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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 6
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die hungrige kleine Amsel

Es war einmal eine junge Amsel, die wusste noch gar nicht recht, wie man Futter findet. Und so stocherte sie etwas hilflos mit ihrem Schnabel im Gras eines Vorgartens herum. Dann lief sie piepsend zu ihrem Vater und fragte ihn um Rat.

»Komm' Junge,« sagte der Alte und schubste den Kleinen auf den Rasen zurück, »ich zeige dir, wie man das macht. Du möchtest doch einen Wurm fressen, nicht wahr? Tja, aber die Würmer kommen nicht aus der Erde gekrochen, um dir guten Tag zu sagen und um dich dann gönnerhaft zu fragen, ob du sie verzehren möchtest, mit ein bisschen Grassalat. Nein, das tun sie nicht, mein Kleiner. Deshalb musst du sie herauslocken.«

»Ich habe die ganze Zeit geflötet, aber es hat kein Wurm darauf gehört,« sagte der Junge und blickte den Vater mit geneigtem Kopf so selbstbewusst an, dass dieser lächeln musste. Sah er doch, dass der Kleine trotz seines Misserfolges nicht verzagte.

»Dummer Kerl,die Männchen flöten, um Weibchen anzulocken, aber doch nicht für die Würmer. Die fängt man anders. Also pass auf: Die Regenwürmer, wie die Menschen sie nennen, brauchen genauso gut Sauerstoff wie du und ich. Und wenn du's auch nicht glaubst: In der Erde gibt es soviel davon, dass sie davon leben können. Aber, jetzt kommt's: Wenn es regnet, verdrängt das Wasser die Luft aus der Erde und mit der Luft natürlich auch den Sauerstoff, denn der ist ja ein Teil davon. Was sollen nun die Würmer machen? Ersticken? Natürlich nicht. Nein, sie krabbeln heraus. Darum haben die Menschen sie ja auch Regenwürmer genannt, weil sie bei Regen nach oben kommen, um Luft zu schnappen.«

Die junge Amsel nickte eifrig wie jemand, der dartun will, dass er alles, wirklich alles verstanden hat.

»Ich bin noch nicht fertig,« fuhr der Alte fort,»jetzt kommt ja erst das Wichtigste: Du musst dir den Umstand zunutze machen, dass die Würmer bei Regenwetter aus der Erde kommen.«

»Ich muss Regen bestellen,« stellte der Kleine kopfnickend fest, als werde ihm der Vater als nächstes beschreiben, wie man Regen bestellt.

»Dummerchen, das geht nicht, trotzdem kannst du die Würmer überlisten. Was machen die Regentropfen? Ich meine, woran merken die Würmer schon früh, dass es regnet? Na, am Ticken der Tropfen, am Prasseln. Wenn du jetzt mit deinem Schnabel Regentropfen vortäuschst, indem du fleißig in die Erde pickst, dann denken die Würmer, es seien die ersten feinen Erschütterungen eines Regens. Dann winden sie sich erschrocken hierher, und du kannst sie verschlingen.«

»Danke, Papa, ich gebe dir auch `was ab,« sagte der Kleine mit einem reizenden Augenaufschlag. Doch der Vater hatte bei seinen letzten Worten pickend gezeigt, wie man das macht, was er gerade schilderte, und der Erfolg ließ nicht auf sich warten. Ein dicker Wurm, der für die ganze Familie reichte, kroch hervor und ließ sich verdutzt fangen.

»Und jetzt pass noch einmal auf,« Vater Amsel hob den Kopf und begann ein zärtliches Flötenlied. Da kam gleich die Mama herangesegelt und ließ sich zur Mahlzeit nieder. So beendete die ganze Amselfamilie die erste große Lektion des Nachwuchses.

 


 

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