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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 64
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der liebevolle Gärtner

Es war einmal ein Gärtner, der hatte von seinem Vater einen großen Garten geerbt, den liebte er sehr. Noch mehr aber liebte er die einzelnen Bäume und die einzelnen Büsche und die einzelnen Gemüsepflanzen und die einzelnen Blumen.

Oft und immer öfter hockte er vor diesen Freundinnen und Freunden, am liebsten vor denen, die ihm am liebsten waren. Dann fühlte er sie, als beständen sie selber aus Gefühlen und wüchsen in seinem Gemüt. Wenn er aber anderen Menschen erklären wollte, weshalb er seine Zeit bei einzelnen Pflanzen vertue, anstatt sich um das Ganze zu kümmern, brachen die Bilder in ihm vor Aufregung zusammen, und er konnte nicht mehr beschreiben, wie ihm zumute war. Und wenn er doch einmal sagte: »Der Erich, das ist die kleine Eiche hinten links in der Ecke meines Gartens, der hat es schwer. Der Westwind ist ihm wohl zu kalt, am liebsten würde ich ihn mitnehmen ins Haus, aber das geht ja nicht. So habe ich ihn nur in mir wie das Abbild eines Sohnes, doch was nützt es, wenn nur das Abbild gut aufgehoben ist?«

Wenn er so etwas sagte, verzogen manche Zuhörer verächtlich das Gesicht und hielten ihn für verrückt. Wenn man bedachte, dass der größte Teil des riesigen Gartens verkam, weil der Gärtner ihn vernachlässigte, so konnte man aber denjenigen wohl recht geben, die ihm vorhielten: »Du meinst es ja wohl gut mit deiner Pflanzenliebe, aber du siehst ja selbst, wie alles zugrunde geht. Mit Liebe kann man sich nur um wenige kümmern, die Masse muss man mit Maschinen bearbeiten.«

Solche Bemerkungen taten dem Gärtner sehr weh, denn er liebte die Pflanzen ja auch insgesamt, so dass er gerne in seinem Garten spazieren ging, aber richtig pflegen konnte er eben doch nur wenige.

Eines Tages beschloß er, dem Zwiespalt ein Ende zu machen. Er teilte den Garten in Parzellen auf und verkaufte diese an Bekannte, von denen er wusste, dass auch sie die Pflanzen liebevoll behandeln würden. So hatte schließlich jeder genug zum Liebhaben und nicht zu viel zu betreuen.

Darüber freuten sich die Bäume und die Büsche, die Gemüsepflanzen und die Blumen so sehr, dass sie in dankbarer Gegenliebe schöner und fruchtbarer heranwuchsen. Der Gärtner aber musste mit dem Verkaufserlös der Parzellen sehr sparsam wirtschaften, und als das Geld verbraucht war, musste er eine andere Arbeit suchen, an Maschinen und Dingen, die keine eigenen Gefühle haben, sondern nur die Empfindungen der Menschen widerspiegeln, solange diese mit ihnen umgehen.

»Nun,« tröstete er sich, »so verkommt doch wenigstens nichts mehr von dem, was ich besessen habe, und was ich noch besitze, das ist mir so liebevoll ans Herz gewachsen, dass es mich beschützt wie eine Hülle ums Herz, die keine Sticheleien und keinen Kummer hereinlässt. Und zum Winter hole ich mir den kleinsten Nachwuchs ins Haus, und wenn es nur Stauden und Samen sind. Hab ich's nicht selber in der Hand, dass meine Freude sauber weiterwächst und dass sie ihre eigenen Kinder hervorbringt, ehe sie verwelkt und zugrunde geht?«

So lebte er glücklich alle Tage und alle Nächte, und er nahm sich eine Frau, die ihm Kinder gebar, solange sie noch jung und beherzt genug war.

 


 

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