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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 9
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der wilde Apfelbaum

Es war einmal ein alter Baum, der hatte zeit seines Lebens nicht viel Lob gehört. Er stand nämlich am Rande eines Obstgartens, und in seiner Jugend hatte man versäumt, ihn zu veredeln. Nun trug er so gut wie andere Apfelbäume auch, aber nur wilde, kleine und ungenießbare Früchte. Selbst seine Freundinnen und Freunde, die Kinder der umliegenden Häuser, mochten seine _pfel nicht. Deshalb und weil seine Krone ziemlich hoch ansetzte, bestiegen sie ihn auch selten. Nur manchmal, wenn einer in seinem Ehrgeiz eine besondere Leistung vorführen wollte, gab es ein kleines Klettervergnügen, und der Baum stand im Mittelpunkt des Interesses. Er musste diese Ehre aber mit Schrammen büßen, die von den Schuhkanten in seine Rinde gedrückt wurden.

»Ach, wenn ihr wüsstet...« seufzte der einsame Baum manchmal vor sich hin, denn er war allein stehend, und seine veredelten Artgenossen machten sich nicht die Mühe, ihm entgegenzuwachsen oder sich über die Entfernung mit ihm zu unterhalten, da er ihnen zu primitiv war.

Er sprach den Satz aber nie zu Ende. Außer dem Wind hörte ja ohnehin niemand zu und wenn auch: Dies war sein Geheimnis. Und er fürchtete, wenn es zutage käme, würde es ihm das Leben kosten.

Dabei hätte dieses Geheimnis ihn zum Denkmal gemacht, hätte? Nein, der so gering geachtete Baum, der sein Schicksal so ergeben trug, sollte wirklich in die Geschichte des Dorfes eingehen.

Eines Tages nämlich machte sich ein Wildkaninchen-Paar eine schon vom Regen ausgewaschene Mulde zwischen den Wurzeln zunutze, grub sie tiefer und ließ sich häuslich nieder, um eine Familie zu gründen. Nun begann für den Baum ein neues, ein sinnvolleres Leben. Denn abgesehen davon, dass er jetzt einer anständigen Familie Unterkunft bot, waren nun auch seine Früchte begehrt. Die Kaninchen mochten auch wilde _pfel, und der Baum war glücklich, eine Aufgabe zu haben, die seiner Natur entsprach. An seinem eigentlichen Geheimnis waren die Kaninchen nicht interessiert, obwohl sie ihm ganz nahe kamen, zum Greifen nahe.

Der Winter brachte dem Baum neue Schmerzen, denn als die nach fünf Würfen auf über 40 Mitglieder angewachsene Kaninchenfamilie keine _pfel mehr vorfand und auch sonst die Nahrung sehr knapp geworden war, da griffen die egoistischen Wildkaninchen den Baum selber an und fraßen die Rinde. Zum Glück blieb aber die Wetterseite verschont, so dass die Rinde nicht rundum verloren ging, sondern ein breites Versorgungsband nach oben blieb.

Diese Art von Nützlichkeit gefiel dem Baum gar nicht, denn jetzt, nachdem er eine neue Lebensfreude kennen gelernt hatte, mochte er weniger sterben als je zuvor. Außerdem meinte er noch immer, sein Geheimnis bewahren zu müssen, anstatt damit alle seine Probleme zu lösen. Aber, wie gesagt, er ging ja davon aus, dass die Menschen ihn umbringen würden, um an sein Geheimnis zu kommen, wenn sie nur erst wüssten, dass er eins hatte.

Das Schicksal wollte es anders. Es wollte vielleicht nicht das Glück des wilden Apfelbaumes, sondern das der Familie, die ihn links Liegengelassen hatte, doch das war zugleich auch das Glück des Baumes. Solche Zusammenhänge gibt es nicht selten, dass einer vom Glück des anderen profitiert. Jedenfalls sorgte das Schicksal dafür, dass deren Kinder die Satzröhre der Kaninchen entdeckten und mit einem Stock darin wühlten. Sie wussten nicht genau, warum sie das taten. Sie sagten sich wohl: Da ist ein dunkles Loch, wollen `mal sehen, ob etwas darin ist, vielleicht stochern wir ein Kaninchen heraus. Etwas gruselig wurde ihnen allerdings bei dem Gedanken, statt eines Kaninchens könnte ein wütender Fuchs aus dem unterirdischen Gang hervorschießen. Sie machten trotzdem weiter – und bohrten direkt in das Geheimnis des alten Apfelbaumes.

Als weder ein Kaninchen, noch ein Fuchs, noch sonst ein Tier zum Vorschein kam, gaben die Kinder das kleine Abenteuer auf und zogen den Stock zurück. – Daran freilich hing das große Abenteuer, gewissermaßen, denn an dem Stock hing ein goldener Armreif, verdreckt, aber aus Gold, aus echtem Gold, dem die Erde nichts hatte anhaben können. In ihrem freudigen Schrecken holten die Kinder ihre Eltern. Die gruben nach und entdeckten im Wurzelwerk des Apfelbaumes die vermoderten Trümmer einer kleinen, sehr alten Holzkiste. Dazwischen lagen weitere Schmuckstücke. Aber auch Gold- und Silbermünzen.

»Die sind noch aus dem Dreißigjährigen Krieg,« sagte der Vater, nachdem er eine Münze saubergerieben und eine Jahreszahl entziffert hatte. »Die muss damals einer meiner Vorfahren vergraben haben, um sie vor den Soldaten zu retten. Dann ist er wohl um's Leben gekommen und hat seinen Schatz nicht mehr bergen können. Er hätte das Versteck doch wenigstens seiner Frau anvertrauen können. Naja, vielleicht hat sie's ja gekannt, ist aber auch um's Leben gekommen.«

»Poh,« machte das jüngste Kind, »so alt ist der schon, der Apfelbaum?« »Weiss ich nicht,« antwortete der Vater, »der Baum kann ja später darüber gewachsen sein, ist doch ein wilder, aus irgendeinem Apfel zufällig entstanden. Ach Kinder, das ist doch nun egal. Wir haben einen Schatz, einen Schatz, der uns alleine gehört, denn die Hälfte steht dem Eigentümer des Bodens zu, die andere Hälfte dem Entdecker, wir sind beides. Kommt schnell! – Liebling, nimm die Kinder, wir sind jetzt reich.«

Er raffte die Kostbarkeiten zusammen und füllte sie in seinen Hut. Fortan lebte seine Familie sehr glücklich von dem Geld, das der Schatz ihr einbrachte, wenigstens soweit das Glück vom Geld abhängig ist. Der alte Apfelbaum aber bekam ein weiss blinkendes Emailleschild, dessen goldene Aufschrift allen, die nahe genug herantraten, um es lesen zu können, feierlich mitteilte: »Dieser Baum trägt keine guten Früchte und war doch eine Goldgrube.«

 


 

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