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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 56
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der vertriebene Floh

Es war einmal ein Floh, der wohnte glücklich und zufrieden im dichten Haarwald einer jungen Frau. Eines Tages aber begann die Frau, ihre Haare zu färben. Als sie beim Friseur saß und der Floh das Gift spürte, das da auf ihn eindrang, duckte er sich in einer frei gekämmten Schneise zum Sprung, federte ab und flog in hohem Bogen auf den Kopf eines Mädchens, das neben der Frau saß und sich die Haare nur stutzen ließ.

Es dauerte eine Weile, bis der Floh sich in seiner neuen Umgebung eingelebt hatte, doch dann fühlte er sich putzmunter. Wie früher krabbelte er auf die höchsten Hügel der Haarlandschaft und spähte von dort lebenslustig in die Weltgeschichte.

Dann stellte sich aber heraus, dass seine Wirtin an Schuppen litt. Sie wusch sich täglich die Haare. Doch das Leben auf ihrer Kopfhaut war nicht gefährlich, weil der Floh vom Wasser hätte weggeschwemmt werden können. Nein, er konnte sich so gut festkrallen, dass kein noch so kräftiger Schwall ihn loßzureißen vermochte. Es waren die Schuppen selbst, die ihm die Standfestigkeit nahmen. Entweder lagen sie wie rutschige Fußmatten unter ihm und drohten, ihn beim Niederrieseln mit hinunterziehen, oder sie hingen in den Haaren, und wenn er sich daran klammerte, stürzten sie unversehens ab, so dass er mit ihnen irgendwo da unten landete, auf dem Fußboden oder auf einem Tisch oder auf der Bettdecke, egal wo, es war sehr unangenehm.

Da beschloß der Floh erneut, sich eine sichere Unterkunft zu suchen. Dieses Mal wählte er einen Mann. Und zwar nutzte er ein Gedränge während einer Pause im Theater. Schwups war er auf dem lockigen Kopf eines feinen Herrn gelandet. In dessen Duft verbrachte er einen glücklichen Abend. Er wunderte sich nur, dass der Kopf leer war. So sehr er auch hineinbiss, es trat kein Tropfen Blut aus den Poren. Dabei war es ganz leicht, den Saugrüssel hineinzustechen. Der Floh tröstete sich damit, dass ihn der Tag müde und kraftlos gemacht habe, er wollte erst einmal schlafen.

Als er aber am nächsten Morgen erwachte, wieder vergeblich in den Nährboden der Haare biss und dann auf die höchste Erhebung der neuen Heimat kletterte, um seine missliche Situation aus dem Überblick zu studieren, staunte er und erschrak: Er sah den Kopf, der ihn getragen hatte, nebenan im Bett liegen, völlig kahl. Er selbst aber befand sich auf einer Perücke, die der Herr auf dem Nachttisch abgelegt hatte.

»Ohweh,« jammerte der Floh, »jetzt muss ich immer hin und herspringen, wenn ich speisen will, und das geht auch nur nachts. Nein, das ist mir auf die Dauer zu umständlich. Mit den Menschen ist doch nichts mehr los. Ich springe bei nächster Gelegenheit auf einen Hund über. Wenn dessen Blut auch einen unangenehmen Beigeschmack hat, so ist es doch chemisch reines Blut, und die Haare sind fest angewachsen, außerdem ist die Wohnfläche viel größer.«

Seitdem lebt der Menschenfloh bei den Hunden.

 


 

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