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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 300
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der richtungslose Zeiger

Es war einmal ein Zeiger, der wollte allen Menschen den richtigen Weg zeigen. Da ihn aber niemand beachtete, begann er zu rotieren und verstört mal hier, mal dorthin zu zeigen. Doch damit verunsicherte er selbst diejenigen, die sich gelegentlich gefragt hatten, ob der Zeiger nicht doch einen verborgenen Sinn habe. Er war nämlich als Zeiger deutlich zu erkennen.

Enttäuscht ging der Zeiger auf die Wanderschaft. Eines Tages geriet er an eine kaputte Uhr, von der das Glas abgesprungen war und die nur noch einen kleinen Zeiger hatte:

»Hallo!« rief der kleine Zeiger, »Was für ein guter Geist hat dich denn hergeschickt? Lauf nur nicht wieder weg. Hier könnte dein Leben einen neuen Halt bekommen, ein neues Zentrum, verstehst du? Hier geht's rund. Hak' dich bei mir ein, und wir sagen den Menschen, was die Uhr geschlagen hat.«

Der große Zeiger trat näher:

»Immer nur im Kreis? Ist das denn nicht zu langweilig?«

»Aber ich leiste dir doch Gesellschaft, mal näher, mal ferner. Im Kern halten wir zusammen, du brauchst aber nicht zu befürchten, daß ich mich an dir reibe.«

Kichernd fügte er hinzu:

»Dann schon eher umgekehrt, ich brauche nämlich den ganzen Tag für eine Runde. In der Zeit überholst du mich zwölfmal und jagst immer wieder hinter mir her.«

Der kleine Zeiger war dem großen nicht unsympathisch:

»Was soll ich weiter durch die Gegend irren,« überlegte er sich. »Das Angebot hört sich vernünftig an. Wenn ich an meine Unruhe denke, scheint es meinem Wesen sogar besser zu entsprechen, im Kreis zu laufen und die Zeit anzuzeigen, als wie ein Wegweiser immer stur an derselben Stelle zu stehen, wie ich ursprünglich vorhatte.«

Dann wandte er sich zum kleinen Zeiger:

»Fein, fein! Ich nehme deine Einladung an.«

Und er klinkte sich bei seinem Artgenossen ein. Sie rückten sich zurecht und drehten sich nach genauer Absprache stetig im Kreis.

»Das ist ja prima,« lobte der große Zeiger, »jetzt sehe ich den ganzen Tag, was rund um mich herum passiert und bestimme sogar selbst den Ablauf. Wohler wäre mir allerdings, wenn wir ein schützendes Dach über dem Kopf hätten, natürlich ein durchsichtiges.«

»Abwarten,« antwortete der viel geduldigere kleine Zeiger.

Und wirklich, kaum hatte der Mensch bemerkt, daß seine Uhr wieder zwei Zeiger hatte und richtig ging, ließ er auch ein neues Glas darauf setzen.

So endete die richtungslose Wanderschaft eines großen Unternehmers in gleichmäßig-zuverlässige Arbeit. Und das Räderwerk der Uhr drehte sich nur für die beiden Zeiger.

 


 

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