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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 3
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der liebebedürftige Acker

Es war einmal ein Acker, der rackerte sich redlich ab, dem Bauern jährlich prompt die bestellte Ernte zu liefern. Ob es Kartoffeln waren, Roggen, Rüben, Weizen oder Mais, immer war er gleich fleißig und ertrug die Unbeständigkeit des launischen Wetters mit tapferer Geduld.

Eines Tages aber sah und hörte er einen schmucken Hubschrauber durch die Luft über ihm brummen und verliebte sich auf den ersten Blick.

»Hallo!« rief der Acker freundlich nach oben und dehnte sich vor Verlangen, »komm' herunter zu mir. Leiste mir Gesellschaft!.«

Es war wie ein Wunder: Der wendige Hubschrauber ließ sich tatsächlich auf den Acker nieder und prägte sich ihm herzlich tief ein. Was allerdings etwas wehtat.

»Was willst du?« fragte der Hubschrauber, »ich habe nicht viel Zeit.«

»Ich möchte dich heiraten,« sagte der Acker geradeheraus, denn er fürchtete, die emsige Maschine könne wieder abhauen, bevor er sich ausgesprochen hatte, sie hatte nämlich ihren Motor nicht abgestellt.

»Ach du liebe Zeit,« antwortete der Hubschrauber und wippte selbstgefällig mit den Rotorflügeln, »das wollen andere auch, verstehst du, ich habe die Auswahl. Warum sollte ich mich für einen weichen Acker entscheiden. Ja, wenn du ein Garten wärest mit festen Wegen. Die Beete sollten mich nicht stören.«. Seltsam lächelnd fuhr sie fort: »Im Gegenteil, ich könnte sie zwischen die Kufen nehmen und meinen Bauch von den Blumen kitzeln lassen. Nichts für ungut, mein Freund, bist ja sonst ein netter Kerl. Aber nun muss ich fort – zu meinem Betonflughafen, ist auch nicht das Wahre.«

Damit hob der Hubschrauber ab. Der Acker aber grübelte nach, wie er ihm gefällig sein könnte. Er war recht zuversichtlich. Die letzten Worte des Hubschraubers bedeuteten doch wohl, dass dieser seinen bisherigen Standort gerne aufgäbe.

»Wird wohl das Fabrikgelände sein,« dachte der Acker, »das bunte Ding ist ja noch sehr jung.« Dabei dehnte sich seine Brust vor Sehnsucht, so dass die Roggenhaare, die er in diesem Sommer trug, zitterten.

Nach der Ernte wartete der Acker, bis er für die nächste Saat vorbereitet war. Ehe aber der Bauer seinen Rübensamen ausstreute, fing der Acker alles ein, was der Wind aus den Gärten der Siedlung herübertrug, vor allem Blumen- und Gemüsesamen, aber er schnappte sich bei einem heftigen Sturm auch Zweige von Beerensträuchern, die er nur irgendwie verankern musste, um sie in sich wachsen zu lassen.

Der Bauer, der nicht ahnte, was in dem Acker vor sich ging, säte seine Rüben trotzdem. Erst im nächsten Frühjahr kam zutage, was der Acker sich da geleistet hatte. Noch bevor der Bauer es merkte, kam der Hubschrauber vorbei. Er war doch neugierig und eitel genug, nachzusehen, ob der Acker sich für ihn zurechtgemacht habe.

Wie glücklich war der Acker, als der Hubschrauber herunterkam. Doch ehe er aufsetzen konnte, rief er in schriller Enttäuschung: »Wie siehst du denn aus? Wie Kraut und Rüben! Also wirklich, jetzt bist du ja zu gar nichts mehr zu gebrauchen. Hast wohl gedacht, du könntest mich in deinen Pflanzenschlingen festhalten.«

Damit verschwand der Hubschrauber wieder.

Der Bauer aber sagte sich: »Wenn der Acker gerne ein Garten sein will, warum nicht? Ein Garten ist für die selteneren Früchte da, die selteneren Früchte bringen mehr Geld. Warum soll ich nicht aus dem Acker einen Garten machen?«

Er holte die ganze Familie zusammen, und sie schuftete so eifrig, dass der Acker im nächsten Frühjahr ein prächtiger Garten war.

Auch der Hubschrauber kam wieder und staunte.

»Das imponiert mir,« grummelte die Maschine so zärtlich wie sie konnte. Dann stellte sie den Motor ab, um die intimste Frage flüstern zu können: »Willst du mich noch immer heiraten?«

Da wogte der ehemalige Acker vor Freude und versuchte, den Hubschrauber mit all seinen duftenden Pflanzen zu umarmen. Aber diese waren noch zu kurz.

Von nun an kam der Hubschrauber täglich. Anfangs setzte er so vorsichtig auf, dass seine Kufen nur auf den Wegen standen und nichts verletzten. Mit der Zeit wurde er jedoch nachlässiger, so dass mal hier, mal da ein Beet abgedrückt wurde. Und als die Sträucher und Obstbäumchen herangewachsen waren, köpfte er sie mit seinen ungeschickten Rotorblättern.

»Was willst du eigentlich,« schimpfte der Bauer, »willst du ein Acker sein oder ein Garten oder ein Hubschrauber-Landeplatz?«

Der frühere Acker seufzte tief auf. Es war ihm längst bewusst geworden, dass eine Ehe mit einer Maschine, die dauernd unterwegs war, ihn nicht befriedigen konnte, sie machte ihn kaputt; er konnte ja kaum noch richtig atmen, so sehr bedrückte sie seine Brust.

Der Bauer ahnte wohl, was sein Stück Land empfand; und wenn er es nicht ahnte, so sagte ihm doch die Vernunft, dass es am besten sei, es wieder umzupflügen und in einen Acker zu verwandeln.

Nun ist er wieder weich und glücklich und freut sich seiner Fruchtbarkeit.

 


 

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