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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 283
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der fruchtbare Apfel

Es war einmal ein Apfel, der hing rot und gelb und grün an einem Baum im Garten. Unter ihm und über ihm, am meisten aber rund um ihn herum hingen andere Äpfel, teils schönere, teils häßlichere, die meisten aber waren so gewöhnlich schön wie er.

Eines Tages im Herbst brauste ein rücksichtsloser Sturm daher, der riß und stieß und schüttelte alle Äpfel vom Baum, die sich nicht ängstlich genug festhielten. Das waren vor allem die reifen, die nicht wußten oder nicht bedachten, daß sie älter und schwächer waren als die unreifen, ganz gleich, ob sie nun oben oder unten hingen.

Der Apfel, von dem hier die Rede ist, überlebte den Sturm. Er sah aber, wie die gefallenen aufgelesen und gegessen wurden oder wie sie vermoderten.

Ihr Schicksal tat ihm leid, aber er freute sich doch, daß es ihm erspart geblieben war. Da kam ein Junge daher, riß den Apfel vom Zweig, biß hinein, schüttelte sich, da er noch nicht reif war, und schleuderte ihn in eine Pfütze, weit weg vom Baum. Hier suchten nicht einmal das Schaf und die Vögel den armen Apfel, und er verfaulte wie viele seiner Kameradinnen und Kameraden. Da er aber so ganz abseits und verloren war, konnte er seine Kerne mit seinem verwesenden Fleisch speisen, bis sie stark genug waren, Wurzeln zu bilden und sich ihre Nahrung aus der Erde zu holen. Sie gediehen zu kleinen Holzpflanzen, und einer schaffte es, ein Baum zu werden.

Als die Menschen ihn erkannten, waren sie ihm sehr dankbar, denn er war der einzige Nachwuchs des alten Baumes. Sie veredelten ihn und setzten ihn in die Nachbarschaft seiner Mutter, wo er fruchtbar wurde und jährlich vielen rot-gelb-grünen Kindern das Leben schenkte. Helmut Wördemann

 


 

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