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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 83
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das neue Handtuch

Es war einmal ein neues Handtuch, das lag duftend in einem Stapel von Berufskolleginnen im Schrank und harrte des Lebens.

»Ich bin so aufgeregt,« flüsterte es mit flauschiger Stimme. »Was werden die Menschen mit mir machen?«

Ein älteres Handtuch im Nachbarstapel, das stellenweise schon abgeschabt war, plusterte sich ein wenig auf, um leichter sprechen zu können, dann aber ging es ihr glatt von der großen Zunge: »Hab dich nicht so. Die machen mit dir, was sie mit uns allen machen. Du wirst gewalkt und gedrückt und musst die Menschen trocken reiben, meistens im Gesicht, aber wenn kein Badetuch zur Hand ist, musst du überall aushelfen, ganz verschieden. Auf jeden Fall machen die dich nass und dreckig.«

»Igittigitt,« ekelte sich das neue Handtuch, denn es trug ein hübsches buntes Muster und war deswegen ein bisschen eitel.

»Jaja, aber das ist nur die erste Hälfte deines Alltags. Wenn du nämlich ohne eigenes Verschulden, ja ganz unschuldig schmutzig geworden bist, bestrafen sie dich mit einem schaurigen Wasserbad. Was sage ich, Bad? Mit einem wilden Strudel in der Waschmaschine. Da geht's rund, kann ich dir sagen.«

»Oh fein, wird man davon wieder sauber?«

»Das ja. Aber so ein Orkan ist nicht jedermanns Sache. Ich jedenfalls würde gerne darauf verzichten, und ich bin sicher, dass ich davon so abgenutzt bin. So sind die Menschen, sie beuten einen aus, nutzen uns ab und dann – dann kaufen sie ein neues Handtuch.«

»Aber du siehst doch noch gut aus. Ich bin auch nicht gekauft worden, um dich zu ersetzen, vielleicht zur Entlastung. Aber sag mir, wie es weitergeht, nach dem Wasser- Karussell, meine ich.«

»Dann kommst du entweder an die frische Luft und kannst dich an einer Leine im Wind ausschütteln, wobei du auch wieder schön trocken wirst, oder du kommst in einen Wirbelsturm, in angenehm heiße Luft, na, manchmal vielleicht ein wenig zu heiß, aber es ist auszuhalten. Wenn das Geschleudere nur nicht wäre! Aber was sage ich? Offenbar ist es gerade das, was dir so gefällt. Dabei ist das Wilde so gefährlich, Kind, so gefährlich.«

»Mach' dir keine Sorgen, ich fühle mich stark genug, damit fertig zu werden. Ich glaube, wenn ich die Wahl hätte, ginge ich lieber in das Luftkarussell als nach draußen an die Leine.«

»Jaja, so draufgängerisch war ich auch mal. Es war eine schöne Zeit, trotz allem. Also Kindchen, obwohl ich dich warnen muss...Es gibt auch angenehme Stunden, in denen man sich hängen lassen und vor sich hin träumen kann, das Waschwasser riecht recht gut, und du kannst dich auch immer wieder ordentlich im Schrank erholen. Pass nur auf, dass du nicht zu zappelig bist, sonst greift man zu unsanft nach dir, und du könntest zerreißen. Also, wenn ich dich so betrachte und wenn ich deinen übermütigen Optimismus höre, dann frage ich mich, wieso ich so gegen die Arbeit ansehe. So alt bin ich doch auch noch nicht, oder?«

Das junge Handtuch neigte symbolisch den Zipfel, mit dem es dem alten gegenüber lag, und flüsterte, verschämt lügend:

»Du siehst noch sehr gut aus. Ich sage nicht, dass du stark aussiehst, denn ich habe gehört, dass alte Handtücher gelegentlich zu Scheuerlappen zerschnitten werden. Nein, dafür wärest du viel zu zart, auch zu gut aussehend. Wirklich, dazu wärest du zu schade.«

Da plusterte sich das alte Handtuch wieder ab und sank mit einem Seufzer der Erleichterung in sich zusammen, um von einem möglichst langen Leben als Handtuch zu träumen.

 


 

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