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George Gordon Noël Byron: Gedichte - Kapitel 2
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typepoem
authorGeorge Byron
titleGedichte
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Hebräische Melodien.

 

Vorbemerkung.

Die folgenden Gedichte wurden auf das Ersuchen meines Freundes, des ehrenwerthen Dr. Kinnaird, für eine Sammlung hebräischer Melodien geschrieben und sodann mit der von den Herren Braham und Nathan hiefür arrangirten Musik herausgegeben.

Januar 1815.

 

Sie wallt in Schönheit.

Sie wallt in Schönheit wie die Nacht,
Wenn wolkenlos die Sterne ragen;
Was Hell und Dunkel lieblich macht,
Wird dir ihr Aug' und Antlitz sagen,
Wo sich ein holder Licht entfacht,
Als wenn die Himmel heiter tagen.

Ein Schatten mehr, ein Strahl davon
Würd' jene hohen Reize schwächen,
Die aus der Flechten Rabenton
Und aus der Miene Zauber sprechen,
Wo Lichtgedanken künden schon,
Aus welchem reinen Haus sie brechen.

Und auf der Wange, die so blüht,
Und auf der Stirne steht geschrieben,
Im Lächeln, das ins Herz uns glüht,
Daß sie nur voll von Tugendtrieben,
Daß mild und friedlich ihr Gemüth,
Und Unschuld athme nur ihr Lieben.

 

Die Harfe, die der Sänger schlug Davids Harfe.

Die Harfe, die der Sänger schlug,
Der König, Gottes Augenweide,
Die einst Musik am Herzen trug
Und sie durchweht mit sanftem Leide,
Sie weine nun, zerrissen ist die Saite!
Sie rührte manche Erzgestalt,
Gab Tugend ihr, die der nicht eigen;
Kein Ohr so taub, kein Herz so kalt,
Um bei dem Ton nicht Glut zu zeigen,
Bis Davids Thron der Leier sich mußt' neigen!

Sie kündete des Königs Ruhm,
Sie rauschte unsres Gottes Ehre;
Jed' Thal ward ihr zum Heiligthum,
Die Ceder lauschte und die Aehre,
Ihr Ton stieg aufwärts in des Himmels Sphäre!
Hört man den Klang auch nicht mehr hier,
So hebt doch Frömmigkeit und Liebe
Den kranken Geist nach dem Revier,
Aus dem's ihm klingt wie höh're Triebe;
O daß den Traum nicht Tageslicht zerstiebe!

 

Wenn dort in jener höhern Welt

Wenn dort in jener höhern Welt
Die Liebe darf noch weiter leben,
Wenn uns das Herz noch zärtlich schwellt,
Und nur im Aug' nicht Thränen beben –
Wie schön, dann dort hinauf zu schweben!
Wie süß des Todes Stunde gar!
Wie leicht, die Furcht dahin zu geben
Im Lichte, das von Anfang war!

Es muß so sein: kein kind'scher Grund
Läßt uns erbeben so am Rande;
Wir wollen über jenen Schlund,
Doch hängen fest am ird'schen Bande.
O daß in jenem höhern Lande
Jed' Herz das andre wiederfänd'
Und mit ihm tränk' am ew'gen Strande,
Daß Seele sich an Seele bänd'!

 

Auf Juda's Bergen

Auf Juda's Bergen die Gazelle
Springt fröhlich noch zur Stund',
Und trinkt von jeder Lebensquelle,
Die fließt auf heil'gem Grund.
Sie hüpft so froh, ihr Auge, klar
Glänzt von Entzücken wunderbar.

Gleich flücht'gen Schritt und Aug' gleich helle
Sah Juda einstmals hier,
Und auf der alten Freuden Stelle
Noch schön're Menschenzier.
Die Cedern wehn auf Libanon,
Die schlankern Mädchen sind entflohn.

Der Palme ward mehr Glück und Segen
Als Israels Geschlecht;
Sie darf noch, wo sie wurzelt, regen
Ihr anmuthvoll Geflecht.
Sie kann nicht lassen ihren Ort,
Sie kommt in andrem Grund nicht fort.

Wir aber ziehen fort, um später
Zu ruhn im fremden Land;
Und von der Asche unsrer Väter
Bleibt unsere verbannt,
Von unsrem Tempel blieb kein Stein,
Auf Salem's Thron sitzt Hohn allein.

 

O weint um Die.

O weint um die, die schrien an Babels Strom
Ums Vaterland und den zerstörten Dom!
Weint um die Harfe Juda's, die zerbrach!
Wo einst ihr Gott, thront gottlos jetzt die Schmach!

Wo soll das Volk ausruhn den blut'gen Fuß?
Wann wieder tönt der süße Zionsgruß?
Wann freut die Herzen Juda's Melodie,
Die einst gehüpft vor ihrer Harmonie?

Wo legt, ihr Stämme, einstens denn zur Ruh
Die müde Brust, den staubbedeckten Schuh?
Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Schluft,
Der Mensch sein Heim – doch Juda nur die Gruft!

 

An Jordans Ufer.

An Jordans Ufer graset das Kameel,
Auf Zion's Höh' kniet nicht mehr Israel,
Auf Sinai beugt sich der Knecht des Baal –
Selbst dort – o Gott! schläft deines Donners Strahl!

Dort, wo die Tafeln deine Hand gemalt!
Dort, wo dein Schatten auf dein Volk gestrahlt!
Mit Feuergarben du dein Haupt umwebt:
Du, den kein Mensch erschaut – und weiter lebt!

Schick' deinen Blick mit Blitzen auf dies Land
Und schlag' den Speer dem Dränger aus der Hand:
Wie lange soll hier hausen Trotz und Spott?
Wie lang' verwaist dein Tempel sein – o Gott?

 

Jephtha's Tochter

Da Gott mich verlangt und das Land,
O Vater! als Opfer und Pfand;
Da Sieg dem Gelübde entfloß,
So treffe die Brust hier, die bloß!

Vorbei ist die Klage, die Zähr',
Mich sehen die Berge nicht mehr.
Wenn Der, den ich liebe, mich schlägt,
Kein Wehe mich wahrlich bewegt.

Deß darfst du versichert wol sein,
Das Blut deines Kindes ist rein,
So rein wie dein Segen, eh's fließt,
Wie der letzte Gedank', der mir sprießt.

Wenn Salem's Jugend auch klagt,
Bleib', Richter und Held, unverzagt!
Für dich hab' die Schlacht ich gewandt,
Mein Vater ist frei und mein Land!

Wenn mein Blut – dein eigenes – floß,
Und der Mund, den du liebtest, sich schloß,
So sei mein Gedächtniß dein Stolz,
Gedenk', daß ich lächelnd verschmolz!

 

O in der Schönheit Glanz entrückt!

O in der Schönheit Glanz entrückt,
Kein schwerer Grabstein dich bedrückt;
Doch zieren wird der Rose Blatt
Zuerst im Jahr die Ruhestatt,
Die düster wehend die Cypresse schmückt.

Und oft wird an dem blauen Bach
Gram stützen sein ermüdet Haupt
Und hängen Nachtgedanken nach
Und treten leis, als ob er glaubt',
Daß er die Ruh' der Todten raubt.

Hinweg! wol ist umsonst die Thrän',
Der Tod hört nicht auf unfern Harm,
Doch wird die Klage drum verwehn?
Fällt Eines Zähre wen'ger warm?
Und du, die will, daß ich mich fass',
Dein Blick ist trüb, dein Auge naß.

 

Nacht ist's in mir.

(Saul.)

Nacht ist's in mir! – O greife schnelle
Die Harfe, da sie mir noch klingt,
Und führ' mit sanftem Finger helle
Dem Ohr' zu, was sie Liebes singt!
Wenn noch ein Hoffen in mir blinkt,
Werd' ich's bei diesem Ton erkennen,
Wenn eine Thrän' mir noch entspringt,
Wird fließen sie, und nicht mehr brennen.

Doch lasse wild die Saiten gleiten,
Gib nicht zuerst der Freude Ton;
Zum Weinen sollen sie mich leiten,
Sonst bricht dies schwere Herz, mein Sohn!
Denn Kummer nährt es lange schon,
Es seufzet schlaflos, stumm und lauge;
Jetzt mag das Schlimmste es bedrohn,
Es breche – schmilzt's nicht im Gesange!

 

Ich sah dich weinen.

Ich sah dich weinen: eine Thräne
Trat in dein Aug' so blau,
Und bald darauf fiel nieder jene
Wie violetter Thau.
Ich sah dich lächeln: Saphirs Leuchten
Verlor vor dir den Schein;
Vor deinem Blick, dem strahlenfeuchten,
Ließ er das Glänzen sein.

Wie Wolken von der Sonne strahlen
In reichstem Farbenbrand,
Den kaum von Himmels Lichtportalen
Des Abends Schatten bannt,
So theilt dies Lächeln reinste Wonne
Dem schwersten Herzen mit,
Sein Schimmer ist die warme Sonne,
Die in das Herz mir glitt.

 

Dein Tag ist um.

Dein Tag ist um, dein Ruhm begann.
Schon singet Alt und Jung,
Was dieses Volkes Sohn gethan
Mit seines Schwertes Schwung,
Die Schlachten, die er all gewann,
Der Freiheit Sicherung.

Zwar fielst du, doch so lang wir frei,
Soll dir der Tod nicht nahn;
Dein Blut wollt' keiner Tyrannei
Je werden unterthan;
Sein Strom in unsern Adern sei,
Dein Geist soll uns umfahn.

Dein Name soll für unser Heer
Der ew'ge Schlachtruf sein,
Dein Fall die Hymne, hoch und hehr,
Der jungfräulichen Reihn,
Dein Ruhm verschmäht ein Thränenmeer,
Wir weinen nicht, mehr – nein!

 

Gesang Sauls vor seiner letzten Schlacht.

Ihr Krieger und Fürsten! wenn Lanze, wenn Schwert
Mich heut' an der Spitze des Heeres durchfährt,
Nicht hemme der Leichnam des Königs den Pfad:
Begrabt euern Stahl in den Herzen von Gad!

Du, der du den Bogen mir trägst und den Schild,
Wenn je meine Krieger nicht stehn im Gefild',
Dann strecke sofort du mich nieder im Blut,
Mein sei das Geschick, dem entwichen die Brut!

Ihr Andern lebt wohl! – doch wir trennen uns nicht.
Du Erb' meines Thrones, mein Sohn und mein Licht!
Hell sei unsre Krone und ewig die Macht,
Doch fürstlich der Tod, wenn wir stürzen in Nacht.

 

Saul.

»Du, deren Zauber Todte ruft,
Laß den Propheten mir erscheinen!«
»»Samuel! empor aus deiner Gruft!
Schau, König, hier ihn in dem Leinen.««

Die Erde gähnt; er stand in Wolkennacht,
Das Licht entfloh vor seines Bahrtuchs Macht.
Im starren Blick malt' gläsern sich der Tod,
Die Hand war welk, die Adern nicht mehr roth,
Sein Fuß erglänzte wie von Elfenbein,
Fleischlos, verschrumpft, in geisterhaftem Schein.
Aus starren Lippen, athemlosem Mund,
Kam hohles Wort, wie Wind aus Höhlenschlund.

»Warum wird mein Schlaf gestört?
Wer ist's, den der Todte hört?
Bist es du, o König? – Schau!
Blutlos ist mein Leib und grau;
So wird morgen deiner sein,
Wenn bei mir du rückest ein.
Eh' der nächste Tag vollbracht,
Sinkt dein Sohn, sinkst du in Nacht,
Leb' denn wohl, doch nur für kurz,
Dann vereint dich mir dein Sturz.
Dein Geschlecht liegt dann so bleich,
Hingestreckt durch manchen Streich;
Und das Schwert am Seitenband
Lenkt nach deiner Brust die Hand;
Kronlos, kopflos, athemlos
Fällt des Sohns, des Vaters Loos.

 

Alles ist eitel, sagt der Prediger.

(Salomo.)

Macht, Weisheit, Liebe waren meine,
Gesundheit hatt' ich, Jugendmuth;
Mein Becher floß von jedem Weine,
Mich kosten Lieblichkeit und Glut;
Ich sonnt' mein Herz im Aug' der Schönen
Und zärtlich ward die Seele ganz,
Was Erde bietet ihren Söhnen,
War mein in königlichem Glanz.

Ich suche eifrig nach den Tagen
In der Erinn'rung weitem Feld,
Die locken könnten, es zu wagen
Von Neuem mit der Pracht der Welt.
Doch Tage gab es nicht, noch Stunden
Der Freude ohne Bitterkeit;
Da ward kein Schmuck der Macht gefunden,
Der nicht, getragen auch ein Leid.

Die Schlange, die im Feld sich findet,
Wird oft durch Zauberkunst gelähmt,
Doch die, die um das Herz sich windet,
Wer hat sie jemals noch gezähmt?
Sie lauscht nicht auf der Weisheit Lehren,
Nicht auf die Stimme der Musik,
Sie sticht ins Herz trotz allem Wehren
Und dulden muß es sein Geschick.

 

Wenn dieser Leib einst wird erkalten.

Wenn dieser Leib einst wird erkalten,
Wo schweift dann ach! die Seele hin?
Sie kann nicht sterben, hier nicht walten,
Sie läßt den Staub, muß weiter ziehn.
Durchläuft sie langsam dann die Straße
Des Himmels, der Planeten Bahn?
Füllt plötzlich sie des Raumes Maße
Und schaut auf einmal Alles an?

Endlos ist sie, ein unzerfallen,
Unsichtbar Ding, das Alles sieht,
Was je in Erd'- und Himmelshallen
Geschehen ist und noch geschieht.
Selbst der Erinn'rung schwächste Fährte,
Der dunkeln, fernsten Zeit Geschick
Schaut sie mit Einer Lichtgeberde,
Und was da war, mit Einem Blick.

Ihr Aug' rollt' durch des Chaos Ferne,
Als leer und wüst die Erde war,
Bis wo entstehn die letzten Sterne
Und sich ihr eigner Geist gebar;
Ja, Alles wird ihr Blick umfassen,
Was künftig sein wird und vergehn,
Wenn Sonnen löschen und erblassen,
Wird sie in Ewigkeit bestehn.

Hoch über Liebe, Haß und Plage
Lebt ohne Leidenschaft sie, rein,
Jahrhunderte entfliehn wie Tage,
Und Jahre werden Stunden sein.
Und fort und fort flieht ohne Schwinge
Ihr Lichtgedanke durch das All,
End-, namenlos wie alle Dinge,
Vergessend ihren Tod und Fall.

 

Das Gesicht Belshazzar's.

Der König saß beim Mahle,
Die Großen um ihn her;
Im goldnen Festessaale
Erglänzt' ein Lichtermeer.
Viel tausend goldne Becher
Jehovah's Weihgeschirr,
Sie machten jetzt die Zecher
Mit süßem Weine wirr.

Und zu derselben Stunde
Kam eine weiße Hand
Hervor im Hintergrunde
Und schrieb dort an die Wand.
Nur sie sah man dort streichen,
Die weiße Hand allein,
Sie lief entlang den Zeichen
Und schrieb so klar und rein.

Der König sah's und bebte,
Hob auf die Tafelrund',
Sein Blick war starr; ihm klebte
Die Zunge in dem Mund.
»Schickt zu den klugen Leuten,
Den Weisesten der Welt,
Daß sie die Schrift mir deuten,
Die mir die Lust vergällt.«

Viel wissen die Chaldäer,
Doch hier läßt sie's im Stich,
Die Schrift verwirrt die Seher,
Schwarz steht sie, schauerlich.
Auch Babel's würd'ge Greise
Sind kenntnißvoll, gewandt,
Doch hier war Keiner weise,
Sie schauten stumm die Wand.

Ein Jüngling, der gefangen,
Ein Held aus Davids Reich,
Vernahm des Herrn Verlangen;
Er las die Schrift sogleich.
Er sah den Sinn beim bleichen
Und schwanken Lampenschein,
Er las bei Nacht die Zeichen,
Am Tage traf es ein.

Um sind Belshazzar's Tage,
Sein Reich, sein Glück entweicht;
Gewogen in der Wage
Ward er erkannt zu leicht.
Sein Kleid ist Bahrtuch worden,
Sein Pfühl der Leichenstein,
Der Meder nimmt die Pforten,
Den Thron der Perser ein.

 

Du Sonn' der Schlafbedürft'gen

Du Sonn' der Schlafbedürft'gen! Trüber Stern!
Deß Thränenlicht glimmt zitternd aus der Fern',
Der's Dunkel zeigt, doch nimmer es verjagt,
Wie gleichst du Freuden, die uns einst getagt.
So glimmt Vergangenheit, des Ehdem Licht,
Es scheint, doch wärmt mit seiner Blässe nicht,
Ein Nachtstrahl, der ins Aug' des Kummers prallt:
Bestimmt, doch fern, klar, aber ach! so kalt.

 

Wär' im Herzen ich falsch

War' im Herzen ich falsch, wie du meinst, daß ich bin,
Ich geb' Galiläa, die Heimat, nicht hin.
Ich brauchte den Glauben zu schwören nur ab,
So löscht' ich den Fluch, den die Heimat mir gab.

Wenn das Böse nie siegt, ist Gott jetzt mit dir,
Wenn der Sklave nur sündigt, ist rein dein Panier,
Läßt Gott auch der Erde Verstoß'nen im Stich,
So behalt' deinen Glauben, in meinem sterb' ich.

Für den Glauben gab mehr ich, als du ihm kannst weihn,
Der Herr allein weiß es, der dich läßt gedeihn;
Bei Ihm liegt mein Hoffen, mein Herz – und bei dir
Mein Land und mein Leben – Ihm weih' ich sie hier.

 

Herodes Klage um Mariamne Die Gemahlin des Herodes, die derselbe aus Eifersucht tödten ließ.

Mariamne, ach! mir bricht um dich
Das Herz, für das ja dein's gebrochen!
Der Jammer kommt, die Nachgier wich.
Durch Schlangenbiß wirst du gerochen.
Mariamne, ach! wo magst du sein?
Du kannst nicht hören meine Klage,
Ach hört'st du sie – du würd'st verzeihn,
Hört Gott auch nicht, wie ich verzage!

Und ist sie todt? Und durften sie
Denn meiner Wuth zu folgen wagen?
Verzweifelnd fall' ich auf die Knie
Mir droht das Schwert, das sie geschlagen!
Doch du, gemordet Lieb', bist kalt,
Nach dir schreit dieses Herz vergebens;
Allein schwebt dort die Huldgestalt
Und läßt mich – unwerth jenes Lebens.

Sie ging! Sie theilte meinen Thron,
Mit ihr ist meine Lust begraben;
Ich schlug die Blume ab mit Hohn,
Die nur geblüht, um mich zu laben.
Mein ist die Schuld und mein die Qual,
Des Busens höllisches Verdammen;
Ich hab's verdient viel tausend Mal,
Daß mich verzehren diese Flammen!

 

Am Tage der Zerstörung Jerusalems durch Titus

Vom letzten Gebirg', das erblickt deinen Dom,
Erschaut' ich dich, Zion, gefallen an Rom;
Die Sonn' ging dir unter, du flammtest im Fall,
Das lohte im Blick mir, der traf deinen Wall.

Ich sah nach dem Tempel, nach Heimat und Haus
Und einen Moment fiel die Knechtschaft mir aus.
Ich sah nur die Glut, die den Tempel verschlang,
Und die Fesseln der Hand, die die Rache bezwang.

Die Höhe, von der ich herniedergeträumt,
Ward oft schon vom letzten Strahle besäumt;
Da sah ich vom Berge die Sonne entfliehn,
Die glühend dann noch deinen Altar beschien.

Nun stand ich da droben dies schreckliche Mal,
Doch sah nicht, wie hinschmolz der Dämmerung Strahl.
O hätte der Blitz anstatt seiner gezückt
Und Donner das Haupt des Erob'rers erdrückt.

Doch nie sollen Götter der Heiden entweihn
Den Schrein, dem Jehovah ein Herr wollte sein!
Wie zerstreut und verflucht auch dein Volk lebe hier,
Unser Gottesdienst, Vater, gehört doch nur dir.

 

Wir saßen an Babels Gewässern

Wir saßen an Babels Gewässern
Und weinten und dachten daran,
Wie der Feind mit gerötheten Messern
Auf Salem gestürzt, ein Orkan,
Und ihr, o ihr Töchter, den Pressern
Mit Thränen gelassen den Plan.

Indessen wir klagten und hingen
Zum Strom, der in Freiheit gerannt,
Gebot man uns Armen zu singen.
Doch nie sei die Saite gespannt!
Eh' daß wir die Harfe so zwingen,
Verdorre uns eher die Hand!
An die Weiden die Harfe wir hingen
Freier, Salem, sei sie als wir!
Als einst deine Ehren vergingen,
Blieb mir nur dies Zeichen von dir.
Und nie soll ihr Saitenspiel klingen
Zur Stimme des Räubervolks hier.

 

Die Vernichtung des Sennacherib

Assur stürmt her wie der Wolf auf die Heerde
In Gold und in Purpur prunkt jeder Bewehrte.
Es funkeln die Speere wie Sterne im Meer,
Wogt nächtlich es um Galiläa daher.

Wie Blätter des Waldes in Sommerzeitwonne
Stand das Heer mit den Fahnen beim Scheiden der Sonne,
Wie Blätter des Walds, wenn der Wind darin haust,
Lag am Morgen dies Heer da, so welk und zerzaust.

Denn der Engel des Tod's hob die Flügel im Winde
Und blies über die Stirne dem Feinde gelinde,
Da wurde das Auge der Schläfer so schwer,
Das Herz hob sich einmal noch, dann nimmer mehr.

Da lagen die Rosse, geöffnet die Nasen,
Durch die keine Hauche des Stolzes mehr blasen;
Und der Schaum hing im Grase so weiß und so kalt,
Wie der Sprudel am Felsen, wenn Brandung aufwallt.

Da lagen die Reiter, die bleichen Gebilde,
Mit Thau auf der Stirne und Rost auf dem Schilde,
Die Zelte so schweigend, die Banner allein,
Die Lanzen am Boden, so stumm die Schalmei'n.

Und die Wittwen von Assur, sie schreien und klagen,
Die Götzen im Tempel, sie werden zerschlagen,
Und der Heiden Macht, die nicht gebrochen das Schwert,
Wird wie Schnee nun vom Blicke Jehovah's verzehrt.

 

Ein Geist ging einst an mir vorbei

Aus Hiob

Ein Geist ging einst an mir vorbei. Ich sah
Ein Antlitz der Unsterblichkeit mir nah';
Im Schlaf lag jedes Aug', nur meines nicht,
Da stand's vor mir, das göttliche Gesicht!
Das Fleisch erbebte mir, der Muth mir brach.
Zu Berge stand mein nasses Haar. Es sprach:
»Seid ihr gerechter denn als Gott? Als Er,
Dem selbst ein Seraph bietet nicht Gewähr?
Ihr Lehmgeschöpfe, eitles Staubgeschlecht!
Die Mott' lebt länger! Seid ihr mehr gerecht?
Ihr Tagesfliegen, die ihr welkt vor Nacht
Und nimmer nehmt der Weisheit Licht in Acht!«

 

Aus der Familie

1816

Lebewohl!

Sie waren Freunde sich als Jungen;
Doch selbst die Wahrheit fälschen Zungen,
Und Treue ist bei Gott geblieben.
Hart ist das Leben, Jugend dumm,
Mit Einem bös sein, den wir lieben,
Geht uns wie toll im Kopf herum.

Doch nie ging Der zu Jenem wieder,
Das bange Herz vom Schmerz zu lösen.
Sie standen mit den wunden Blößen
Wie Felsen, die man riß entzwei.
Ein Meer fließt zwischen den zwei Wesen
Doch weder Winters Frost noch Mai
Beseitigt je mit scharfem Besen
Die Spur von Dem, was einst gewesen.

Coleridge's Christable.

   

Lebe wohl, und wenn für immer,
Dann für immer lebe wohl!
Wenn's auch unerbittlich, nimmer
Grollt mein Herz auf sein Idol.

Stünd' die Brust doch vor dir offen,
Dran dein Kopf so oftmals lag,
Wo dich süßer Schlaf betroffen,
Der dich nicht mehr finden mag;

Könntest du ins Herz nur sehen,
Bis ins innerste Verließ,
Müßtest du dir wol gestehen:
»'S war nicht gut, daß ich's verstieß.«

Mag die Welt dich dafür preisen,
Mag sie lächeln deinem Spiel,
Dich verletzen müßt' ihr Gleißen,
Das mein Elend hat zum Ziel.

Sollt' ich meine Sünden büßen,
Fand sich denn kein andrer Arm,
Mir's zu thun, als der der Süßen,
Der mich einst umschlang so warm?

Täusch' dich nicht! Es schwindet Liebe
Wol allmählich dem Gesicht,
Doch mit einem einz'gen Hiebe
Trennt man Herz von Herzen nicht.

Noch schlägt deines in der Flanke,
Noch lebt meines, zuckt's auch sehr,
Und der peinliche Gedanke
Heißt: Wir sehn uns nimmermehr.

Dies sind Worte, so unsäglich,
Wie kaum zeigt ein Sarkophag.
Beide leben wir, doch täglich
Weckt verwittwet uns der Tag.

Unser Kind!! – Dir Trost gewähren
Wird's, wenn's lallt sein erstes Wort;
Wirst du's: »Vater!« sagen lehren,
Wenn auch Vaters Sorge fort?

Wenn sein Händchen dir begegnet,
Seine Lippe deine drückt,
Denke Dessen, der dich segnet,
Daß, den deine Lieb' zerstückt.

Gleichen seine Züge denen,
Die du nimmermehr wirst sehn,
Wird dein Herz sich zitternd sehnen
Und für mich Ein Pulsschlag gehn.

Meine Mängel kennst du alle,
Niemand kennt mein toll Genie,
Meine Hoffnung wird zu Galle,
Wo du weilst, doch läßt dich nie.

Jed' Gefühl in mir lief Gassen;
Stolz, den eine Welt nicht bog,
Beugt sich dir – von dir verlassen,
Meine Seele von mir zog.

Doch vollbracht ist's – alle Worte
Sind ja eitel; eitler noch
Ist das meine – doch die Pforte
Sprengt zuletzt die Seele doch.

Lebe wohl! – Somit geschieden,
Jedes engern Bandes los,
Einsam, blutend, ohne Frieden
Lieg' ich schon in Todes Schooß.

Den 17. März 1816.

 

Eine Skizze.

Ehrlicher – ehrlicher Jago! – –
Bist du ein Teufel, kann ich dich nicht tödten.

Shakespeare.

   

Geboren unterm Dach, dressirt beim Topf,
Berufen dann zu drehn der Herrin Zopf,
Hierauf für einen saubern Dienst gepreßt,
Der aus dem Lohn sich nur errathen läßt;
Vom Putztisch nun zur Tafel avancirt,
Wo der erstaunte Kämm'rer ihr servirt,
Speist sie mit keckem Blick und stolzem Busch
Von jener Platte, die sie kaum noch wusch;
Höchst schnabelschnelle, lugbereite Schranz',
Der Frau Vertraute und Spionin ganz.
Was wird das nächste Amt der Zauberin?
Man gibt an sie das einz'ge Kind dahin.
Sie lehrt das Kind erst lesen, und so gut,
Daß sie dabei selbst lernt, wie's Lesen thut;
Dann geht sie mit der Schreibkunst thätig vor,
Wie mancher Bock zeigt, der sich drein verlor.
Zu was sie ihre Pflanze noch gemacht,
Weiß Niemand, doch Die nahm ihr Herz in Acht.
Nach Wahrheit rang die Seele sich empor
Mit warmer Brust und unbetrognem Ohr;
Die Unschuld überwand die Schlechtigkeit,
Sie täuscht' nicht Schmeichelei, kein blendend Kleid;
Ihr that Betrug nichts, steckte sie nicht an,
Kein übles Beispiel riß sie in die Bahn;
Errung'nes Wissen trieb sie nicht, zu schaun
Auf schwäch're Kraft mit mitleidsvollen Brau'n;
Genie und Schönheit machte sie nicht schwach,
Der Neid errang nicht, daß sie Leid trug nach.
Glück änderte sie nicht, noch Leidenschaft,
Sie war nicht herb, wenn noch so tugendhaft.
Von reinster Heiterkeit war sie beseelt,
Der nur der Nachsicht süße Schwäche fehlt',
Denn scheu vor Lastern, die gekannt sie nie,
Glaubt sie, ein Jedes könne sein wie sie;
Des Lasters Feind, doch kaum der Tugend Freund,
Weil die vergibt, wo sie zu bessern meint. –
Doch nun zum Text, verlassen schon so lang,
Dem gift'gen Stoff für diesen biedern Sang.
Bestehen ihre Aemter auch nicht mehr,
Regiert sie doch, wo sie gedient vorher.
Wenn selbst die Mutter vor ihr bebt noch heut',
Die Tochter sie der Mutter wegen scheut,
Wenn die Gewohnheit – jenes falsche Band,
Das oft das Höchste um Gemeinstes wand –
Die Macht ihr schenket, jenen gift'gen Saft
Dort einzuflößen, ihrer Willenskraft;
Wenn wie die Schlange sie das Haus durchkriecht,
Bis man den Wurm am schwarzen Schleime riecht,
Wenn wie die Natter sie ums Herz sich schlingt
Und dort, wo sie kein Gift schmeckt, solches bringt,
Was Wunder, daß die Hexe böser That
Stets Böses wittert auf verborg'nem Pfad,
Um Höllen da zu schaffen, wo sie wohnt
Und als die Hekate des Hauses thront! –
Geschickt zu mehren des Scandales Spur
Durch jede Art von lügenhafter Tour,
Halb wahr, halb falsch, halb Lächeln und halb Trug,
Ein Fädchen Ehrlichkeit im Knäuel Lug,
Scheinbar von plumper, kurzer, offner Art,
Damit sie besser ihre Ränke wahrt,
Ein Lügenmund, 'ne Fratz' zum Trug gemacht,
Die selber fühllos jed' Gefühl verlacht,
Mit einer Larv', Gorgonen zu gemein,
Die Haut von Pergament, das Aug' von Stein!
Schau, welch ein gelbes Blut ihr Fleisch durchfließt
Und drin zu Schlamm versumpft, dem Gift entsprießt,
In gelbem Panzer wie der Tausendfuß,
In dunklem Grün wie des Scorpiones Blous'
(Denn beim Gewürm nur kommt die Farbe vor,
Die diese Stirne, diese Seel' erkor!)
Sieh in die Züge und du siehst darin
Wie in 'nem Spiegel ihres Herzens Sinn.
Betracht' das Bild, es ist nicht karikirt,
Im Gegentheil, es ist nur erst skizzirt.
Als die Natur ihr Handwerk trieb nicht mehr,
Stellt ihr Geselle noch dies Scheusal her
Als Hundsgestirn am eignen Himmelsplan,
Wo Alles hinwelkt, dem sie's, angethan! –

O Scheusal, ohne Thräne, ohne Sinn
Als für das Unheil, das dir bringt Gewinn!
Die Zeit wird kommen, und sie kommt mit Macht,
Wo, mehr du leidest, als du angefacht.
Dein elend Selbst wird dann der Zielpunkt sein.
Und du das Bild erbarmungsloser Pein.
Mög' dann zertretner Liebe Fluch und Schmerz
Wie Wetter leuchten durch dein brandig Herz,
Daß du in deiner Seele Aussatz dir
So scheußlich wirst wie jedem Menschen hier,
Bis jeder Selbstgedanke wird zu Haß,
So schwarz wie du ihn Andern schufst zum Spaß,
Bis sich zu Staub dein hartes Herz verzehrt
Und deine Seel' in dieser Kruste gährt!
O daß dein Grab so schlaflos wie das Bett,
Das Wittwenbett, das du gemacht so nett!
Willst du dann Gott mit Beten mühn, und Knie'n,
Schau deine Opfer an und fahre hin!
Hinab zum Staub! und wirst du dort zum Aas,
Sollst du den Wurm vergiften, der dich fraß.
Wär's um der Lieb' nicht, die ich hatt' und hab'
Für Die, die du von Allem löstest ab,
Dein Name sollt' so hochgenagelt stehn,
Daß Jeder müßt' des Abscheu's Gipfel sehn,
Hoch über jedem Schuft, der dir steht nach,
Und faulend durch Jahrhunderte der Schmach!

Den 29. März 1816.

 

An Augusta Die Schwester Lord Byrons, verehelichte Leigh.

Wo Alles schwarz und schrecklich blickte,
Vernunft selbst einzog ihren Strahl,
Und Hoffnung kaum ein Fünkchen schickte,
Das meinem Weg nur ward fatal,

In dieser tiefen Nacht der Seele,
In dieser schweren Herzensfehd',
Wo, bang, daß er aus Liebe fehle,
Der Wicht verzagt, der Kalte geht,

Als Glück sich drehte, Lieb' enteilte
Und dichte Pfeile schoß der Haß –
Warst du der Stern, der bei mir weilte,
Und bis ans Ende mein Verlaß.

Gesegnet sei dein Licht, das reine,
Das mich mit Seraphsblick bewacht,
Und, nahe mir mit süßem Scheine,
Stets zwischen mir stand und der Nacht.

Und als die Wolken auf uns fielen,
Zu schwärzen drohten deinen Strahl,
Da schien's nur Heller noch zu spielen
Und scheuchte jenes Dunkels Qual.

O mög' dein Geist mich nicht verlassen!
So Trotz wie Demuth lehren mich!
Dein Wort weiß mächt'ger mich zu fassen
Als dieser Leute Schimpf und Stich.

Fest standst du gleich dem schlanken Baume,
Der niemals bricht, nur sanft sich biegt,
Und über einem theuren Raume
Die Zweige treu und liebend wiegt.

Der Wind mag wehn, die Wolke gießen,
Doch du bist da, und wirst es sein,
Und deine Blätter weinend fließen
Im schwersten Sturme auf mich ein,

Doch nie soll böser Thau dich knicken,
Wie auch das Schicksal würfle mich,
Der Himmel lohnt mit Sonnenblicken
Den Edeln stets, am meisten dich.

Das Band der Liebe mag zerreißen,
Das unsre bleibt wie's immer war,
Dein Herz kann fühlen, nicht entgleisen,
Weich ist es, doch unwandelbar.

Solch Herz, da Alles sonst verloren,
In dir nur fand und find' es ich;
Die Erd', die solche Treu' geboren,
Ist Wüste nicht – selbst nicht für mich.

 

An Augusta.

Ob der Tag meiner Bahn auch im Schwinden
Und der Stern meines Lebens hinab,
Will dein freundliches Herz doch nicht finden
Jene Fehler, die Mancher mir gab.
Deine Seele erkannt' meine Qualen
Und wollt' sie doch theilen mit mir,
Und die Lieb', die mein Geist pflegt zu malen,
Ich fand sie doch einzig in dir!

Wenn Natur mir ihr Lächeln noch spendet,
Das letzte, das antwortet mir,
So halt' ich mich nicht für geblendet:
Es gleichet ja deinem, und dir!
Wenn Stürme mit Meerfluten ringen,
Wie das Herz, dem ich glaubte, mit mir,
Wenn die Wellen mich außer mir bringen,
Ist's, weil sie mich reißen von dir.

Ist der Fels meiner Hoffnung zersplittert
Und versunken im Meer sein Gestein,
Ist die Seele voll Schmerz auch durchzittert,
Sie wird doch sein Sklave nicht sein.
Von zahllosen Stacheln gestochen,
Kann ich fallen, verächtlich sein – nie!
Sie können mich foltern, nicht jochen,
Ich denke an dich – nicht an sie!

Ob Mensch auch, hast du doch nicht betrogen,
Ob Weib auch, verließ'st du mich nicht,
Ob geliebt, hast du mir nicht gelogen,
Ob beschwatzt, bliebst treu du der Pflicht,
Ob vertraut, bist du nie mir entgangen,
Ob geschieden, war's nicht zu fliehn,
Ob wachsam, war's nicht mich zu fangen,
Noch schwiegst du, als man mich geziehn.

Die Welt will ich nimmer verachten,
Auch den Krieg nicht von Allen mit mir;
Wenn mein Herz nicht vermocht, sie zu achten,
Mußt' ich früher mich trennen von ihr.
Ist der Wahn mir so theuer gekommen,
Daß es ging über meinen Horizont,
Fand ich doch, daß, was sie genommen,
Sie mir dich nicht rauben gekonnt.

Vom Wreck, was mir damals zerstiebte,
Sei so viel noch wenigstens mein:
Ich weiß, was am meisten ich liebte,
Verdient, mir am liebsten zu sein.
In der Wüste springt eine Quelle,
Ein Baum steht im öden Revier,
Und ein Vogel an einsamer Stelle
Singt süß meinem Geiste von dir!

Den 24. Juli 1816.

 

Epistel an Augusta

O Schwester, holde Schwester! Gäb's 'nen Namen,
Der theurer, reiner wär', dich sollt' er ehren!
Gebirg und Meer trennt uns mit hartem Rahmen,
Doch Liebes will ich nur von dir, nicht Zähren.
Wo ich auch sei, bist du mein Ja und Amen,
Ein theurer Schmerz, den ich nicht kann entbehren;
Zwei Dinge gibt's für mich allein noch hier:
Die Welt durchwandern, und ein Heim bei dir.

Das erste wär' nicht, hätte ich das zweite
Es war' für mich des Glückes reichster Hafen;
Doch andre Pflichten hast du, andre Eide,
Ich will nicht Schuld sein, daß sie für dich schlafen;
Ein seltsam Schicksal gab mir das Geleite.
Genug! Ich kann's nicht hindern, mich zu strafen.
Des Ahnherrn Loos ward für mich umgewandt,
Er fand nicht Ruh' zur See, ich nicht zu Land. Der Großvater Lord Byron's machte eine Reise um die Welt.

Wenn meine Sturmeserbschaft auch geschehen
In andrem Element, und ich an Klippen,
Die ich verachtet oder nicht gesehen,
Zerstoßen mir gewaltig meine Rippen,
War's meine Schuld! Ich will hier nicht verdrehen,
Was ich gefehlt, durch Redekunst der Lippen.
Ich war, mich selbst zu stürzen, sehr gewandt
Und meines Wehs Pilote – mit Verstand!

Mein war die Schuld, mein sei der Lohn! Mein Leben
War nur ein Kampf seit jenes Tages Reifen,
Der mir das Dasein und ein Gift gegeben,
Das es verdarb: Die Sucht, das Loos zu schweifen.
Zu hart erschien mir oft dies Kämpfen, Streben,
Ich dachte dran, die Fesseln abzustreifen;
Jetzt aber lebt' ich gern noch eine Frist,
Sei's nur, zu sehn, was mir beschieden ist.

Ich überlebte Staaten, Weltenreiche
In meiner Zeit, die doch nur eine Spanne;
Wenn ich so Großes mit dem Sturm vergleiche,
Der wild getobt in meiner kleinen Wanne,
So schmilzt der Schaum geschwind in dem Bereiche;
Und etwas Andres wahret noch dem Manne
Ein Loth Geduld –,was weiß ich nicht; doch wir
Erkaufen Schmerzen nicht vergeblich hier.

Vielleicht es rühret sich des Trotzes Hyder
In mir; nebst der Verzweiflung kaltem Hohne,
Der manchmal kommt, wenn Unglück stets kehrt wieder;
Vielleicht die rein're Luft, die mild're Zone
(Denn daraus auch weht andre Stimmung nieder,
Die leicht're Rüstung stärkt uns zweifelsohne.)
Gewährten eine Ruh' mir, die nicht war,
Selbst als mein Loos noch nicht des Friedens baar.

Oft fühl' ich fast, wie ich vor Zeiten, grauen,
Als Kind gefühlt! Und Blumen, Bäche, Bäume,
Die mich erinnern an der Heimat Auen,
Eh' man mich einschloß in die Bücherräume,
Sie nah'n mir wieder, und mein Herz will thauen
Und wieder träumen alte Jugendträume.
Zuweilen dacht' ich gar, ich säh', was ich
Noch lieben könnt' – doch keine, die dir glich.

Hier ladet nun der Alpen große Scene
Mich zur Betrachtung ein. Doch das Bewundern
Ist ein Gefühl, zu flüchtig, kurz für jene;
Zu höheren Gedanken führt's, gesundern.
Nein! hier allein sein, zeuget keine Thräne,
Ich schaue in ein Meer von holden Wundern,
Vor Allem beut ein See sich hier mir dar –
Nicht lieber – lieblicher als unsrer war.

O wenn du bei mir wärst!! – Jedoch ich werde
Der Narr ja meiner Wünsche, und vergesse,
Daß dies gerühmte, stille Stück der Erde,
Durch solchen Ausruf einbüßt sein Int'resse.
Noch Andres gibt's, was längst ich wol entbehrte,
Zwar bin ich nicht der Mann der trüben Blässe,
Doch ebbt in mir heut' die Philosophie,
Es steigt ins Aug' die Flut der Sympathie.

Ich mahnte dich an unsern See, den lieben, Den See von Newstead Abbey.
Beim Haus, dem ich zum letzten Mal wol nahte.
Schön ist der Leman; doch ist mir geblieben
Das süße Bild der theureren Gestade;
Eh' würde jeder Sinn mir ausgetrieben,
Eh' ihn und dich mein Geist nicht mehr umfahte,
Wenn ich euch auch für immer hab', entsagt,
Wie Allem was ich liebte, was mich jagt!

Die ganze Welt liegt vor mir, doch ich bitte
Von der Natur nur, was sie mag gewähren:
Zu sonnen mich in ihrem Strahlentritte,
Mit ihrer Himmelsruhe mich zu nähren,
Ins Antlitz ihr zu schaun bei jedem Schritte,
Für seinen Reiz den Sinn nie zu entbehren.
Sie war mein frühster Freund, nun soll sie mir
Auch Schwester sein, bis wieder ich bei dir.

Nur dies Empfinden kann ich nicht beschneiden
Und möcht's auch nicht, da ich nun neu darf schauen
Die Scenen, die begonnen mein: Zeiten,
Die einzigen, die mir das Herz erbauen.
Hätt' ich gelernt, den Haufen zu vermeiden,
Ich wäre besser, hätt' mehr Selbstvertrauen,
Die Leidenschaft riß mich nicht hin und her,
Ich litt nicht so – du weintest nicht so sehr.

Mich hätte falscher Ehrgeiz nicht bezwungen,
Die Ruhmsucht nicht, und wenig nur – die Damen,
Doch haben sie mich ungesucht umschlungen
Und machten mir was sie gekonnt: 'nen Namen!
Dies war der Zweck nicht, dem ich nachgerungen,
Ich sah ein Ziel in einem bessern Rahmen.
Das ist vorbei! Es tritt nur Einer mehr
Zu den Millionen, die getäuscht vorher.

Und künftig nun? Die Zukunft dieser Zeiten
Kann wenig nur von meiner Müh' verlangen;
Mein Lebenstag zeigt schon ein Überschreiten,
Ich überlebt' so viel schon, was vergangen;
Ich schlief auch nicht: um meine Jahre streiten
Viel wache Nächte: und ich hab' empfangen
Ein Leben, das wol hundert Jahr' gefüllt,
Eh' sich davon ein Viertel mir enthüllt.

Wie für den Rest, der mir nicht ist erlassen,
Ich mich geduld', bin ich für was vergangen
Nicht undankbar. Denn in der Kämpfe Massen
Hat sich zuweilen doch ein Glück gefangen.
Auch will ich nicht die Gegenwart verpassen,
Ersticken nicht mein Neigen und mein Hangen.
Trotz Allem kann ich klar noch um mich schaun,
Mich an Natur in tiefster Seel' erbaun.

In deinem Herzen aber, einz'ge Schwester,
Bin ich so sicher wie du in dem meinen;
Wir sind und waren – wie auch das Geläster
Zwei Wesen, die sich nimmer mehr enteinen,
Die selbst die Trennung nur verknüpfet fester.
Von Lebens Anfang bis zum Tod des Einen
Sind wir verwebt. Trifft's schnell uns oder nicht,
Das erste Band ist's letzte auch, das bricht.

 

Bei der Nachricht, daß Lady Byron krank sei

Und du warst traurig und ich nicht bei dir,
Und du warst krank und ich war dir nicht nah'.
Ich glaubte Lust und Wohlsein sei stets da,
Wo ich nicht bin – und Schmerz und Elend hier.
Und ist es so? Ich hab's vorher gesagt!
Und 's wird so sein: Denn das Gemüth verzagt,
Wenns Herz gescheitert, und liegt öd' und kalt,
Und Schwermuth sammelt, was verstreut Gewalt.
Nicht in dem Sturme fühlen wir die Pein
Und wünschen, nicht mehr auf der Welt zu sein,
Doch nachher wol, im Schweigen an dem Strand,
Wenn Alles bis aufs Leben uns entschwand.

Zu gut bin ich gerächt! Doch's war mein Recht.
Was ich auch that, du warst mir nicht gesandt,
Als Nemesis zu heben deine Hand,
Der Himmel wählt sich nicht so nah den Knecht.
Für den Barmherzigen Barmherzigkeit!
Wenn du sie übtest, war sie dir bereit.
Verbannt aus Schlafes Reich ist deine Nacht,
Man mag dir schmeicheln, doch ein dumpfer Schmerz
Wird unheilbar zernagen dir das Herz,
Dein Bett ist auf zu schwerem Fluch gemacht.
Du hast mir Kummer in die Brust gesät
Und erntest Gram aus diesem bittern Beet.
Viel Feinde hatt' ich – keinen doch wie dich!
Ich konnte gegen Alle schützen mich.
Ich könnt' mich rächen, sie zu Freunden ziehn,
Doch du in sichrer Unversöhnlichkeit
Warst wohl geschirmt durch deiner Schwäche Kleid
Und meine Lieb', die nur zu viel gab hin,
Und Manchen schonte, der es nicht verdient.
So hast du auf die Welt und deinen Ruf
Und jenen schlechten, den ich selbst mir schuf,
Auf Dinge, die nicht waren und nicht sind,
Auf solchen Grund gebaut ein Monument,
Dem Schuld gedient als giftiger Cement.
Moral'sche Clytemnestra deines Herrn,
Schlugst du mit einem unverdächt'gen Schwert,
Ruf, Frieden, Hoffnung, jeden bessern Kern,
Der ohne den Verrath, der dich entehrt,
Erwachsen konnte aus des Kampfes Grab
Und Bess'res trug als einen Wanderstab.
Doch deine Tugend ward zum Laster dir,
Du marktetest in kaltem Zweck mit ihr,
Daß sie dir Rache, künftig Gold, bereit';
Um jeden Preis erkauftest du mein Leid.
Einmal verraunt in diesen krummen Pfad,
Ging Wahrheit, die dein Stolz sonst, deine Ehr',
Nicht mehr mit dir. Trotz einer Seel' vielmehr,
Die selbst nicht kannte ihre böse That,
War Trug, Behauptung, die sich nicht erwahrt'.
Wie sie ein Janus hegt – gar still der Mund,
Indeß im Aug' man seine Lügen las –
Der Vorsicht Vorwand, wenn sie trug ihr Pfund
Der Vorsicht Vorwand, wenn man mit gewann
Die Zustimmung zu Allem, gleichviel was,
Wenn's nur geführt zu dem gewünschten Ziel –
Ein Theil von deinem philosoph'schen Spiel:
Die würd'gen Mittel, sie erreichten's nun!
Ich möcht' an dir, was du gethan, nicht thun.

September 1816

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