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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 282
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der nichtsnutzige Zylinder

Es war einmal ein längliches rundes Ding, ein kleiner Zylinder mit ganz kleinem Köpfchen, das lag in einer Schublade neben einer gleich großen Kerze. Deren Kopf bestand zwar nur aus einem bleichen Faden, konnte aber brennen und die herrlichste Flamme wie ein Lebensfähnchen schwenken.

»Ach,« brummelte der Zylinder vor sich hin, »wie nützlich ist doch die Kerze. Immer wieder wird sie hervorgeholt, auf den Tisch gestellt und leuchtende Mitte des ganzen Zimmers. Und ich? Ich bin nur im Weg und störe die Leute, wenn ich 'mal vergnügt hin und her rolle.«

Die Kerze, die eben von einem großen Auftritt zurückgekehrt und noch ganz weich war vom Glück ihres Lichtes, vernahm das verzagte Selbstgespräch und wollte den Zylinder trösten:

»Runder Freund, du solltest dich nicht mit Selbstzweifeln zerfressen. Dass du hier in der dunklen Schublade nicht zu Geltung kommst, ist doch ganz natürlich. Wart's nur ab, eines Tages werden die Menschen merken, dass du mit deinem farbigen Etikett viel hübscher bist als ich. Sieh' mich an: ich bin so eintönig gelb, dass ich mich selbst nicht leiden kann, außer wenn ich brenne, dann, ach ja, das ist ein Leben! Zum Sterben schön!«

Der Zylinder empfand die wohlgemeinten Worte nicht eben als Balsam, er schwieg aber, um nicht lästig zu sein.

»Wenn ich schon nichts tauge,« dachte er, »will ich wenigstens nicht stören,« und verkroch sich in eine Ecke, um nicht bei der nächsten Bewegung der Schublade wieder polternd hin und her zu rollen.

Am selben Tage aber kam ein junger Mann in das Zimmer, öffnete zielbewusst die Schublade und nahm den Zylinder heraus, um ihn in eine enge, finstere Kammer zu stecken, wo er sich kaum noch rühren konnte.

»Ohweh,« verzweifelte der Zylinder, »jetzt bin ich im Sarg und werde auf ewig begraben.«

Plötzlich aber legte sich eine dünne Metallzunge auf sein Köpfchen, wie eine Hand, die beruhigen und segnen will. Im selben Augenblick flammte vorne ein Licht auf, strömte durch eine kuppelförmige Glaslinse und verbreitete sich weißgolden durch den Raum, den der junge Mann vorher extra abgedunkelt hatte. Das Licht war fest geformt wie ein Kegel, ließ sich aber nach allen Seiten schwenken, und es war viel heller als das der Kerze.

»Sieh` mal an,« sagte der Vater, »diese alte Batterie, dass die noch nicht ausgelaufen ist!«

»Ja,«antwortete sein Sohn, »Glück gehabt. Ohne sie wäre meine Taschenlampe nämlich nichts wert, logo.«

 


 

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