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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 36
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die geheimnisvolle Dose

Es war einmal eine hübsche Dose, fest und glatt. Den freundlich gewölbten weißen Deckel zierten farbig leuchtende Blumen. Diese Dose stand als Zierrat im Wohnzimmer, ließ sich aber auch gerne in der Nachbarschaft und bei Bekannten zeigen. Nur in einem Punkte war sie eisern: Sie ließ sich nicht öffnen.

»Was mag wohl darin sein?« fragten sich die Leute und wogen die Dose schätzend in der Hand. »Sie ist nicht leicht. Vielleicht hat jemand Goldmünzen darin versteckt oder Edelsteine. Warum sollte sie sonst so verschlossen sein?«

Eines Tages aber fiel die Dose so unglücklich auf den Boden, dass sie aufsprang, als wollte sie in ihrem Schrecken einen Schrei ausstoßen. Die Familie stürzte sofort auf die Gefallene, sei es aus Mitleid, sei es aus Neugierde. Das Mitleid erübrigte sich aber, denn das Schmuckstück hatte nicht einmal eine Schramme erlitten. Die Neugierde kam ganz auf ihre Kosten, denn sie erfuhr etwas ganz und gar Neues, etwas völlig Unerwartetes und Enttäuschendes: Die Dose war leer.

»Die hatte wirklich allen Grund, sich uns nicht freiwillig zu öffnen,« stöhnte einer von denen, die einen Schatz darin vermutet hatten. »Ja,« ergänzte ein anderer, »bisher war sie wenigstens geheimnisvoll, jetzt ist sie nur noch leer. Jetzt kann nicht einmal die Fantasie etwas damit anfangen. Aber wir wollen ihren schönen Anblick weiter genießen.«

 


 

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