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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 45
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die glückliche Feder

Es war einmal eine Feder, die ragte seit ihrer Geburt aus dem Körper eines Huhnes. Hier wuchs sie unter lauter anderen Federn auf und war glücklich. Da ihr Kopf vom Huhn weg strebte, ahnte die Feder nicht, dass sie sich nicht nur vom Körper des Huhnes ernährte, sondern diesem Körper auch nützte. Sie wärmte das Huhn, ohne es zu wissen. Deshalb kam es ihr gar nicht in den Sinn, Rücksicht zu nehmen. Sie wollte sich nämlich selbständig machen. Dabei kam es ihr nur darauf an, sich schmerzlos davonzumachen.

Eines Tages, zur Zeit der Mauser, lockerte sich ihr Verhältnis zu ihrem Stammsitz ganz von selbst. Als nun ein frischer Wind aufkam, sträubte sich die Feder und ließ sich von ihm fortreißen.

Jauchzend flog und taumelte sie durch das neue freie Leben. Sie stieg auf bis in die höchsten Wipfel der Bäume, trudelte wieder abwärts, fing sich wieder, jubelte wieder aufwärts und tanzte durch das wunderbare Schicksal.

Dann aber kam ein Regenschauer und durchnässte sie. Nun war sie dem Wind zu schwer. Er ließ sie fallen.

Die Feder landete in einem Garten zwischen lauter Blumen. Soviel Glück hatte sie. Und dann kam auch noch ein Mädchen, das Blumen für ein Gesteck pflückte und beim Anblick der Feder auf die Idee kam, das Gesteck mit Federn aufzuplustern. Sie nahm den inzwischen getrockneten Ausreißer auf, holte sich andere Federn aus dem Hühnerstall dazu und fügte alle mit den Blumen zusammen.

Das bunte, flauschige Gesteck stellte sie auf einen Tisch ihrer Stube. Da nun die Blumen mit der Zeit welkten, die Federn aber frisch blieben, ließ sie diese immer als Beiwerk stehen und steckte immer neue Blumen hinein.

»Es war gut, dass ich ausgerissen bin,« sagte sich die lebenstüchtige Feder, »so habe ich doch einen schönen Sinn bekommen.«

»Wieso?« fragten die anderen, die das Mädchen im Hühnerstall dazugesammelt hatte. »Wir sind doch auch hier und haben die gleiche Dauerstellung wie du, und so schön wie du sind wir auch.«

»Ja, das stimmt,« gab der Ausreißer zu, »aber ihr habt keine Abenteuer erlebt. Ach, wenn ihr wüsstet, wie erhebend es ist, im Wind auf und ab zu schweben, zu torkeln und sich wieder aufzuraffen, ihr würdet euch noch heute auf den Weg machen. Aber nein, ihr seid zu alt dazu. Ich bin auch zu alt, um noch einmal aufzubrechen, sonst nähme ich euch mit, um euch das schrecklich schöne Abenteuer des Lebens durch den Flaum wehen zu lassen.«

»Um uns zerzausen zu lassen, willst du wohl sagen. Nein danke, wir sind auch so zufrieden, und wenn wir Abenteuer brauchen, erträumen wir sie uns.«

Da seufzte die erfahrene Feder und fing selber an zu träumen. Aber was sie träumte, das war nicht aus Wortlüftchen gewebt, sondern vom wahren Leben durchblutet. Es war der Stoff, den die anderen brauchten, um ihre Träume gestalten zu können. Deshalb hörten sie ihm so gerne zu, die anderen Federn.

 


 

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