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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 68
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das widerspenstige Geschwür

Es war einmal ein Geschwür, das kam sich so wichtig vor, dass es nicht wegheilen wollte. Das Kind, auf dessen Arm es sich niedergelassen hatte, schimpfte immer wieder:

»Hau ab, du Mistvieh, du störst mich gewaltig.«

»Ich bin ein Geschöpf Gottes wie andere auch,« trumpfte dann das Geschwür auf und machte sich noch breiter und protzte mit Eiter und Blut.

Da legte die Mutter eine Salbe auf und verband das Geschwür.

»He, was soll das,« schrie das Geschwür, »das ist Freiheitsberaubung. Verschwinde gefälligst!«

Der Verband ließ sich aber nicht beirren.

»Was glaubst du wohl, was ich bin?« antwortete er mit der Gemächlichkeit des Überlegenen. »Auch ich bin ein Geschöpf Gottes, und zwar ein von Menschen veredeltes. Ich habe die Aufgabe, dich und deinesgleichen auszurotten.«

»Mörder! Mörder!« zeterte da das Geschwür.

»Papperlapapp,« wies der Verband es ruhig zurecht: »Du brauchst doch bloß deinen Unrat abzuwerfen und dich dann wieder in die gute alte Haut zurückzuverwandeln, die du mal war'st. Du wirst sehen, das ist auch für dich das Beste. Und dann will ich dir noch `was sagen: Der Arm, den du kaputtmachen wolltest, ist auch ein Geschöpf Gottes, und zwar ein sinnvolleres als du, also, geh in dich und mach dich gesund. Ich ziehe mich dann gerne zurück.«

Da gab das Geschwür nach und beschloß, lieber ein gesundes als ein krankes Geschöpf Gottes zu sein.

 


 

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