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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 62
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die unzufriedene Gardine

Es war einmal eine Gardine, die hatte jahrelang vor einem Fenster gehangen und alle Wetter miterlebt. Denn wenn sie auch nach Süden blickte und von Süden den ganzen Tag Sonnenwärme empfing, sofern die Wolken es nicht als Gardinen der Sonne verhinderten, so war sie doch auch gleichzeitig den kalten Augen des Ostens und den drohenden Winden des Westens ausgesetzt. Das heißt, eigentlich beschützten die Fensterscheiben die Gardine so sicher, dass ihr gar nichts von den Unbilden des Wetters zustoßen konnte. Aber je älter sie wurde, umso weniger Vertrauen hatte sie zu den Scheiben.

»Wer etwas so Feines wie das Licht und den Blick und gleichzeitig etwas so Grobes wie einen Stein oder einen Ball durchlässt, der kann mir doch keinen Schutz bieten,« sagte die Gardine und wedelte traurig im Wind, der durch die Fensterritzen drang.

Dann ließ sie sich hängen, verstaubte umso schneller und bot ein gar armseliges Bild.

»Wir brauchen eine neue Gardine, die sich besser frischhalten lässt,« sagte die Hausfrau, und kaufte sich eine. Die alte Gardine aber warf sie nicht weg, sondern schenkte sie einer Schneiderin. Die machte ein hübsches Tischtuch daraus und verkaufte es an die Frau, von der sie den Stoff bekommen hatte.

Von nun an lag die ehemalige Gardine wohlverwahrt in der dunklen Schublade und durfte nur an Festtagen herausgeholt werden. Dann aber wurde sie als hübsch gepriesen, und sie durfte kostbares Geschirr tragen. Vor allem aber lag sie völlig sicher, da sie ja vom Wetter draußen nichts mehr sah.

Dass sie nach wie vor durch die Scheibe geschützt wurde, nur weiter

weg vom Tageslicht, das wurde ihr nicht klar. Wohl sehnte sie sich schon nach einigen Wochen zurück an ihren alten Platz. Aber dafür fehlte ihr nun der richtige Zuschnitt.

 


 

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