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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 67
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der schmutzige Geldschein

Es war einmal ein Geldschein, akkurat rechteckig und mit hoheitlichem Staatszeichen. Er ließ sich willig von Hand zu Hand reichen, fühlte sich aber nicht bei jedem gleich wohl:

»Was soll's« tröstete er sich, wenn ihn ein Schmierfink anfasste, »es wird nicht lange dauern, bis ich wieder in anständige Verhältnisse komme.«

Eines Tages aber, als er auf offener Straße überreicht werden sollte, packte ihn ein Windstoß, und er flatterte in eine Pfütze. Da lag er nun flach auf dem Wasser und sah sich zum ersten Mal als Spiegelbild:

»Oh nein!« schrie er schmerzlich auf und strampelte, um vor sich selbst davonzukrabbeln, »das darf doch nicht wahr sein! Dass ich so dreckig bin, habe ich nicht für möglich gehalten.«

Der Geldschein brauchte sich nicht selbst zu befreien. Der Mann, dem er nun Zustand, hob ihn sorgfältig auf, fächelte die dicksten Wassertropfen ab und legte ihn in ein Taschentuch. Zu Hause hängte er ihn wie ein Wäschestück an einer Klammer vor den Kamin.

»Nein!« wimmerte der Geldschein, »das will ich nicht. Es mag ja gut gemeint sein. Aber so kann ich nicht weiterleben, so ekelhaft besudelt. Lieber will ich sterben, als mich weiter beschmutzen zu lassen.«

Er riss sich los und schwebte – doch ein bisschen zögernd – zum Feuer hinüber. Er hatte schon den verspielten Rauch erreicht, der ihn hob, wieder fallen ließ und wieder hob, um ihm schließlich doch den Flammen zu überlassen, da entdeckte der Eigentümer die Flucht.

»Was ist denn mit dir los,« schalt er, »du willst abhauen? Also weißt du, das geht doch wohl zu weit. Na schön, eine Schönheit bist du nicht mehr, aber...« an dieser Stelle küsste er den Schein...»es kommt doch auf den inneren Wert an, verstehst du? Nein, das verstehst du nicht, denn du bist ja nur ein Stück Papier. Aber ich beweise es dir, indem ich dich wie ein Schmuckstück aufbewahre. Soll ich dich vorher in eine Waschmaschine stecken? Nein, mein Freund, das tu ich nicht, sonst verlierst du noch deinen Charakter, diesen typischen, teuren 100-Mark-Schein-Charakter. Nee, nee, Alter, du kannst es dir erlauben, dreckig zu sein. Dein wert ist erhaben über deine Hässlichkeit.«

 


 

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