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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 293
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die zerrissene Tapete

Es war einmal eine Tapete, die war seit Jahren treu mit einer Wohnzimmerwand verbunden und machte sie schön. Die beiden paßten genau zueinander, denn die Tapete hatte sich extra für die Wand zurechtschneiden lassen, damals, als sie noch gern an ihr kleben wollte. Die kleinen Luftbläschen, die sich gleich am Anfang unauffällig eingeschlichen hatten, nun ja, darüber ging man gerne hinweg. Erst als sie sich in der warmen Luft blähten, und als die Tapete älter wurde, entzweiten sich Wand und Tapete, so daß sich allmählich die Nähte lösten, an denen die Tapetenbahnen zusammenhielten.

»Ich trenne mich von dir,« sagte schließlich die Tapete, »ich will noch mal neu anfangen. Es ist mir zu eintönig, immer im selben Zimmer an derselben Wand zu hängen.«

»Nein!« antwortete die Wand in barschem Ton, »Das dulde ich nicht! Jahrelang habe ich dich gehalten und mich an dich gewöhnt. Wie sieht das aus, wenn du dich von mir löst? Die Menschen werden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, so grausig wird das aussehen. Was heißt das überhaupt: Neu anfangen? Ein altes Huhn kann ein neues Ei legen, aber ein altes Ei ist ein faules Ei.«

Bei diesen Worten begann die Tapete vor Aufregung zu flattern, wobei sich ihre Ränder noch mehr von der Wand abhoben:

»Das wagst du mir zu sagen? Du bist ein ungalanter Schuft. Ha! Ich weiß schon, weshalb du plötzlich so gemein bist. Du willst mich behalten und mir einreden, ich sei nur noch gut für dich. Aber das sage ich dir: das hält mich nicht. Wenn du mich schlecht machst, dann macht dich das auch schlecht, denn wer mit Dreck wirft, macht sich die Hände schmutzig. Jetzt verlasse ich dich erst recht.«

Es gab ein ratschendes Geräusch, und zwischen zwei Streifen der Tapete klaffte ein Flügeltor. Das war aber nicht nur an den Nähten geöffnet, sondern auch quer durch das hübsche Muster.

»Au! Au! Au!« jammerte die Tapete, »jetzt bin ich kaputt. Du bist schuld. Hättest du mich nicht gehalten, wäre ich jetzt frei.«

»Kannst du denn noch immer nicht vernünftig denken?« klagte die verwundete Wand. »Wenn ich dich nicht gehalten hätte, lägest du nun als Abfallhaufen auf dem Teppich.«

Da schwieg die Tapete, wimmerte aber weiter leise vor sich hin; auch die Wand weinte, aber sie ließ es sich nicht anmerken. Sie stand unerschütterlich da wie eh und je.

Zum Glück aber kam der Großvater der Familie als erster nach Hause. Er sah den zerstörten Zimmerzierat, holte ohne viel Getue etwas Kleister aus dem Hobbyraum und klebte die ausgerissene Tapete wieder fest.

»Entschuldige bitte,« bat die Tapete, als sie wieder ganz mit der Wand vereint war, »ich glaube, ich war nicht ganz bei mir.«

»Jedenfalls warst du nicht mehr ganz bei mir,« antwortete die Wand versöhnlich. »Aber jetzt halten wir wieder zusammen, ja?«

»Ja, bis eine höhere Macht uns trennt, das ist allemal früh genug.«

Die Familie bekam bald darauf ein Baby. Das behielt die Mutter oft im Wohnzimmer bei sich, wenn sie dort beim Fernsehen bügelte oder strickte.

»Gut, daß wir noch keine neue Tapete gekauft haben,« meinte der Vater, »es dauert ja gar nicht lange, und das Kind krabbelt umher und macht die Wände mit seinen Patschhändchen dreckig. Das sieht auf der alten Tapete dann nicht so schlimm aus.«

Die Tapete hörte es mit gemischten Gefühlen, sagte aber nichts mehr, denn auch ihr Leben hatte einen neuen Sinn bekommen: Ein ganz neues Spiel im Zimmertheater.

 


 

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