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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 72
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das scheppernde Glöckchen

Es war einmal ein kleines Glöckchen, das gleißte in jedem Licht und zeigte anmutig seine schön geschwungenen Formen. Als Klöppel aber trug es einen Nagel, der war zwar funkelnagelneu und blitzte bei jeder Bewegung wie verführerische Augen, klang aber wie ein Teelöffel in einer Blechtasse. Das lag vor allem an der Geltungssucht des Glöckchens, das überall eine große Klappe hatte und so heftig hin und her schlug wie ein ständig nickender oder verneinender Kopf, je nachdem, von welcher Seite man es betrachtete.

Zufällig geriet eines Tages eine etwas größere Glocke in die Nähe des Glöckchens. Diese größere Glocke hatte einen echten Schwengel aus Bronze und Zinn und tönte so betörend, dass selbst das Glöckchchen in seinem eisernen Geplapper innehielt, um ihr zuzuhören.

»Mit der möchte ich zusammenleben,« flüsterte das Glöckchen vor sich hin und wurde ganz zahm vor Erregung und Verführungslust. Vorsichtig setzte es seinen Klöppel wieder in Betrieb, doch so verhalten, dass er nur eben die vergoldete Schale berührte und nur einen ganz feinen, lieblichen Klang erzeugte. Das bezauberte die größere Glocke, so dass sie ihre eigene wohlklingende Musik abstellte, um diesem verlockenden Klingklang zu lauschen. Ja, es muss leider gesagt werden: Die größere Glocke verfiel der kleineren so sehr, dass sie mit ihr im Duett leben wollte.

So spielten sie einige Monate in wohllautender Harmonie mit einander. Dann aber konnte das Glöckchen sich nicht länger beherrschen. Es ließ sich schwingen, wie die Lüftchen wollten, und ihr Klöppel schlug wieder richtig zu. Da erschrak die größere Glocke und zuckte zusammen. Ja, sie erstarrte vor Entsetzen über diese neuen Töne ihres Partners. Keinen Laut brachte sie mehr hervor.

Das Glöckchen jedoch krakeelte wie eh und je.

Eines Tages aber kam ein Mensch daher, der diesen Missklang nicht ertragen konnte. Er wechselte den klirrend scheppernden Nagel des Glöckchens gegen einen Klöppel, dessen Ton zu dem der größeren Glocke passte. Von nun an lebten die beiden harmonisch bis ans Ende ihrer Tage, und wenn das Glöckchen auch nach wie vor schneller anschlägt, so klingt doch der wiederbelebte Schwengel seines Partners tragender und bedeutender.

 


 

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