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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 294
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die scheppernde Tasse

Es war einmal eine Tasse, die war so schlicht, daß sie für alles zu gebrauchen war. Sie hatte keinen Namen, obwohl sie einem kleinen Mädchen gehörte. So konnten auch andere Mitglieder der Familie ohne schlechtes Gewissen daraus trinken. Sie war nicht besonders geformt und trug auch kein buntes Kleid. Deshalb verstieß es nicht gegen den guten Stil, etwas anderes als Milch oder Kakao daraus zu trinken. Eine geblümte Tasse hätte sich vielleicht geweigert, Orangen- oder Apfelsaft aufzunehmen und hätte gesagt: »Wie paßt das denn zu meinem Rosenmuster?« Diese Tasse aber leistete in ihrem matten Porzellanweiß nicht einmal Widerstand, wenn man nur einfaches Wasser daraus trank.

Dennoch war die Tasse des kleinen Mädchens unzufrieden. Sie wäre auch gerne so schön gewesen wie die Sammeltasse neben ihr im Schrank. Dabei hatte die Sammeltasse ihr ausdrücklich gesagt: »Sei bloß zufrieden, du hast es doch viel besser als ich. Du kommst jeden Tag auf den Tisch und führst ein abwechslungsreiches Leben. Siehst die Menschen, wirst gebraucht und wirst so abwechslungsreich gefüllt – davon kann unsereiner nur träumen. Ich stehe hier fein sauber im Schrank und muß nur schön sein, damit ich bei festlichen Anlässen auf Gäste Eindruck mache. Und während du angefüllt wirst mit den glänzendsten Getränken, mal heiß, mal kalt, mal lau, immer wieder anders, habe ich nur Luft im Bauch, langweilige Schrankluft. Ich würde gerne mit dir tauschen.«

Die schlichte Tasse glaubte diesen Worten nicht so recht: »Du hast gut reden,« dachte sie, »hast deine Ruhe, und wenn sie dich holen, geht doch gleich ein Ah und Oh durch die Runde, mich aber beachtet niemand, mich benutzt man nur.«

Sie sprach das aber nicht aus, weil sie zu müde war von der Arbeit des Tages und sich nicht auf Diskussionen einlassen wollte.

Um aber doch die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zu lenken, nutzte sie jede Gelegenheit zu scheppern. Vor allem wenn sie noch nicht oder nicht mehr ganz voll war, rutschte sie auf der Untertasse hin und her, klapperte und kleckerte, bis die Mutter des Mädchens unwirsch wurde und schimpfte: »Was ist denn heute wieder mit dir los? Kannst du nicht ruhig trinken wie andere auch?« Sie meinte damit ihre Tochter, und nur die Tasse wußte, daß das Kind unschuldig war.

Sie ließ diese Ungerechtigkeit aber geschehen, weil sie sich selber ungerecht behandelt fühlte. Sie wußte nämlich aus ihrer täglichen Küchenerfahrung, daß es kleine bunte Papierdeckchen gab, sogar mit Spitzen, so ähnlich wie die Manschetten der Biergläser, und hatte sich in den Kopf gesetzt: »Wenn ich schon nicht hübsch bin, will ich wenigstens hübsch gekleidet sein.«

Es dauerte lange, bis das Mädchen diesen Wunsch seiner Tasse begriff und ihn der Mutter übersetzte. »So' n Quatsch,« spottete die Mutter, »die Tasse will schön sein... Du willst, daß die Tasse schön sei, aber wenn damit das Geklapper aufhört, das mir auf die Nerven geht, sollst du deine Deckchen haben, ist ja immer noch billiger als eine neue Tasse, und die wäre in deiner Hand wohl auch nicht besser, so nervös wie du bist.«

Das Mädchen durfte die Papierunterlagen sogar selber aussuchen und da es denselben Geschmack hatte wie die Tasse, nahm sie hübsch bunte. Und wenn die Tasse selbst nun auch nicht anders aussah als bisher, so trug sie doch gleichsam jeden Tag ein anderes Röckchen und bot alles in allem einen schönen Anblick, vor allem wenn sie voll war mit einem heißen Getränk, das verspielte Wölkchen ausdampfte.

 


 

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