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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 80
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der erschöpfte Haken

Es war einmal ein Haken, der klebte seit Jahren fest an einer Fliese der Badezimmerwand. Er war nicht sehr groß, so dass er in seinem Geviert nur wenig Platz wegnahm. Aber er stach sehr naseweis vor. So kam es, dass die Familienmitglieder immer wieder schwere Morgenmäntel an den Haken hängten, der eigentlich nur für Waschlappen oder Handtücher bestimmt war.

»Ich werde missbraucht,« schrie der Haken und versuchte wütend, sich loszureißen. Doch niemand beachtete ihn mehr, als zu seinem Zweck nötig war. Nur die Fliese knirschte leise in den Fugen und wisperte: »Reiß dich zusammen, sonst zerrst du dich los, und ich bleibe mit einem hässlichen Flecken zurück. Wärest du nicht so ausladend, um nicht zu sagen einladend, konstruiert, würde man dich auch nicht überlasten. Für deine Größe bist du viel zu schwach.«

»Behalte du deine platten Weisheiten für dich,« zischte der Haken zurück und ächzte unter der Last des Bademantels, den der Familienvater gerade über seine Nase gestülpt hatte. Die Aufregung hatte dem Haken zusätzlich Kraft abverlangt. Und da er sowieso nicht mehr einsah, sich ausnutzen zu lassen, ließ er sich gehen. Er löste sich von der Wand und stürzte mitsamt dem Mantel auf den Fußboden.

Er schrie auf vor Schrecken, und auch die Fliese, die nun aussah, als trüge sie eine braungelbe Wunde, jammerte erbärmlich. Aber keiner hörte diese Dinge. Nur ein kleines Mädchen, das gerade hereinkam, die Bescherung sah und ohne ein Wort zu verlieren Ordnung schaffte, vernahm die feinen Stimmchen.

»Seid nur getrost,« flüsterte sie, da niemand von der Familie etwas merken sollte. »Ich bringe euch wieder in Ordnung.«

Sie nahm einen Lappen und putzte erst die Fliese sauber ab und dann den Haken. Schließlich ging sie mit dem Haken in ihr Zimmer, holte aus der Schublade ihres kleinen Schreibtisches eine Tube Klebstoff, bestrich damit den nicht mehr selbstklebenden Haken und drückte ihn an die glatte Fläche ihres Kleiderschrankes, bis er festsaß. Sie hörte ihn ganz leise vor Vergnügen quietschen.

Als der Haken unerschütterlich festsaß, benutzte ihn das Mädchen wegen seiner hervorstechenden Nase, um Kleiderbügel daranzuhängen. Sie achtete aber sorgfältig darauf, dass diese nur leichte Sachen trugen.

 


 

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