streckt ungeheure Riesenglieder
Ein fürchterlicher Geist hernieder.
Aus seinem Fußtritt fahren Flammen,
Die Ufer zittern unter ihm.
Dem Fischer schlagen ungestüm
Vor Todesangst die Knie zusammen;
Er unterliegt der Gegenwart
Des Wesens einer höhern Art.

Da faßt der Genius ihn beim Arm.
Stracks wird's ums Herz ihm wieder warm,
Und Muth und Leben kehrt zurück.
Drauf spricht der Geist mit milderm Blick:
Du bist mein Retter! – Eblis Eblis – Ist ein bedeutend gewählter Name, denn er ist im Koran der Name des abgefallenen Engels und der Vater aller bösen Geister, die in das Reich der Verdammniß verbannt sind. ist
Mein Name. Sieben tausend Geister
Gehorchten mir als ihrem Meister,
Bis durch verdammte Hinterlist
Mich Salomon – nicht überwand –
Nein, dazu konnt' er mich nicht bringen!
Den Willen kann kein Gott bezwingen!
Selbst, als im Sturm mich seine Hand
In dieß verfluchte Erz verschlossen,
Fühlt' er noch meinen Widerstand!
Doch diesen Deckel aufzustoßen,
Den seines Siegels Allmacht schloß,
Vermocht' ich nicht. Ein Geisterstoß
Kann eine Welt zu Staub zerschmeißen,
Dieß Siegel nur kann nichts zerreißen. Salomons Siegel – Unter den unzähligen Dingen, deren man sich zur Zauberei bediente, waren auch Ringe und Siegel. In Herpentils schwarzer Magie findet man Abbildungen der geheimen Siegel der sieben vorzüglichsten himmlischen Großwürdenträger, deren Kenntniß bei der Beschwörung derselben unerläßlich war. Keinem von allen diesen Siegeln aber wurde so viel Kraft zugeschrieben als dem Salomonischen. Nach den Sagen der Mahomedaner war selbst seine Regierung an den Besitz seines Siegelrings gebunden; denn, als einst ein böser Geist sich desselben bemächtigt hatte, regierte dieser, und den Salomon erkannte Niemand, so daß er Almosen betteln mußte, bis er wieder in den Besitz seines Ringes gekommen war. Dem Koran zufolge war dem Salomon der Wind unterthan, welcher wehte, wohin er gebot, und böse Geister waren ihm unterthan, einige frei, in Baukunst und Perlenfischerei geübt, andre gefesselt (Sure 37.) Auch dieß brachte man mit seinem Siegelringe in Verbindung, dem man die gewaltigsten magischen Wirkungen zuschrieb. Durch ihn gebot er den Geistern, und was er damit versiegelt hatte, das vermochte auch der mächtigste Geist nicht zu lösen. Eine Beschwörung bei diesem Siegelringe war von nicht minder kräftiger Wirkung. Selbst der unter gewissen Ceremonien nachgemachte Zauberring Salomons war von großer Kraft. Durch ihn vertrieb man Krankheiten, beschwor Geister, schaffte verlorne Sachen wieder, erregte und vertilgte Liebe u. s. w. S. Mohamed Ala-Meli Kostbarkeiten der Erkenntniß zum Schmuck der Augen.
Du schwaches Gefäß von Fleisch und Blut,
Du hobst es, oder durch deine Hände
Das Schicksal – gleich viel! – Fasse Muth!
Nun mach' ich deiner Noth ein Ende.
Dir ward auch übel mitgespielt;
Hast nie des Lebens Freuden gefühlt;
Komm', Alter, ich will dich glücklich machen,
Auf, folge mir!
                        Der Fischer steht
Betäubt von allen den Wundersachen;
Geht mit und weiß kaum, daß er geht;
Berg auf, Berg ab, durch Sumpf und Rohr,
Durch Dick und Dünn, über Feld und Moor
Trabt er und traut sich kaum zu schnaufen.
Und, als sie ziemlich weit gelaufen,
Langt müd' und matt der gute Mann
An einem See mit Eblis an;
An einem See, der, wie ein Spiegel,
Längs eines öden Thals sich streckt,
Auf jeder Seite von einem Hügel
Umgränzt, den Fichtenschatten deckt.

Der Fischer stutzt. Ich sollte doch
(So denkt er) diese Gegend kennen
Und sah in meinem Leben noch
Dieß Wasser nie, noch hört' ich's nennen.
Wie geht dieß zu? Gott steh mir bei!
Es ist doch wohl nicht Zauberei?

Der Geist las Alles, was er dacht',
Als ständ's ihm auf der Stirn gegraben;
Doch sprach er nichts, als dieß: Gib Acht!
Hier sollst du was zu fischen haben!
Präg' Ort und Weg den Sinnen ein!
Doch merk's: nur einmal jeden Morgen
Darfst du mit Fischen dich hier versorgen,
Sonst würdest du des Todes seyn!

So sprach mit einer Donnerstimme
Der Geisterkönig und verschwand.
Und lange noch bebt Meer und Land,
Und von den Hügeln hallt die Stimme
(Gleich einem Wasser, das mit Grimme
Stürzend von Fels zu Fels sich brach)
Dem längst verschwundnen Geiste nach.

»War das ein Traum? Wo bin ich? ruft
Der gute Mann und reibt die Stirne;
Gaukelt vielleicht im Morgenduft'
Ein Truggesicht mir ums Gehirne?
Doch dieser See, so tief und klar
Und wimmelnd voll der schönsten Fische!
Wie üppig sie scherzen! – O, fürwahr,
Die sollen auf unsers Sultans Tische
In goldner Schüssel herrlich stehn!
Nie sah ich Fische so groß und schön!«

Mit diesem Wort wirft er voll Freuden
Sein Netz hinein, hat seiner Leiden
Vergessen ganz, thut einen Zug,
Und, seht, vier große Fische zappeln!
Für dießmal, denkt er, sey's genug,
Bricht grüne Zweige von den Pappeln
Am Ufer, deckt den Zuber zu,
Und, reich wie ein Emir in seinem Sinn,
Steurt er mit Flügeln an jedem Schuh,
Zur hochgethürmten Hauptstadt hin.

Was ihn am meisten wundert und freut,
Ist seiner Fische buntes Kleid.
Gelb ist der eine, der andre blau,
Der dritte roth, und silbergrau
Der vierte; jeder vom Kopf zum Schwanz
Einfärbig, aber so fein von Glanz,
Als ob's das schönste Schmelzwerk wär.
Wo kommen all die Wunder her?
Doch, komm' das Glück, woher es will,
Nimm's an mit Dank und mausestill!

Der gute Fischer, ziemlich matt,
Hat nun erreicht die Königsstadt.
Er eilt nach Hofe dem Sultan zu;
Der hält im Divan Divan, hier Staatsrath. – Morgenruh';
Und als der Divan zu Ende war,
Stellt er dem Herrn die Fische dar.
Der Sultan (wie alle große Geister)
Macht wenig draus; doch freut er sich
Im Herzen drüber kindelich
Und schickt sie stracks zum Küchenmeister;
Geruht auch gnädigst zu befehlen,
Dem Fischer alsbald auf dem Platz
Vierhundert Bahams Bahams – Von dem Dichter erdichtete Goldstücke. aufzuzählen.

Vierhundert Bahams, welcher Schatz
Für einen armen nackten Fischer!
Denkt, ob er in seinem Leben frischer
Der Hütte zugetrabt seyn mag!
»Der Geist hat doch sein Wort gehalten,
Das nenn' ich einen guten Tag!«

Lassen wir nun den guten Alten,
Umringt von seinem häuslichen Chor,
An seinen vierhundert Bahamsd'or
Sich satt sehn, gegen die Sonne sie halten
Und zählen, wie viel er Bahams hätte,
Gäb's alle Morgen so eine Mette
Acht Tage nur – Wir müssen sehn,
Wie nun die Sachen bei Hofe gehn.

Der Großwessir als erster Rath
In Küchensachen wohl beschlagen
Und überzeugt, in einem Staat
Sey immer das große Rad – der Magen,
Hatte mit eigner hoher Hand
Die Fische (die ihm sehr behagen,
Wiewohl er sie etwas theuer fand)
Dem ersten Mundkoch zugetragen
Und ihm, was sich dabei gebührt,
Mit allem Ernst zu Gemüth geführt.

Der Mundkoch keine Zeit verliert;
Er schuppt sie ab, leert ihnen die Bäuche,
Wäscht sie in Essig und rothem Wein,
Reibt sie mit Specereien ein,
Kurz, wartet aller heil'gen Gebräuche
Des Küchendienstes, wohl berühmt,
Wie einem Priester des Komus ziemt.

Schon war das doppelte Fischepaar
Auf einer Seite gebraten und gar;
Schon steht er mit der Gabel in Händen,
Sie in der Pfanne umzuwenden;
Da fährt ihm plötzlich ein kalter Schauer
Durch Mark und Bein; ein heller Glanz
Erfüllt die schwarzen Gewölbe ganz,
Und aus der unversehrten Mauer
Springt eine Dame, so schön und zart,
Als je die schönste von Feenart;
So majestätisch von Gestalt,
Im Auge solche Allgewalt!
Ein weißatlassnes Prachtgewand
Floß von den Hüften in leichten Falten;
Mit einem Gürtel von Diamant
Dicht an der Brust zusammen gehalten,
Und wie in goldnen Strömen wallten
Lichtgelbe Locken um einen Hals,
Den zu umhalsen allenfalls
Ein Schach vier Städte gegeben hätte;
Um ihren Busen hing eine Kette
Von Perlen, wie große Tropfen Thau,
Doch gegen den Schnee des Busens grau,
Und um die runden Arme wand
Sich ein rubinbesetztes Band.

Der Koch, der starr vor Wunder stand,
Wünscht sich von Gott zehntausend Augen,
Um alle die Schönheit einzusaugen.

Die Dame achtet seiner nicht.
Sie tritt voll Ernst zur Pfanne hin,
Schlägt dreimal auf die Fische drin
Mit einem Myrtenreis' und spricht.
        Ihr Fische, thut ihr eure Pflicht?
Die Fische schwiegen und mucksten nicht.

Zum andern Mal die Dame spricht:
        Fische, thut ihr eure Pflicht?
Die Fische schwiegen und mucksten nicht.

Zum dritten Mal die Dame spricht:
        Fische, thut ihr eure Pflicht?
Da reckten die Fische die Köpf' empor
Und sangen alle in hellem Chor:
        Der Pflicht vergessen
        Wir Fische nie;
        Haben viel Müh'
        Und karg zu essen,
        Baun spät und früh'
        Uns luft'ge Schlösser,
        Hätten's gern besser
        Statt immer schlimmer
        Und rathen immer.
        Und treffen's nie.

Die Fische, da sie dieß gesungen,
Senkten die Köpfe und blieben stumm.
Die Dame stieß die Pfanne um,
Und durch die Wand, wo sie hervor gesprungen,
Verschwand sie wiederum.

Der Mundkoch steht versteinert da,
Glaubt kaum sich selber, was er sah,
Und fasset kaum noch so viel Muth,
Die Fische zu retten aus der Glut;
Doch, wie er sie mit der Gabel handelt,
Sind sie – o Wunder! – in Kohlen verwandelt.
Der arme Mann begann wie toll
Die Küche auf und ab zu laufen,
In seiner Verzweiflung bei Händenvoll
Die Haare sich aus dem Kopfe zu raufen!
»Was kann ich sagen, wer wird mir's glauben?
Des Sultans Grimm ist Löwengrimm;
Es ist kein Raisonniren mit ihm;
Er läßt mir den Hals zusammen schrauben!«

Indem erscheint der Großwessir,
Die Fische zur Tafel abzuholen,
Und findet, welche Ungebühr!
Statt einer leckern Schüssel – Kohlen.
Der Koch ihm weinend zu Fuße fällt,
Erzählt die ganze Wundergeschicht
So treu – es hätte seinem Bericht'
Ein Freigeist Glauben zugestellt!
Ich lese die Wahrheit in deinem Gesicht,
(Spricht der Wessir) doch um die Welt
Erzählt' ich sie dem Sultan nicht;
Er hielt's, bei Gott! für ein Gedicht.
Es können wohl seltsame Dinge geschehen,
Allein – man muß sie selber sehen.
Ich trag' ihm etwas Andres vor,
Das er nur hört mit halbem Ohr';
Und wenn er die Fische morgen kriegt,
Ist er für heute schon vergnügt.

Befehligt wird der Fischer gleich,
(Bei hoher Straf') im nämlichen Teich
Zum Frühmal für den nächsten Morgen
Vier andre Fische zu besorgen.

Dem Mann wird's eng' in seiner Haut:
»Wie wenn ich den Ort nicht wieder fände?
Das nähme wohl gar ein klatrigs Ende!
Ein Narr, der einem Geiste traut!«
So denkt er, und doch, sobald es graut,
Nimmt er sein Netz, trabt auf und nieder,
Durch Hecken und Büsche, durch Sumpf und Rohr,
Durch Dick und Dünn, über Feld und Moor,
Und findet See und Fische wieder;
Fängt ihrer vier, gelb, silbergrau
Und blau und roth, wie jene genau;
Kehrt um, trägt sie nach Hof, erhält
Vierhundert Bahams bares Geld
Und überläßt die weitre Gebühr
Dem Mundkoch' und dem Großwessir.

Um seiner Sache gewiß zu seyn,
Schließt dieser mit dem Koch sich ein.
Der Koch, dem solche Ehre nie
Geworden, erschöpft sein ganzes Genie,
Sein Amt an diesen Fischen heute
Pflichtmäßiger noch als jüngst zu thun.
Alles gelingt. Und wie sie nun
Gebraten sind auf einer Seite,
Kehrt er sie um. Im nämlichen Nu
Springt aus der Mauer am Kamine
Die schöne Dame von gestern herzu,
Mit ihrer majestätischen Miene,
In ihrem weißatlass'nen Gewand,
Vom Gürtel mit Edelsteinen gebunden,
Und ein rubinbesetztes Band
Um jeden runden Arm gewunden,
Und in der kleinen weißen Hand
Ein Myrtenreis. So tritt sie hin
Zur Pfanne, schlägt die Fische drin
Mit ihrem Myrtenreis' und spricht:
        Fische, thut ihr eure Pflicht?
Und als sie die Worte zum dritten Mal
Gesprochen, reckten allzumal
Die Fische geduldig die Häupter empor
Und sangen alle in hellem Chor:
        Der Pflicht vergessen
        Wir Fische nie;
        Haben viel Müh'
        Und karg zu essen,
        Baun spät und früh'
        Uns luft'ge Schlösser,
        Hätten's gern besser
        Statt immer schlimmer
        Und rathen immer.
        Und treffen's nie.

Die Fische, da sie dieß gesungen,
Senkten die Köpfe und blieben stumm.
Die Dame stieß die Pfanne um,
Und durch die Wand, der sie entsprungen,
Verschwand sie wiederum.

Nun, rief der Wessir, bei meinem Bart,
Das ist zu arg! wer darf gestehen,
Er habe so was mit Augen gesehen?
Was einem vor der Nase geschehen,
Nicht glauben dürfen, bei Gott, ist hart!
Und doch, gesehen ist gesehen!
Und käme die Philosophie
In eigner Person, mir vorzukrähen,
Ich hätte nichts gehört und gesehen,
Ich gäb' ihr, mit Respect! ein Knie
Vorn Hintern. Gleichwohl weiß ich schon,
Der Sultan, wenn wir's ihm berichten,
Glaubt uns kein einzig Wort davon,
Und ich verdenk' es ihm mit nichten.
Man glaubt so was sich selber kaum,
So sehr gleicht's einem Fiebertraum'.
Indeß die Anzeig muß geschehen;
Er mag dann kommen und selber sehen!

Der Sultan, ein kluger Herr – wie leicht
Zu glauben – rümpft die Stirne, streicht
Ungläubig seinen Knebelbart
Und spricht: Ich will es selber sehen!

Dem Fischer sogleich befohlen ward,
Stracks wieder nach dem See zu gehen.
Der bat sich, weil die Reise weit,
Nur vier und zwanzig Stunden Zeit;
Ging dann zum dritten Male, bevor
Der Morgen graute, hinaus zum Thor,
Berg auf, Berg ab, über Feld und Moor,
Durch Dick und Dünn, durch Sumpf und Rohr,
Sah voller Freuden, Alles steh'
Am alten Ort, kam an den See,
Warf aus sein Netz und fing euch wieder
Vier Fische, wie die vorigen, blau,
Und gelb und roth und silbergrau.
Traun! denkt er, der Genie ist bieder,
Ich hätt' es ihm nicht zugetraut!
Und kehrt mit seiner Beute wieder,
Und wohl ist ihm in seiner Haut!
Er trägt die Fische nach Hof, erhält
Vier hundert Bahams schönes Geld,
Hat nun zwölf hundert bar und ist
Ein reicher Mann zu dieser Frist.

Der Sultan beginnt, nicht ohne Grauen,
Die Fische an Rücken und Bauch beschauen,
Kopf, Floß und Schwanz examiniren
Und, ob sie reden können, probiren:
Wiewohl er am Ende nichts dran find't
Als eben, daß es Fische sind.

Und nun zu sehn, wie's weiter geht,
Schließt er sich ein mit dem Wessir,
Den Fischen und allem Kochgeräth,
Verriegelt eigenhändig die Thür,
Läßt Feuer auf dem Herde machen,
Stirbt vor Erwartung der Dinge schier
Und schwört beim Bel zu Babylon,
Er glaube nicht ein Wort davon.

Und nun gebt Acht! Der Großwessir,
Stets seines Herren Wink gewärtig,
Macht sich zum neuen Dienste fertig!
Bind't eine weiße Schürze für,
Geht frisch ans Werk, nach Küchenbrauch,
Schuppt ab die Fische, leert ihnen den Bauch,
Wäscht sie in Essig und rothem Wein,
Legt sie dann in die Pfanne fein,
Thut Oel und Salz und Pfeffer hinein,
Und was sich sonst hinein gebührt,
Setzt's auf die Glut, und bläst und schürt.
Der Sultan, erfreut die neuen Gaben
An seinem Diener entdeckt zu haben,
Spricht: Sag' ich nicht immer, ein großer Mann
Ist halt ein Mann – der Alles kann!

Wie nun die Fische ganz gelind'
Auf einer Seite gebraten sind,
Faßt der Wessir die goldne Kelle
Und kehrt sie um. Da springt zur Stelle
Ein Mohr in feuerfarbnem Gewand'
Anstatt der Dame aus der Wand.
Mit grünem Stab' in seiner Hand
Tritt er ergrimmt zur Pfanne hin,
Schlägt dreimal auf die Fische drin
Und trotzig mit donnernder Stimme spricht:
        Fische, thut ihr eure Pflicht?
Die lassen sich nicht dreimal fragen,
Vermuthlich weil das Mohrengesicht
Sie etwas derb auf die Nasen geschlagen.
Sie recken die offnen Mäuler empor
Und singen Alle in hellem Chor
Von Wort zu Wort den alten Sang,
Der zweimal schon ums Ohr uns klang,
Schweigen dann wieder und bleiben stumm.
Der Neger stößt die Pfanne um,
Die Fische liegen schwarz wie Kohlen
Am Herd', und durch des Zimmers Wand
Hat, schneller als ihr eure Hand
Umkehrt, der Mohr sich weggestohlen.

»Nun, sagt' ich's Eurer Hoheit nicht? –
Den Mohren bei Seite, die gleiche Geschicht!
Die Dame, mit ihrem schönen, warmen,
Schneeweisen Busen und runden Armen,
That einem freilich in Augen besser,
Als dieser schwarze Kinderfresser;
Und doch am End' ist's einerlei,
Sind beide verschwunden, so ist's vorbei.

Der Sultan spricht: Was ich gesehen,
Scheint über die Möglichkeit zu gehen;
Es raubt mir alle Seelenruh',
Und, bis wir's aus dem Grund verstehen,
Schließ' ich, bei Gott! kein Auge zu.

Er läßt sogleich den Fischer kommen:
»Es geht da mit den Fischen, die du
Uns brachtest, nicht ganz richtig zu;
Sag' an, wo hast sie hergenommen?«

Der Fischer spricht: Aus einem See
Dort hinter jenes Berges Höh',
Auf den ich mit dem Finger weise.

»Ich weiß in diesem ganzen Kreise
Zehn Meilen weit von keinem See,
Und doch sind's so viel Jahr' und Tage,
Daß ich in dieser Gegend jage.
Kennst du den See vielleicht, Wessir?«

Ich hörte nie in meinem Leben,
Daß es hier einen See gegeben.

»Sprich, Fischer, liegt er weit von hier?«

Drei Stunden, Herr König, höchstens vier.

»So führe mich dahin! – Wessir,
Sag's eilig allen meinen Leuten!
Der ganze Hof soll mich begleiten.«

Der ganze Hof in kurzer Frist
Gestiefelt und beritten ist.
Ein hehrer Zug! Aus allen Straßen
Lief stromweis' alles Volk herbei,
Voll Neugier, was die Sache sey;
Sie gafften aus großen Augen, vergaßen
Essens und Trinkens, vergaßen des Schlafs,
Riethen und stritten, und Niemand traf's.

Fort geht der Zug; der Fischer voran:
Und als sie den Berg herab gekommen
Und jetzt vier Hügel vor sich sahn,
Die Niemand zuvor je wahrgenommen,
Und zwischen den Hügeln den großen See
Und in dem See die Menge von blauen,
Gelben, rothen und silbergrauen
Fischen; da däucht's der ganzen Schaar,
Sie guckten durch eine Zauberbrille;
Sie schrieen aus einem Munde: fürwahr,
Hier stehen einem die Sinne stille!

Der Sultan schwört den größten Schwur,
Bis er dem Wunder auf die Spur
Gekommen, nicht von dannen zu weichen,
Und sollten Jahre drüber verstreichen.

Stracks werden für den ganzen Hof
Am Ufer Zelte aufgeschlagen.
Zu allerseitigem Behagen
Stand bald auch eine Küche da.
Denn der Wessir – der, was geschah,
Weislich vorher im Geiste sah –
Hatte vor Allem für den Magen
(Sein großes Fac Totum) Sorge getragen.
Da komme mir (pflegt' er oft zu sagen)
Kein Doctor mit seinen Sprüchen daher
Und spreche was Andres! Bei leerem Magen
Sind alle Uebel doppelt schwer.

Als nun der Hof zwei Stunden vor Tag
In Wein und Schlaf begraben lag,
Berief der Sultan den Großwessir
Und sprach zu ihm: Vor allen Dingen
Nichts remonstrirt, Herr Großwessir!
Mein Schluß steht feste, die Wunder, die mir
Den Kopf verwüsten, ins Klare zu bringen,
Es mag nun wohl oder übel gelingen;
Ich geh' allein, und du bleibst hier.
Komm' ich nicht wieder in sieben Tagen,
So kehrt gelassen zur Stadt zurück.
Den Leuten, die etwa nach mir fragen,
Ist leicht was Scheinbars vorzusagen;
Bald hab' er Halsweh, bald Kolik,
Bald Podagra, bald Krampf im Magen.
Regiert im Uebrigen mit Glück!
Verschiebt, so viel ihr könnt, auf morgen;
Sorgt immer für den Augenblick,
Und Gott laßt für die Zukunft sorgen.

Nach diesem weisen Abschiedswort
Macht er sich auf die Füße, betet
Sein Morgengebet und wandert fort,
Bis sich der graue Himmel röthet;
Wandert mit unerschrocknem Sinn'
Am öden einsamen Ufer hin.

Traurig und still, wie eine Gruft,
Liegt Hügel, Thal und Hain umher;
Alles, sogar die freie Luft,
Wie vor der Schöpfung, wüst und leer!

So geht er wohl zwei Stunden lang;
Schier wird ihm vor dem Ausgang bang':
Als bei dem ersten Morgenstrahl,
Der hin am östlichen Himmel flimmert,
Ein Schloß von hell polirtem Stahl'
Ihm fernher in die Augen schimmert.

 


 

Zweiter Theil.

Der König der schwarzen Inseln.

          Der Sultan, (fuhr Scheherezade
In ihrer Wundergeschichte fort)
Wie ihm an einem so öden Ort
Vom schönsten Palast die hohe Façade
Auf einmal in die Augen stach,
Voll Freuden zu sich selber sprach:

Nun werden wir bald, will's Gott, verstehen,
Was uns seit gestern den Kopf zerbrach;
Den See, den Niemand zuvor gesehen,
Die Fische gelb, roth, blau und grau,
Den Mohren und die schöne Frau,
Die aus der Wand hervor gesprungen,
Die armen Fische angebohrt,
Und was die Fische, halb geschmort^
Pflichtschuldigst in der Pfanne gesungen:
Unfehlbar liegt von Allem dem
In diesem Schlosse das Quamobrem Quam ob rem – Das Warum, der Grund..

Von solcher Hoffnung angeschüret,
Verdoppelt er die Schritte mit Hast.
Allein, je näher dem Zauberpalast,
Je stärker seine Hoheit spüret,
Daß etwas ihn bei der Kehle faßt;
Zumal da außen und innen, im Hofe
Und in den Hallen, um und um,
Alles so öd' ist, Alles so stumm,
Und nirgends weder Schranz noch Zofe,
Noch Katze noch Hund sich sehen läßt.
Kein Mäuschen schleicht, kein Käfer summt,
Kein Sperling zirpt, kein Hummel hummt.
Alles gestorben! sogar im Dache
Auch nicht ein armes Käuzchennest!

Dem Sultan je länger je mehr die Sache
Bedenklich wird. Doch geht er zu;
Sieht Königspracht an allen Enden,
Viel Gold verschmiert an Decken und Wänden,
Kurz, Alles köstlich und zum Verblenden,
Nur überall die tiefste Ruh'.
Er schleicht sich horchend hin und wieder,
Steigt Treppen auf, steigt Treppen nieder,
Ruft endlich laut, wohl siebenmal;
Umsonst, ihm schallt aus Gang und Saal
Stets seine eigne Stimme wieder.

Wie er nun endlich herunter steigt,
Ein Garten sich seinen Augen zeigt;
Der schönste Garten, den je die Feen
Gepflanzt, und Augen je gesehen;
Die Wege mit kleinen Perlen bestreut,
Die Luft ein Meer von Balsamwellen,
Und Blumen von jeder Monatszeit,
Und Myrtenwäldchen und Silberquellen,
Und grauenvolle Dunkelheit
Mal'risch verletzt mit lichten Stellen;
Bäume, mit Blüthen und Frucht beladen,
Teiche zum Fischen, Grotten zum Baden,
Lauben zum Schlummern – mit einem Wort',
Ein Gott erkieste sich solchen Ort
Zum Aufenthalt. Nur Eines fehlet:
Dieß Paradies ist unbeseelet.
Ueberall Fülle und Ueberfluß,
Nur nichts Lebendiges zum Genuß.
Kein Fischchen regt den stillen Teich,
Der Hain ist einem Grabmal gleich,
Kein Vogel singt aus Zweig noch Luft,
Kein Schmetterling saugt Lilienduft,
Kein Laubfrosch zwischen den Blumen hüpft,
Kein' Eidechs durch die Hecken schlüpft;
Was lebt, was Leben lügt sogar,
Verbannt aus diesem Garten war.

In dumpfem Sinnen ganz verloren
Irrt unser Sultan hin und her:
So (denkt er) hat mich noch nichts geschoren!
Und dennoch glaub' ich je länger je mehr,
Daß mir die Geister hier Esel bohren Esel bohren – Man pflegte denen, die man verspotten wollte, Eselsohren hinter dem Rücken pantomimisch mit den Fingern über der Stirn zu machen. S. Pers. Sat. 1, 59. Von der wackelnden Bewegung, die man dabei mit den Fingern machte, kommt vielleicht der deutsche Ausdruck bohren, der jedoch auch bedeuten könnte: zum Durchbruch bringen. – In Frisch's Wörterbuch findet sich: Einem den Esel stechen, d. i. einem die zwei Finger, nämlich den Zeigefinger und den kleinen Finger steif entgegen halten, da die zwei mittlern einwärts gebogen; pugnum alicui monstrare, indice et auriculari extensis; manu auriculas aselli monstrare alicui.;
Daß aller dieser Schein nur trügt,
Und etwas unter der Decke liegt.

Indem er dieses Lied sich singt,
Ein Ton ihm in die Ohren dringt,
Dem Aechzen eines Menschen gleich,
Der langsam unter Todesqualen
Sein Leben verhaucht. Der Sultan gleich
Dem Tone nach! – In einem ovalen
Mit Quadern ausgemaurten Teich,
Den ringsum hohe Linden krönen,
Ragt fern' ein Dom von schwarzem Stein
Hervor; dort schien es her zu tönen.
Er eilt zum Teiche; das bange Stöhnen
Aechzt immer lauter durch den Hain.
Der Sultan leidet große Pein
Vor Eifer, zu sehen und zu retten;
Erblickt an einer goldnen Ketten
Am Ufer einen kleinen Kahn,
Setzt über, steigt die Stufen hinan,
Und durch die halb geöffnete Pforte
Stürzt er sich in den Dom hinein.
Da steht er – Aber wo nehm' ich Worte
Für sein Erstaunen? – Beim blassen Schein,
Der dieses weiten Grabes Nacht
Sichtbar und schauerlicher macht,
Sieht er auf einem reichen Thron
Den Schatten von einem Königssohn',
Auf seiner Stirne die Krone blitzend,
In einen Scharlachmantel gehüllt,
Die Augen mit starren Thränen erfüllt,
In regungloser Stellung sitzend;
So todtenfarb, so abgezehrt,
Als hätt' er sich seit vielen Jahren
Von Gram und Thränen bloß genährt.

Begierig, von diesem wunderbaren
Geheimniß die Deutung zu erfahren,
Mitleiden und Hülf' im Angesicht,
Naht sich der Sultan ihm und spricht:
Vergib mir, wer du auch bist! dein Klagen
Drang mir zu Ohr. Vertraue mir
Die Ursach deiner Noth! und hier
Sieh mich das Aeußerste zu wagen
Für dich bereit!
                          »Welch ein Gesicht?
(Ruft jener, wie vom Blitz getroffen)
Welch eine Stimme, die mir zu hoffen
Befehlen darf? O, täusche mich nicht!
Bist du ein Gott?«
                              Der Sultan, betroffen
Von dieser Frage, fährt zurück
Betrachtet den Jüngling mit starrem Blick
Und spricht, indem er die breite Stirne
Sich reibt: Bin zwar ein Sterblicher nur
Und auch ein Sclave vom Gestirne,
Wie du; doch Alles, was Visapur
Vermag, soweit es reicht, erbiet' ich
Zu deinem Dienste!
                                »Du bist sehr gütig,
(Erwiedert seufzend, mit schwachem Ton,
Der lebende Schatten auf dem Thron)
Geholfen kann mir nimmer werden!
Mein Elend ist so wunderlich,
So einzig in seiner Art auf Erden,
Daß ihm, ich glaub' es festiglich,
Noch nie ein ander Elend glich!
Unglücklich durch Alles, was ich fühle,
Unglücklicher noch durch das, was ich
Nicht fühle!«
                      Der Sultan denkt bei sich:
Dem müssen wahrlich die Wörterspiele
Geläufig seyn, der übel sich fühlt
Und noch mit Gegensätzen spielt!
Allein, da jener von Brust und Rücken
Den Mantel hebt, – Gott! welch ein Bild
Entblößt sich seinen starrenden Blicken! –
Welch kläglich Ecce-Homo-Bild Ecce-Homo-Bild – So nennt man gewöhnlich die Darstellung, wie Christus nach der Geißelung mit Dornenkrone und Purpurmantel von Pilatus dem Volke vorgeführt wird, und dieser ausruft: Sehet, welch ein Mensch! (Joh. 19.) Man hat dergleichen Darstellungen von vielen Künstlern, die aber mehr den von schrecklicher Mißhandlung gebeugten, als den auch in dieser Lage noch erhabnen Christus zeigen.! –
Sein Leib, bis an die Hüften enthüllt,
Ist, wie von tausend Schlangenbissen,
Von Geißeln jämmerlich zerrissen,
Von Striemen geschwollen und ganz in Blut!
Ein Anblick, eines Teufels Wuth
In Thränen zu schmelzen! –
                                              Der Sultan bedeckt
Sich schauernd die Augen mit beiden Händen.
Gott! (ruft er) und solch ein Anblick weckt
Nicht deinen Donner?
                                    Der Jüngling spricht:
»Noch siehest du das Aergste nicht!«
Hebt nun auch von den bedeckten Lenden
Den Mantel auf. »Da schaue her!
So hat die Liebe mich mißhandelt!«

Der Sultan, mit Augen von Thränen schwer,
Schaut hin: – »Was seh' ich? In Stein verwandelt!
Verwandelt in schwarzen Marmorstein!
Nein, das muß wahrlich ein Blendwerk seyn!«
Und er betastet's. – »Gott! deine Gerichte!
Ist's möglich? – Was für arme Wichte
Wir Menschen sind! – Denn, könnte das mir
Nicht eben so wohl begegnen, als dir?
Doch gut! wenn wir das Aergste wissen,
Folgt doch nichts Aergers! Fasse Muth!
Daß Geister hier im Spiel seyn müssen,
Ist klar, auch ohne was Nähers zu wissen:
Doch meinen letzten Tropfen Blut
Weih' ich hiermit, dein Elend zu wenden,
Wo nicht, mein Leben mit dir zu enden.«

Mit Thränen und hoch gefalteten Händen
Dankt ihm der Jüngling seine Huld!
»Du siehst, es ist nicht meine Schuld,
(Spricht er) daß deine Knie zu umfassen
Gezwungen bin zu unterlassen!«
Traulich Gespräch nunmehr begann.
Der Sultan erzählt dem jungen Mann,
Was mit den Fischen vorgegangen,
Und wie ein unbezwinglich Verlangen
Ihn hergeführt an diesen Ort,
Um über dieß Wunder Licht zu empfangen.
Vermuthlich wird es (fuhr er fort)
Mit Eurer Geschichte zusammenhangen.
Doch ist's jetzt mehr, als Neubegier,
Es ist zu Eurem Nutzen und Frommen,
Was mich zu fragen zwingt, wie Ihr
In diesen kläglichen Stand gekommen?

Der Jüngling, nachdem er ihn ersucht,
Sich auf den Sopha niederzulassen,
Beginnt tief seufzend folgender Maßen:

»Was uns von jeher zum Bösen versucht,
Von jeher unsre Ruh vergiftet
Und alles Uebel angestiftet,
Wozu ein Gott die Erde verflucht;
Der holde Unhold, die Schlange der Schlangen,
In deren Zauberknoten wir
Uns ewig wider Willen fangen;
Der ewige Abgott unsrer Begier,
Der ewige Teufel, der uns peinigt,
Mit einem Worte, das Himmel und Hölle
In vier unselige Töne vereinigt,
Ein Weib – ist meines Jammers Quelle.

»Mein Nam' ist Uzim-Oschantey;
Und eh' ich noch das Licht gesehen,
Begabten mich drei gute Feen
Mit Zärtlichkeit, Geduld und Treu.
Wer hätt' in diesem Geschenk der Feen
Verborgnes Gift voraus gesehen?
Wer dachte, mein Schicksal würde seyn,
Vom Morgen bis zum Sternenschein
Dem Himmel Klagen vorzuwinseln?

»Ich war der König der schwarzen Inseln,
Und dieser See, um den sie sich itzt,
Verwandelt in vier Hügel, winden,
War einst mein königlicher Sitz.

»Kaum nahm ich von meinem Thron Besitz,
So eilt' ich, (leider! für meine Sünden)
Das schönste Weib mir zu verbinden;
Ein Weib, (so dacht' ich im Rausch der Lust)
Worin die Liebe sich selbst gebildet!

»Wie glücklich ich war! wie übergüldet
Mir Alles schien! – An ihrer Brust
Lag ich im Himmel, in ihren Küssen
Schwamm meine Seele in Wonneflüssen;
So hatte sich die Zauberin
Bemächtigt von Allem, was ich bin!
Ich lebte nur von ihren Blicken.
Fünf Jahre flossen so dahin,
Fünf einzelne Tage in meinem Sinn,
Gewebt aus ewigem Entzücken.

»Wem fällt des Himmels Einsturz ein?
Ich liebte, glaubte, geliebt zu seyn,
Und meinte, so müßt' es ewig währen!
O Götter! warum mußtet ihr
Mich jemals eines Bessern belehren?
Warum mißgönntet ihr Glückliche mir,
Mit einem Irrthum mich zu nähren?

»Mein Schicksal wollt's! wer kann ihm wehren?
Einst, da ich – es war ein warmer Tag,
Der heißeste Tag in meinem Leben!
Leicht träumendem Schlummer hingegeben,
Im Garten auf einem Sopha lag;
Zwei Mägde der Königin, die eben
Vorüber schlenderten, hatten's gesehn
Und sachte sich herzu begeben,
Mir Luft mit Blumen zuzuwehn;
Sie setzten dazu sich auf die Knie
Und glaubten, ich schliefe. – Da hört' ich sie
Mit leiser Stimme zusammen flüstern:
»Wie reizend unser Sultan ist!
Wie schön er liegt! Bald würd' eins lüstern!
Wer Königin wär'!« – Ich sehe, du bist
Nicht wohl berichtet, sagte die zweite,
Fürsten sind nicht, wie andre Leute.
Wer dächte, so jung und wohlgemacht
Der König ist, daß Nacht für Nacht
Ein Andrer sich mit ihr erfreute?
»Was sagst du? Wie ginge das wohl zu?«
Sie reicht ihm, so oft sie sich zur Ruh
Begeben, in einer goldnen Tasse
Frisch Wasser (glaubt er) rein und hell,
Ich weiß nicht, aus welchem Wunderquell,
Auf den sich's herrlich schlafen lasse.
Nur gar zu herrlich! Der gute Mann
Denkt wenig in seiner Unschuld dran,
Es sey ein Trank, der während der Nacht
Sie sicher bei ihrem Buhlen macht.

»Wie mir hierbei zu Muthe gewesen,
Ist – was ich nicht beschreiben mag
Noch kann; denn Himmel und Erde lag
Mir auf dem Herzen: mein ganzes Wesen
Schien sich im Innersten aufzulösen.
Und gleichwohl hatt' ich noch die Kraft,
Den Todeskampf der Leidenschaft
Vor fremden Zeugen zu verhehlen;
Ich that, als schlief ich ungestört,
Und ließ, erwacht, die guten Seelen
Im Wahn', ich hätte nichts gehört.

»Kaum sah ich wieder mich allein,
So drang ich in den dicksten Hain;
Die ganze Natur stand schwarz vor mir,
Mir brachen die Knie im Gehen schier;
Ich sank an einen Felsenbach
Und sann in dumpfer Betäubung nach.
Es ist unmöglich, rief ich endlich;
Es kann nicht seyn! 's ist gar zu schändlich!
Zu ungeheuer! – Und dennoch – Gut!
Die Nacht wird sich erleben lassen!
Ich werde sehen, was sie thut,
Und bis dahin will ich mich fassen.

»Sie kam, mir allzu träge, die Nacht.
Wir speisten allein. Wie voller Reize
Sie war! Mit welchem verschlingenden Geize
Ich an ihr hing! die ganze Macht
Der Liebe in ihren Augen empfand!
Mit jedem Blick sie unschuldiger fand!
Wie unter ihrem süßen Geschwätze
Aller Verdacht so ganz verschwand!
So ganz, daß, wie sie zu guter Letze
Den goldnen Becher mir bot, ich fast
Den Schluß vergaß, den ich gefaßt.
Besann mich doch, erhaschte mit Glück
Am Fenster stehend den Augenblick,
Des Tranks, den ich zum Schein genommen,
Unbemerkt wieder los zu kommen;
Gab ruhig ihr dann den Becher zurück,
Und wir verfügten uns zu Bette.

»Kaum glaubte die Betrügerin,
Daß mich der Schlaf gefesselt hätte,
So stand sie auf. Der Vollmond schien
Durchs goldne Gitter tief ins Zimmer.
Sie bückte lauschend sich über mich hin,
Und: Schlaf, sprach sie, und möchtest du nimmer
Erwachen! warf mit eilender Hand
Um ihre Schultern ein leichtes Gewand
Und schlich davon.
                                Kaum war sie entwichen,
Ich auf, als trieb mich ein Wespenschwarm,
Fahr' in den Kaftan, untern Arm
Den Säbel, und komm' ihr nachgeschlichen.
Sie flog im Garten schon weit voran,
Der Liebe Schwingen an ihren Sohlen:
Ich Armer schlich auf glühenden Kohlen,
Schmiegte mich an die Hecken hinan,
Wagt's nur mit Blicken sie einzuholen.
Sie taucht' oft unter, kam wieder hervor,
Bis ich sie ganz aus den Augen verlor.
Ich suchte sie lange durch Lauben und Säle,
In Büschen und Grotten, am Wasserfall',
Im Rosenwäldchen und überall.
Da hört' ich – noch klingt's in meiner Seele –
Im Dunkeln eine Nachtigall.
Sie klagte, mit so geschmeidiger Kehle,
Mit so gefühlvoll wachsendem Schall,
Dann mit so sanft hinsterbendem Fall,
So rührend! – mir ward dabei ganz bange!
Ich hätte weinen mögen, allein
Ich konnte nicht, so hing wie Stein
Das Herz im Busen mir. – Nicht lange,
So klang aus dem Gebüsch' hervor
Der Königin Stimme mir ins Ohr.

»Behutsam schleich' ich bis zur Nähe
Von fünfzehn Schritten hinzu und sehe
Und sehe – Herr Sultan, rathet was? –
An einem Rosenbusch' im Gras
Die Schnöde, die dem häßlichsten Mohren,
Den je der Gambia Der Gambia – Fluß, der das africanische Königreich Gambia in Nigritien durchströmt. geboren,
Vertraulich kosend im Schoße saß;
Sah, wie sie sich selbst bei ihm vergaß;
Sah ihn mit ihren Locken spielen,
In ihres Busens Fülle wühlen –
Sah nichts mehr! mir verging das Gesicht,
Der Mond verschwand mit seinem Licht;
Doch hört' ich durch die unendliche Nacht
Zu meiner Qual die süßen Töne
Der allbezaubernden Sirene.

»Er hatt' ihr, schien's, den Vorwurf gemacht,
Sie lieb' ihn nicht – das Ungeheuer!
Und kannst du (sprach sie, mit einem Ton!
Mir selbst zerschmolzen die Nieren davon)
Ein Herz, das sich in ewigem Feuer
Für dich verzehrt – ein Herz, das nur
Für dich lebt, in der ganzen Natur
Nichts sieht, als dich, von dir getrennt
Nicht eine einzige Freude kennt –
Nur dann mit Wonne sich überfüllt,
Wenn's wieder an deinem Busen schwillt –
Du, dem's allmächtig in jeder Fiber
Erklingen muß, daß du mir lieber
Als Alles bist! – kannst du mit Klagen
Und Zweifeln so ein Herz zernagen?
Tyrann, was thu' ich nicht für dich?
Was kann ich mehr thun? Rede, sprich!
Schau' um zur Rechten und zur Linken,
Dein Wille ist Gesetz für mich!
Soll plötzlich unter Donner und Blitz
Hier dieser alte Königssitz
Vor deinen Augen in Trümmer sinken?
Soll ich den Mond herunterwinken,
Verwandeln der ganzen Erde Gestalt,
Dich, mich, mit aller Könige Schätzen,
Stracks auf des Atlas Spitze versetzen?
Befiehl! du kennest meine Gewalt!

»Hier konnt' ich mich nicht länger halten;
Ich mußte bersten auf dem Platz'
Oder dem Unhold den Kopf zerspalten,
Der diesen ganzen unendlichen Schatz
Von Liebe, ihr Herz, mir weggestohlen.
Ihr Schrecken (wer hätte mich hier geglaubt?)
Ließ mir den Augenblick, auszuholen;
Und plötzlich mit gespaltetem Haupt
Sank der Verräther zu ihren Füßen.
Flieh, rief ich mit wildem Ungestüm,
Rette dich eilends vor meinem Grimm,
Laß diesen allein für beide büßen!

»Sie schoß nur einen Blick auf mich;
Doch der entnervte mir alle Glieder.
Dann warf sie in Verzweiflung sich
Bei ihrem sterbenden Buhlen nieder.
Bald brüllte sie laut, daß ihr Geschrei
Ringsum die Hügel und Thäler füllte;
Bald wieder mit aller Schwärmerei
Der Liebe sank sie auf ihn, verhüllte
In ihrem Busen sein Todesgesicht,
Drückt's an ihr Herz mit ängstlichem Stöhnen,
Wusch es mit Strömen von heißen Thränen,
Rief ihm – (vergebens! er hörte sie nicht) –
Mit allen den süßen vertraulichen Namen,
Die je aus den Lippen der Liebe kamen;
Und wenn sie dann sah, er hörte sie nicht,
Stürmte sie wüthend in ihre Locken,
Zerkratzte, zerfleischte sich Wangen und Brust
Und schwor, daß sich der Mond erschrocken
In Wolken verbarg, der Rache Lust
Am Räuber von einem so theuren Leben
Sich bis zur Sättigung zu geben!

»Dieß Alles mußt' ich hören und sehn
Und konnte nicht von der Stelle gehn;
Bezaubert stand ich, ohne Vermögen,
Am ganzen Leib' ein Glied zu regen.
Schafft ihn hinweg aus meinem Gesicht
(Schrie sie mit Wuth zu unsichtbaren
Geistern, die ihre Diener waren)
Und hütet sein bis zum Gericht!

»Stracks fühlt' ich von ungesehenen Händen
Mich aufgehoben und weggebracht.
In eines finstern Kerkers Wänden
Verseufzt' ich den Rest der schrecklichsten Nacht.
Könnt einer durch Wünsche sein Leben enden,
Ich hätte mich selber umgebracht!

»Des folgenden Tages rief sie mich
Aus meinem Kerker. Ich sah sie mit Schauer
Von Fuß zu Kopf in tiefster Trauer.
Ihr Anblick gab mir einen Stich
Ins Herz. Ich mußte, sollte sie hassen,
Und doch! – so rührend, so mächtig schön
Stand sie vor mir, ich konnte nicht lassen,
Sie mit Entzücken anzusehn.
Allein in ihren Augen rollte
Der Rache Wuth, ein loderndes Roth
Brannt' auf den Wangen. – Du (rief sie) todt?
Für meine Liebe auf ewig todt!
Und hier, hier, wo ich schmachten sollte
Noch etwas leben, noch einer sich freun?
Sich freun, Geliebter, an deinem Grabe
Und meines Elends spotten? – Nein,
Ringsum soll Alles elend seyn!
Und du, dem ich's zu danken habe,
Verhaßter, dich vertilg' ich nicht!
In Martern sollst du als eine Gabe
Den Tod von mir erwinseln und nicht
Empfangen! –
                        Indem sie dieses spricht,
Schlägt sie mit ihrem Zauberstabe
Dreimal den Boden, – und plötzliche Nacht
Verschlingt den Tag, die Erde kracht,
Es rollen Donner in den Lüften,
Und Flammen fahren aus gähnenden Klüften!
Ich steh betäubt, des Zaubers Macht
Stürzt auf mich ein, mir starren die Glieder,
Und bei der Sinne Wiederkehr
Find' ich, o Schrecken! nur halb mich wieder;
Find' Alles verödet weit umher
Und meine Königsstadt nicht mehr,
Um deren Gunst die Inseln im Meer'
Und Schiffe von fernen Ufern warben;
An ihrer Stätte ein wallender See,
Und ihre Bewohner, wie Flocken Schnee
Unzählbar, in Fische von allerlei Farben
Verwandelt; die Moslems silbergrau,
Die Juden gelb, die Christen blau,
Und roth die Heiden. – Welch ein Fall!
Von welchem Glück! in so wenig Stunden!
Alles als wie ein Traum verschwunden!

»Und doch war dieß von meiner Noth
Das Bitterste nicht! Was Aergers, als Tod,
Erwartete mein in diesem Grabe,
Wo ich, von aller Hülfe bloß,
In Leiden, zum Ertragen zu groß,
So lange schon geschmachtet habe;
So lange, daß die Tage zu zählen
Mir Zahlen und Gedächtniß fehlen!
An jedem Morgen – kann solche Wuth
In einem so holden Busen brennen? –
Kommt sie, mich grausam bis aufs Blut
Zu geißeln mit unerbittlicher Wuth,
Bis ihre Arme nicht mehr können.
Vergebens schrei' ich zum Himmel empor,
Vergebens fleh' ich ihr mit Thränen;
Mein Winseln, mein erschöpftes Stöhnen
Ergetzt ihr rachedurstiges Ohr.«

Hier brach dem König die Stimm'; er weinte
Als wie ein Kind, und mit ihm weinte
Der gute Sultan bitterlich.
Und als sie des Weinens müde waren,
Da fuhr der Sultan auf und schwur
In seinem Grimme, beim Gott der Schaaren,
Noch einmal seinen großen Schwur:
Nicht Nasses und Trocknes von dieser Stund
Jemals zu bringen in den Mund,
Zu schlafen in keinem Federbette,
Nimmer zu waschen sein Angesicht
Und Frauenliebe zu pflegen nicht,
Noch je zu weichen von der Stätte
So lange, bis er das Lebenslicht
Der Zauberin ausgeblasen hätte!
»Sagt mir nur, wo ich sie finden kann,
Für alles Uebrige bin ich Mann!« –

»Um ewig ihren Gram zu nähren,
Schuf sie in einem finstern Wald
Sich einen traurigen Aufenthalt;
Sie nennt ihn den Palast der Zähren.
Dort liegt ihr Buhle – in armer Gestalt;
Kann weder sterben, weder leben,
Denn ihres mächtigsten Zaubers Gewalt
Erhält in ewig zitterndem Schweben
Den Aermsten zwischen Tod und Leben.
Er liegt sich selber unbewußt,
Mit offnen Augen, die nicht sehen,
Fühlt nicht ihr Herz an seiner Brust,
Hört nicht ihr ängstlich liebendes Flehen
Um einen Seufzer, um einen Blick,
Der, daß er sie noch lieb', ihr sage!
Stündlich kommt sie bei Nacht und Tage,
Zu sehn, ob nicht das strenge Geschick
Sich endlich ihrer Noth erbarme:
Und wenn sie sich, wie's immer geschieht,
Betrogen in ihrer Hoffnung sieht,
Erhebt sie so traurige Klagen, die Arme! –«

Wie? (ruft der Sultan) ich glaube schier,
Ihr habt noch gar Mitleiden mit ihr?
Das fehlte! – Mich soll sie nicht bethören!
Lebt wohl inzwischen, guter Schach,
Ihr sollt bald wieder von mir hören!

Der König schreit umsonst ihm nach.
Wir müssen dem Ding' ein Ende machen,
Ruft jener zurück, springt in den Nachen,
Setzt über, läuft und findet bald
Am Gartenende den finstern Wald,
Im Walde den Palast der Zähren
Sammt allen seinen Zubehören,
Erleuchtet mit Kerzen von gelbem Wachs',
Und über ihrem langweiligen Mohren
Die Dame, in Liebesschmerzen verloren.
Mit bloßem Säbel eilt er stracks
(Ohne sich, gleich dem zärtlichen Laffen
Von Ehgemahl an ihrem schlaffen
Busen, an ihren Haaren von Flachs
Und Augen von Mondschein zu vergaffen)
Wie ein Donnerwetter auf sie zu,
Und, eh sie sich umsieht, in einem Nu,
Zischt ihr der Säbel um die Ohren,
Und schließt mit einem Streich dem Mohren
Und seiner Getreuen – die Augen zu.

Siegreich, mit beiden Köpfen in Händen
Und sicher, er hab' es gut gemacht,
Der Zauberin Tod müss' Alles enden,
Kehrt nun mein Sultan ohn' allen Verdacht
Zum Dom zurück. Herr Bruder, Freude!
Ruft er und hält die Köpf' empor,
Wir sind geborgen! da bring' ich beide!

Nun stellt euch sein Erstaunen vor,
Da er den Schach, statt Gegenfreude
Und Jubel und Dank, mit einem Schrei',
Als ob nun Alles verloren sey,
In Ohnmacht fallen sieht. – Je länger
Je besser! – ruft er zornig aus:
Was hat nun wieder der Rattenfänger?
Ist's wieder nicht recht? – Ich bleibe zu Haus
Ein ander Mal! Der Teufel mische
Sich mehr in Lieb' und Zauberei
Und hole meinetwegen die Fische,
Den See und diesen Kerl von Brei
Mit seinen schwarzen Marmorspindeln!
Bei meinem Säbel! ein Kind in Windeln
Machte mir minder Plackerei
Als dieser Uzim-Oschantey!

Der gute Schach, der sich indessen
Erholt hat, fängt nun erst fürbaß
Zu jammern an: »Nun ist das Maß
Des Elends voll! Das Beste vergessen
Habt Ihr! Was helfen die Köpfe mir?
Ich bleibe Marmor für und für!
Der See bleibt See, die Fische – Fische,
Und weder Urgande noch Fanferluche
Kann helfen! die Königin konnt's allein,
Und die ist todt! Ach! ihr Erblassen
Raubt mir den letzten Hoffnungsschein.
Wer weiß? – Sie hatte kein Herz von Stein –
Sie hätte sich endlich erweichen lassen.
Nun ist sie hin, auf immer hin,
Dank Eurer allzu raschen Hitze!
Was ist mir Eure Hülfe nun nütze?
Ich bleib' auf ewig, wie ich bin.«

Der Sultan, so sehr bei diesen Klagen
Die Gall' ihm stieg, fand doch in sich,
Er hätte nicht viel darauf zu sagen.
Herr Bruder, sprach er, Ihr dauert mich!
Ich dachte, wie herrlich gut ich's mache!
Mein Wille war's; allein es scheint,
Ihr habt im Himmel keinen Freund!
Der Ausgang ist nicht meine Sache.
Doch sollt' in aller Welt denn nicht
Ein Mittel seyn? –
                              »Thut erst die Köpfe
(Versetzt der Schach) mir aus dem Gesicht!
Will gern' Euch meine Schwäche gestehn;
Ich kann das holdeste aller Geschöpfe
In solchem Stande nicht vor mir sehn.
Und, ach! was helfen mir alle Köpfe
Der ganzen Welt? – Der einzige, der
Noch helfen könnte, ist auch nicht mehr!«

Was meint Ihr damit? Was für ein Kopf?

»Hört ein Geheimniß! Seit alten Zeiten
Befand sich (erwiedert der gute Tropf)
In meinem Schatz' ein Eselskopf!«

Ein Eselskopf? ruft jener, ei, ei!
Herr Bruder Uzim-Oschantey,
Wenn Ihr's nicht wäret, bei meinem Leben!
Ich dächte, Ihr faselt! Ein Eselskopf
In einem Schatz? –
                                »Dieß ist es eben!
Ein Eselskopf an solchem Platz,
Da muß sich's doch von selbst ergeben,
Man legt so etwas nicht in Schatz,
Wenn's nichts Besonders ist.« –
                                                  Verzeiht,
Ich seh nun meine Blödigkeit;
Herr Bruder, beliebet fortzufahren!

»Der Schädel also (kurz zu seyn)
Lag, reichgeschmückt mit Edelgestein,
Seit vielen, vielen hundert Jahren
In einem schönen krystallnen Schrein',
Und neben ihm ein dicker Band
Mit goldnen Deckeln, zierlich getrieben,
In einer uralten Sprache geschrieben,
So alt, daß längst im ganzen Land
Kein Mensch ein Wort davon verstand.
Darin war Alles ausführlich geschrieben,
Woher, warum und wann und wie
Der Schädel in unsern Schatz gerathen,
Kurz, seine ganze Biographie,
Nebst vielen Gemälden, wo seine Thaten
Gepinselt standen auf goldnem Grund
Mit hohen Farben, fein und bunt.
Weil nun an diesem besagten Schädel
(Wie eine alte Sage ging)
Das Schicksal unsers Hauses hing:
So könnt Ihr denken, wie groß und edel,
Ja heilig, darf ich wohl sagen, gar
Der Eselskopf dem Volke war.
Um Alles mit einem Zug zu sagen:
Er wurde je im siebenten Jahr'
Auf einem blumenbekränzten Wagen
Durch Stadt und Landschaft Schau getragen;
Und alles Volk lief hinter drein
Und glaubte nun satt und selig zu seyn.

»Ihr werdet mich vermuthlich fragen,
Worin denn seine geheime Kraft
Bestanden? Laßt Euch also sagen:
Er hatte die große Eigenschaft,
Durch seine bloße Gegenwart
Alle Bezauberung aller Art
Mit allem Geister- und Feenwesen
Auf einmal gänzlich aufzulösen.
Genien, alles Feuers und Lichts
Beraubt in seiner Atmosphäre,
Zusammengedrückt von bleierner Schwere,
Standen vor ihm und – konnten nichts.

Nach Allem, was Ihr jetzo wißt,
Das Uebrige bald errathen ist.
Die Königin (die es gleichfalls wußte)
Sah, daß sie, um ihre Rachbegier
Nach Herzenslust zu büßen an mir,
Erst dieß Palladion rauben mußte.
Sie that's – wie ich zu spät erfuhr –
(Konnt' ich so Arges von ihr denken?)
Und, da ihr weder durch Kraft der Natur
Noch Zauberworte möglich war,
Den Schädel zu vertilgen gar,
So ließ sie ihn – ins Meer versenken;
Und so liegt bis zu dieser Stund'
All meine Hoffnung im Meeresgrund!«
Das ist ein böser Handel! (rief
Der Sultan aus) das Meer ist tief.
Dort einen Eselskopf zu fischen
Und just den rechten zu erwischen,
Ist keine Sache, worauf ein Mann
Sich große Rechnung machen kann.
Doch, eh wir ganz den Muth verlieren,
Geziemt sich, Alles zu probiren.
Ich lasse sogleich Befehl ergehen,
An allen Küsten, in allen Seen,
Flüssen und Teichen von Visapur
Nach Eselsköpfen zu fischen nur.
Ihr bleibt indessen bezaubert stehen;
Und daß Ihr, bis es besser wird,
Euch etwas leidlicher ennuyirt,
Schick' ich noch heut' Euch Zofen und Schranzen
Von meinem Hof', ein ganzes Heer;
Die sollen, bis ich wiederkehr',
In einem fort mit Singen und Tanzen
Pflichtschuld'ger Maßen Euch kuranzen.

Der edle Schach der schwarzen Inseln
Fängt nach Gewohnheit an zu pinseln,
Trennt ungern sich von seinem Freund;
Doch, da kein andres Mittel erscheint,
Läßt er dem Schicksal seinen Lauf
Und hört allmählich zu weinen auf.

Kaum ist der Sultan wieder zu Haus,
So gehn ins Reich Befehle aus.
Die Leute schütteln mächtig die Ohren:
»Was geht der Eselskopf uns an?«
Ich sorge, denkt mancher weise Mann,
Der Sultan hat den seinen verloren.

Allein der alte Fischer geschwind
Des kahlen Schädels sich besinnt,
Der neulich ihm ins Netz gegangen.
Ha! denkt er, wenn's der rechte wär'!
Da ließen sich wieder Bahams fangen!
Und brennend läuft' er nach dem Meer'.
Er sucht mit Fleiß dem Schädel nach,
Der neulich schier das Herz ihm brach,
Und findet ihn, mit Schlamm bedeckt,
Am alten Ort' im Sand versteckt.
Kurz, Freunde – (denn die Zeit ist edel!)
Es findet sich in kurzer Frist,
Daß dieser nämliche Eselsschädel
Der große Wunderschädel ist.

Der Sultan und der Fischer eilen,
Die Freude mit dem Schach zu theilen.
Der Schach den Schädel kaum berührt,
So wird er flugs entmarmorirt;
Die Königsstadt steht wieder da,
Den See kein Auge ferner sah;
Die Fische werden zu Bürgern wieder,
Wimmeln die Straßen auf und nieder
Bei Sonnen- und bei Mondeslicht,
Des alten Schlenders unvergessen;
Haben viel Müh' und karg zu essen,
Baun Tag und Nacht viel böhmische Schlösser
Ins Blaue hinein, hätten's gern besser
Und rathen immer und treffen's nicht.
Kurz, Alles ist wieder in seiner Pflicht.

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