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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 35
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die selbstlose Distel

Es war einmal eine Distel, die grünte und blühte Jahr für Jahr in liebenswürdiger Pracht. Dabei war sie eine ganz gewöhnliche Pflanze, ein Unkraut, wie die Menschen sagten. Deshalb wohnte sie auch nicht in einem Wohnzimmer oder auf einem Balkon; selbst im Garten duldete man sie nicht. Bescheiden hatte sie sich in den Trümmern einer abgerissenen Arbeitsscheune niedergelassen.

Hier richtete sie sich gut ein. Sie war ja wendig genug und anpassungsfähig, so dass sie um die schartigen Steine herumwachsen konnte, und ihre Blätterhände balancierten Regentropfen oder Sonnenstrahlen, je nachdem, wie das Wetter gerade war.

Bei aller verspielten Gutherzigkeit hatte die Distel aber doch einen Gegner. Das war die Ziege. Die war aber so blöde, dass sie gar nicht wusste, was sie tat. Sie kletterte über die Trümmerbrocken und geriet dabei immer wieder `mal an die Distel, die sie vorsichtig anknabberte. Nein, sie meinte es nicht böse. Sie wollte sich sättigen, das war alles. Purer Zufall, dass dabei ein anderes Geschöpf Schaden litt.

Die Distel aber fühlte sehr schmerzhaft, dass ihr Leben bedroht war. Notgedrungen verkroch sie sich also noch tiefer in den Trümmern. »Lieber ersticke ich,« dachte sie qualvoll entsagend, »als dass ich mich von diesen harten Zähnen auseinander reißen lasse.«

Sie raffte noch einmal ihre ganze Kraft zusammen, entwickelte wunderbare Blüten und bat im Herbst den Wind, ihre fruchtbaren Samen weit weg zu tragen und dort auszustreuen, wo ihre Kinder in Frieden gedeihen konnten.

Für sich selber verlangte die Distel gar nichts. Als aber die Sonne merkte, dass eines ihrer geliebten Pfleglinge zugrunde ging, befahl sie den für dieses Gebiet zuständigen Strahlen, das Pflänzchen nicht aufzugeben und jeden Schlitz zu nutzen, um zu ihm einzudringen. So kam es, dass die Distel doch nicht im Schatten verfaulte, sondern einen verträumten Lebensabend genoss.

 


 

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