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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 42
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die Fahnenstange, die gerne eine Fahne sein wollte

Es war einmal eine Fahnenstange, die wollte nicht länger als Trägerin herhalten, sondern selber die Hauptperson sein. Denn immer schauten die Leute nur zu dem wehenden bunten Tuch empor und sahen die Stange nur als notwendiges Beiwerk.

Jahrelang hatte die Fahnenstange jede Bewegung der Fahne im Wind miterlebt, keiner kannte ihre Launen und Tücken, aber auch ihre großen, freundlichen Winke, ihr gutmütiges Klatschen und ihr triumphierend-hehres Flattern so gut wie sie. Hatte sie doch alles aushalten müssen.

Sie wusste also, wie man sich schwenkt, wie man durch die Luft fuchtelt und im Wind knattert, wie man sich demütig hängen lässt und wieder aufersteht, um Jubel zu verbreiten. Warum sollte sie da nicht selber Fahne sein?

Eines Tages sah die Stange ihre Chance. Ein Sturm schüttelte so kräftig in den Wölbungen des Tuches, dass es zerriss. Die Stange wurde bald darauf mitsamt der Fahne aus der Halterung gezogen, um das Tuch abzunehmen, da es ja nun geflickt werden musste. Die Fahnenstange aber blieb unbeachtet an der Mauer lehnen.

Da erhob sie sich, fasste Fuß in einem Sandwinkel zwischen den Pflastersteinen des Bürgersteigs und begann hin und her zu wedeln und zu schlagen wie eine heiter grüßende Fahne. Sie traf aber die Leute an den Köpfen, sie schlug so hart zu, dass einige ohnmächtig umfielen. Und ein mächtiges Angstgeschrei erscholl aus der Menge, die der Fahne so gerne gefolgt war.

Da hielt die Stange inne und lehnte sich seufzend zurück an die Wand:

»Ich habe dasselbe getan wie sie, etwas plumper vielleicht, aber doch nicht viel anders. Mein Charakter ist auch nicht schlechter als ihrer, meine Form ist dünn und rund. Ach, es muss wohl an der Substanz liegen. Holz ist Holz, und Stoff ist Stoff, und wenn zwei dasselbe tun, ist das noch lange nicht dasselbe, was dabei herauskommt.«

 


 

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