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Franziska zu Reventlow: Gedichte - Kapitel 1
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Franziska zu Reventlow

Gedichte

ca. 1891

Über die weißen Kissen
hingeflossen das Blut,
der Lebensnerv zerrissen,
verloschen der Sinne Glut. Selbstmord des Vetters Georg Reventlow

Vom Bett herabgesunken
hängt schlaff die linke Hand.
Noch hält die rechte die Waffe
mit starrem Griff umspannt.

Draußen singen die Vögel,
flutet das Sonnenlicht,
drinnen flackert die Kerze
verlöschend im fahlen Licht.

Ein aufgeschlagnes Gebetbuch,
drin suchte er seine Qual
gestern abend zu lindern,
vergebens zum letzten Mal.

Eine rote Hyazinthe,
die er am Tage noch trug,
liegt nun verwelkt und vertrocknet
über dem finstern Buch.

Es lacht, wie einst im Leben,
noch jetzt, sein bleicher Mund –
ein krankes Kinderlachen –
er war ja nie gesund.

 

SCHLING mir den Arm um die lechzenden Glieder,
leg deinen Kopf an mein sehnendes Herz,
küsse nur Lippen und Busen und Augen,
laß uns vergessen, vergessen den Schmerz.

Laß mit dem Leben, dem brausenden Leben,
voll uns durchschauern die Liebesnacht,
gib mir dein heißes, dein heißestes Lieben,
morgen schon trennt uns der helle Tag.

 

LASS uns, o laß uns nicht wieder scheiden,
halte mich fest, noch bin ich ja dein.
Laß uns zusammen jauchzen und leiden,
laß mich, o laß mich nicht wieder allein.

Ehe das Leben, das grausame Leben,
eisig uns trennt mit bitterem Weh,
gib mir den Tod in glühenden Küssen,
laß mich in deiner Liebe vergehn.

 

MAG nun wehn der Lebenssturm
unerbitterlich und rauh –
einmal in Wonne hab' ich doch
Freiheitssterne geschaut.

Mögen die Wolken in irrem Spiel
treiben im Himmelsraum –
hab' ich doch einmal an deiner Brust
geträumt den seligsten Traum.

Muß ich nun auch in heißem Kampf
sterben und untergehn –
einmal hab' ich doch dem Glück
ins leuchtende Auge gesehn.

Wir liebten uns einen Sommer lang,
einen kurzen Sommer lang,
um Leben, Glück und Liebe
war uns keinen Augenblick bang.

Doch als der Herbst gekommen,
da ward die Brust uns schwer,
da war die Lust verglommen,
die Liebe versunken ins Meer.

Ein andrer war gekommen,
und du warst fern von mir,
ihn liebten meine Sinne,
mein Herz war nur bei dir.

Weil ich euch beiden gelogen,
muß ich nun von euch gehn,
für mein zerrissenes Leben
bei Gott um Gnade flehn.

 

SIEHST du im Traum ein bleiches Weib,
dem Leiden Stirn und Aug' getrübt?
Denkst du noch an dein wildes Kind,
das ohne Maßen elend ist.

Das fern im Leben von dir geht,
dein Bild nur trägt in Herz und Sinn.
Die dunkle Nacht alleine sieht,
wie namenlos ich elend bin.

Da ruh ich in des andern Arm,
da brennt das Weh so heiß,
da nagt und wühlt in mir der Gram,
das Leid, das niemand weiß.

Siehst du im Traum ein bleiches Weib,
dem Leiden Stirn und Aug' geküßt?
Denkst du noch an dein wildes Kind.

 

O könnte ich singen, ich wüßt euch ein Lied,
gebt acht, ich greif in die Saiten.
Ein schneidender Mißton, zerrissen und bang,
soll meine Worte begleiten.

Am jüngsten Tag euer heiliger Gott
mög er euch in Gnaden vergeben,
daß ihr mit Haß und blindem Spott
zertratet mein blühendes Leben.

Was reißt ihr, Saiten? Es stockt der Klang,
ein Seufzer nur zitternd und trübe.
Mein Herz ist krank, zum Tode krank,
mein Leben war nur eine Lüge.

 

War dir die Kindheit ein seliger Traum,
lächelnd erwachende Wonne?
Schien dir der unermeßliche Raum
Belebt von liebender Sonne?

Hat dir die Liebe mit weichem Hauch
die Kinderstirn umspielt?
Hast du die segnende Hand einer Mutter gefühlt?

Weißt du, warum ich hart geworden,
Kalt und hart?
Weil mir keiner Mutter Liebe
je gelacht.

Zum letzten Mal sah ich in seine Augen
und sah sein Weib an seiner Seite stehn.
Der Schein des Glückes lag auf beider Wangen,
es wollte mir das Herz vor Leid vergehn.

Zum letzten Mal laß deine Hand mich drücken,
für Ewigkeiten ist's der letzte Gruß.
Lebt wohl in eurem morgenhellen Glücke,
weil in der Ferne planlos irrt mein Fuß.

 

DU hast es nie gewußt, daß ich dich liebte
mit ungestümer Glut vom ersten Tag.
Du ahntest nicht, wie meine Pulse bebten,
wenn deine tiefe Stimme zu mir sprach.

Wenn deiner Augen leuchtend helle Blicke
ins Herz mir drangen, flammte heiß mein Blut.
Du glaubtest mich ein Kind noch von Gedanken
und gegen dieses Kind warst du so gut, so gut.

In meines Lebens schmerzensvolle Kälte
drang mir von dir ein trostreich helles Licht.
Doch schien es fern mir, wie aus fremden Welten,
erreichen, fassen konnte ich es nicht.

Ich irrte nur in wildem Leid versunken
dem Sterne nach, der mir von weitem schien.
Und glühend wogten Sinne und Gedanken
in leidenschaftserregten Melodien.

Du ahntest nichts von meiner heißen Liebe,
von meinem Sehnen, das sich irr verlor –
Dein Lebensweg, er ging an mir vorüber,
und einsam war ich, einsam wie zuvor.

 

DIE herbstlichen Sonnenstrahlen
durchschienen den alten Dom,
wir standen zum letzten Mal
im hohen Säulenraum.

Wo unseren jungen Herzen
selige Liebe geblüht,
da standen wir nun in Schmerzen –
verklungen das süße Lied.

Die einst zu seligem Traum
unser Leben geeint –
Unsere Liebe liegt zerbrochen
in Zeit und Ewigkeit.

 

WEISST du den Ort an heiliger Stätte,
wo in der Liebe junger Glut
zum erstenmal wir selig schwelgten
mit glühenden Wangen, heißem Blut?

Weißt du das hohe Bogenfenster,
durch das der Sonne letzter Schein
in das Gewölbe niederglühte,
zurückgestrahlt vom alten Stein.

Wie unter uns zu unsern Füßen
in ewger Ruh die Gräber deckt –
wie floh die Zeit mit heißen Küssen,
bis uns der Glocke Schlag erschreckt.

Die Uhr vom Turm mit schwerem Klange
sechs Schläge langsam niederdröhnt,
so seltsam dumpf und liebesbange
zum Abschiednehmen uns gemahnt.

Wie dann des Domes alter Küster
langsam den Gang herunterschritt,
der rostgen Schlüssel heisres Rasseln
begleitet seinen müden Schritt.

Dann an der Tür die letzten Küsse
und in den Abendschein hinaus,
du in der Deinen frohe Mitte,
ich einsam in mein ödes Haus.

Denkst du daran in stillen Stunden,
in Stunden süßer Wehmut voll?
Die ich dir schlug, vergib die Wunden.
Gedenke meiner ohne Groll.

ca. 1893

DER Herbstwind wirbelt die Blätter
in tollem Reigen herab,
er fegt die grünen Fluren
und legt den Sommer ins Grab.

Mich hält dein Arm umschlungen
zu qualvoll seliger Stund.
Deine Lippen brennen
Küsse auf meinem Mund.

Die Träne in meinem Auge
verschleiert mir den Blick.
Ich darf es ja nicht sehen
das Glück.

Und muß ich dich auch lieben
zu wahndurchtobter Pein.
Ich gehöre einem andern,
bin nicht dein.

Nur noch diese Stunde
laß mich im Traum –
Niemals soll er die Wunde
im Herzen schaun.

In meinem Herzen die Wunde,
die kennst nur du.
Seit dieser unselgen Stunde
find ich keine Ruh.

 

TREULOS bin ich gewesen
und hab dich einst doch geliebt.
Kannst du mir vergeben,
wenn ich dein Leben getrübt?

Treu hatt' ich dir geschworen,
Liebe und ewige Treu.
Aber in wilden Stürmen
brach sie entzwei.

Als du heim aus der Fremde kehrtest,
war ich dein nicht mehr.
Ich lag in anderen Armen
von brennender Liebe verzehrt.

Wüßtest du, was ich gelitten,
könnt ich dir's sagen:
Welten von Qual und Schmerz
in jenen Tagen.

Kalte Fernen
trennen jetzt unser Leben.
Ich folge anderen Sternen –
Kannst du mir vergeben?

ca. 1895

Es wogt um mich das Meer der Schmerzen.
Wüst brennt das Hirn, gedankenleer.
Nur eines, eines kann ich fassen,
ich habe keine Heimat mehr.

Hinab sank mir der Jugend Freude,
hinab in des Vergessens Meer.
Es blieb nur eine heiße Wunde,
ich habe keine Heimat mehr.

Noch immer rauscht das Leben weiter,
es glüht und leuchtet um mich her.
Doch meinen Jammer kann's nicht stillen –
Ich habe keine Heimat mehr.

 

ICH sitze am Fenster im Dämmerschein,
die Sonne sank längst schon herab.
Ein trüber Nebel deckt Wald und Hain,
o läge ich drunten im Grab.

Was je ich liebte, ist längst dahin,
verlassen bin ich, allein.
Gebrochen mein Herz von der ewigen Qual,
zertreten mein Leben, mein Sein.

Es faßte mich an so rauh, so kalt,
das Leben mit seinem Weh.
Ich habe wohl oftmals fröhlich gelacht,
meine Tränen hat niemand gesehn.

Im innersten Herzen hat es gebrannt,
das Weh so bitter und wild,
und niemand hat es gesehen, erkannt,
und niemand hat es gestillt.

Verloschen ist mir des Tages Glast,
die Welt liegt weit und leer.
Hinwerfen möcht ich des Lebens Last,
sie war mir schon lange zu schwer.

 

WEIHNACHTSABEND ist es und die Glocken läuten,
einsam sitze ich in düstrer Stube,
wilden Heimwehs schmerzzerrißne Beute,
krank an Leib und Seel' und todesmüde.

Weihnachtsabend ist es und die Glocken läuten,
Weihnachtsfreude jubelt nah und ferne,
wilden Heimwehs schmerzzerrißne Beute
starre ich verzweifelt in die Sterne.

 

WANDLE ich einsam über die Heide,
wenn der Wind vom Meere herüber streicht.
Rings um mich her nur totes Schweigen,
kein Leben, so weit das Auge reicht.

Da erwachen in mir der Kindheit Tage,
ich denke der einsamen, freudlosen Zeit.
Aufs neue erwacht im Herzen die Klage,
des einsamen Kindes einsames Leid.

Zurückgestoßen vom Mutterherzen
mit kalter Hand und nie geliebt,
von unverstandnen, sehnenden Schmerzen
die kaum erwachende Brust durchbebt.

Das ungestillte Sehnen nach Liebe,
es regt sich wieder so weh, so bang.
Weiter und weiter mit müden Schritten
geh' ich die einsame Heide entlang.








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