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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 30
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die vagabundierenden Buchstaben

Es war einmal ein P, das hatte viele Jahre als Teil eines Pfahles am Rande einer Weide gestanden. Die Zeit war ihm nicht lang geworden, denn es gab immer viel zu sehen: Vom Frühjahr bis in den Herbst muhten und grasten und wiederkäuten die Kühe, das war immer ein gutmütiger, gemütlicher Anblick. Und zu jeder Tageszeit zogen Vögel ihre unregelmäßigen Bahnen, ihre selbst erzeugten Wege durch die Luft. Oft setzten sie sich auf dem Pfahl nieder, um sich auszuruhen, so war der Pfahl nicht nur ein Grenzwächter, sondern auch ein Stützpunkt.

Mit der Zeit aber wurde der Pfahl alt und morsch. Schließlich brach in voller Höhe senkrecht das Rückgrat ab: das P.

»Ich gehe auf die Wanderschaft,« sagte das P, obwohl niemand zuhörte, »ich habe lange genug gedient, nun will ich meine Freiheit genießen.«

Es machte sich also auf den Weg. Nach einer Weile traf das P ein F, das hatte sich aus einem Pfand losgerissen.

»Hallo!« rief das F. »willst du mich nicht mitnehmen?«

Das P fühlte sich unangenehm berührt, weil sich das F von seinem eigenen Bruder trennen wollte. Deshalb zögerte es. Das Bruder-P aber ermunterte es: »Nimm das F ruhig mit. Es hat mir zwar mehrere Hundert Jahre treu gedient, aber früher mussten wir auch ohne F auskommen. Da sagten die Leute Pand. Es reizt mich, wie unser Urururgroßvater zu leben, wenigstens versuchsweise. Wenn es nicht klappt, hole ich mir ein neues F.«

»Ich danke dir,« antwortete das F. Dem neuen P erklärte es:

»Es war ein hartes Leben. Als Teil eines Pfandes steht man doch immer mit einem Fuß im Grab, man wird versetzt und wieder eingelöst, das ist ein sehr unruhiges Leben, unruhig und abenteuerlich, das lass ich mir noch gefallen. Aber in den letzten Jahren dauerte es immer länger, bis unser Herr uns wieder zurückkaufen konnte. Die Vettern und Kusinen, die sich mit Flaschen zusammengetan haben, sind erst recht arm dran, die sind als Pfandflaschen fast alle auf dem Müll gelandet. Wenn du Kontakt hast mit dem Polter-P, dann wirst du gehört haben, dass Jungen solche Flaschen gerne kaputtwerfen,um ihre Treffsicherheit zu beweisen.«

Das P nickte zweimal; das sollte wohl bedeuten, es habe davon gehört und es habe Verständnis für das F, denn das P erlaubte dem F, sich anzukoppeln.

Das Pf zuckelte wie eine kleine Dampflok durch die Gegend, die vergeblich versuchte, einen Pfiff auszustoßen und etwas komisch wirkte, wenn die Lippen sich bebend spitzten und Luft abließen. Deshalb waren die beiden Mitlaute froh, als sie eines Tages einem Selbstlaut begegneten, einem E. Das E hatte sich vom Ekel freigemacht. Es bedurfte keiner Entschuldigung. Sowohl das P als auch das F sahen sofort ein, dass dem E eine angenehmere Aufgabe Zustand. Das übrig bleibende KEL wurde nicht bedauert. Man fand, es habe das E schon zulange missbraucht und empfahl ihm, sich mit einer LEER-Kombination zusammenzutun, um im eigenen KELLER zu verschwinden.

Nach der nicht gerade freundlichen Verabschiedung zog das PFE weiter. Die Gruppe musste aber schon bald einsehen, dass sie sich so nicht selbständig machen konnte, da haperte es vorne und hinten. Der Selbstlaut klang auch nicht gerade werbewirksam, wer sagte schon pfe?

»Wir brauchen einen kapitalkräftigen Partner,« sagte das P, das sich in Geldingen auskannte, weil sein Pfennig-Bruder ihm einmal einen weinerlichen Vortrag darüber gehalten hatte. Das F wusste noch besser Bescheid, weil es viel mit Finanzen zu tun gehabt hatte, und gab dem P Recht. Das E hatte schon einiges vom Eigentum gehört, allerdings immer nur in ekelhafter Verbindung, so dass es sich jetzt etwas zurückhielt.

Kurz nach dieser Überlegung rollte den Dreien tatsächlich ein Reichtum über den Weg, dessen R sich verändern wollte.

»Ich habe alles gehabt, was man für Geld kaufen kann,« erklärte es den Vagabunden, »nehmt mich mit auf euere Wanderschaft. Vielleicht kommt es meinem Herrn sogar zugute, wenn ich gehe und ein EICHTUM hinterlasse. Das Wort gibt es nicht, sollte aber geschaffen werden, denn es wird zu wenig geeicht. Zu viele Messgeräte zeigen ungenau an, da muss ein Eichtum mal richtig durchgreifen; das wäre übrigens auch für die moralischen Messgeräte des Gewissens eine wohltuende Erneuerung.«

Das PFE ließ sich überzeugen, obwohl es mit dem R so ohne weiteres gar nichts anfangen konnte. Das merkte der PFER-Club erst, als es zu spät war. Enttäuscht zog er durch die Lande und durch die Städte und sah oft neidisch auf das ähnlich klingende VER, das bei jeder Gelegenheit vorkam, obwohl es doch vieles kaputtmachte. Es ließ vergehen, vergessen, verklingen, vertun, veralbern und was nicht alles noch mehr, ein verächtliches Wesen. Aber es wurde gebraucht.

»Wir sind schon arg heruntergekommen,« meinte das feine F, »wenn wir diese üble Vorsilbe um ihre Existenz beneiden. Es wird Zeit, dass wir eine anständige Ergänzung finden, um selbständig zu werden.«

»Nun, nun,« wandte das vielseitig denkende E ein, »so schlecht darfst du vom VER auch nicht reden. Was meinst du wohl, wie oft Menschen und Tiere sich freuen, wenn etwas vergeht oder verschwindet? Es hat alles sein Gutes, auch das Schlechte. Im übrigen wäre es wirklich angebracht, uns einen eigene Bedeutung zu geben. Da, da kommt ein O. Sollen wir es ansprechen?«

»Okey,« das vorne stehende P war einverstanden, zuckte aber gleich darauf erschrocken zurück: »Oh nein, das ergäbe doch nur einen Sinn, wenn es unser Boss würde. Und ich war immer die Nummer eins.«

»Na und?« meldete sich das R von hinten, »das ist doch wohl egal. Ich habe früher auch immer vorne gestanden. Das O macht uns ja alle zum OPFER, wir alle rücken einen Platz nach hinten.«

Dagegen konnte das P nichts einwenden. Und so kam es, dass die nun komplette und selbständige Gruppe ständig als OPFER unterwegs war, eine aufreibende, oft qualvolle Leistung, die sie aber geduldig ertrug. Was sie einzeln nicht ausgehalten hätten, in dieser Gemeinschaft war es möglich.

Eines Tages aber sagte das O: »Ich bin nun jahrelang euer Anführer gewesen und habe euer Leben veredelt. Wir haben sehr viel Gutes getan und wohl verdient, dass wir uns künftig angenehmeren Aufgaben widmen. Ich selbst habe beschlossen, ins Kloster zu gehen. Für euch habe ich ein D ausfindig gemacht, das heißt, es fiel vom Dach und möchte sich gerne verändern. Es möchte nach dem starren Leben einmal so richtig flott durch die Gegend preschen. Also, wenn ihr einverstanden seid, ziehe ich mich jetzt zurück. Mein Nachfolger legt keinen Wert auf die Führung, hängt ihn euch ruhig an, er wird euch nicht belasten, sondern erst recht munter machen. Ole'!«

Damit verzog sich das O, und das D koppelte sich an das R. Nun konnte die neue Gemeinschaft als PFERD lostraben oder galoppieren. Sie hatte eine glückliche Zukunft vor sich.

 


 

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