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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 89
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das Hemd und die Fahne

Es war einmal ein Hemd, das hing an der Leine neben einer Fahne. Beide trugen ihre frisch gewaschenen Eigenheiten zur Schau.

»Was bist du denn für eine?« fragte die Fahne, wobei sie einen erhabenen Ton anschlug. »Du siehst mir so missgebildet aus. Möchte doch mal wissen, welchen Verein du repräsentierst.«

Das Hemd schlenkerte verlegen mit den kurzen Armen und krümmte sich im unschlüssig-böigen Wind als hätte es Bauchschmerzen.

»Ich bin keine Fahne,« stotterte es schließlich, »ich bin ein Hemd.«

Die Fahne knallte vor Lebenslust:

»Ein Hemd? Was ist das denn?«

»Man trägt mich auf dem Körper, nicht in den Händen.«

Da wurde die Fahne zornig:

»Was, dich verschnittenes Monstrum nimmt der Mensch auf die Haut und mich hält er von sich weg in die Luft. Das ist eine Unverschämtheit. Ich protestiere!«

Da beschwichtigte das geschmähte Hemd die stolze Fahne:

»Aber du bist doch ein Symbol, das geistige Kleid all derer, die im gleichen Schritt hinter dir her marschieren. Du bist viel bedeutender als ich.«

»Hm,« machte die Fahne, »das ist richtig. Aber vergiss nicht, dass ich auch wärme, von Innen heraus wärme ich. Ich möchte fast sagen, dass du ohne meine Wärme unnütz wärst, denn du kannst doch nur die Wärme festhalten, die der Körper abgibt. Oder produzierst du selber Wärme, wie ein Ofen?«

»Nein,« gestand das Hemd, »das nicht.« Im stillen fügte es hinzu: »Aber auf deine Wärme bin ich gewiss nicht angewiesen.«

In diesem Augenblick ließ der Wind nach, und die Fahne sank schlaff zusammen.

»In ruhigen Zeiten bist du wohl nicht viel wert,« dachte das Hemd und ließ sich ebenfalls hängen.

»Ich darf das,« murmelte es vor dem Einschlafen, »stell' dir vor,ich würde mir an der ein Beispiel nehmen und anfangen zu flattern...«. Helmut Wördemann

 


 

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