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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 28
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das dicke Buch

Es war einmal ein dickes Buch, das stand protzig im Regal und drückte die anderen Bücher zur Seite.

»Ich bin das Leben,« trumpfte es entschuldigend auf, »das ganze Leben. Der Morgen, der Mittag, der Abend und sogar die Nacht leben in mir, arbeiten in mir, essen, trinken, genießen in mir. In mir sind Krieg und Frieden, Fluch und Gebet, Schlaf und Tod.«

»Auch das Schweigen?« fragte spöttisch-kühl das Sachbuch zu seiner Linken. Es war viel dünner, aber so unerbittlich wahrheitsliebend, dass es seinem Nachbarn kalt über den alltags-bunten Rücken lief.

»Das beherrsche ich am besten,« gab das dicke Buch an, um selbst aus der Beleidigung noch ein Eigenlob zu machen. Es redete aber weiter:

»Ihr habt ja keine Ahnung, was für ein Trost es für die Menschen ist, mich zu lesen, in mir gebunden wiederzufinden, was ihnen den ganzen Tag Sorgen macht, weil sie es nicht in den Griff bekommen. Das Leben ist ein Experiment, das meistens gelingt, das aber Tag für Tag neue Risiken aufbrechen lässt, wie ein sanftes Erdbeben Risse in die glatte Laufbahn schneidet. In mir ist alles übersichtlich dargestellt, es ist nachvollziehbar, und am Schluss – das weiß der Leser – mündet alles in Liebe und Erfolg. –

Wie ich dich kenne« – er wandte sich an seinen sachlichen Nachbarn – »bist du auch recht nützlich, aber doch nur auf einem beschränkten Gebiet.«

Das Sachbuch dachte:

»Du bist nichts als eine dicke Lügengeschichte, die mal so, mal so erzählt wird. Ich will dir zwar zubilligen, dass du Substanz hast, aber davon bleibt nicht mehr übrig als vom Salzwasser, wenn es über die Saline läuft. Die paar Kristalle, die im Strauchwerk des Gemüts hängenbleiben, sind doch nichts gegen die klaren Gedanken, mit denen ich meine praktikablen Anweisungen gebe.«

Das dicke Buch glaubte, seinen Nachbarn überzeugt zu haben und freute sich. Es drückte noch einmal nach links und nach rechts und sagte:

»Ich darf nicht so beengt stehen. Der Mensch muss seine Finger zwischen uns bekommen, damit er mich zwischen euch hervorziehen kann.«

Der Mensch kam – und griff nach dem kleinen Bändchen, das rechts neben dem dicken Buch stand, zierlich wie ein Goldschmied-Töchterchen neben einem Grobschmied.

»Ich muss mal wieder ein geistreiches, schönes Gedicht einnehmen,« sagte er, »um mich vom Alltag zu erholen.«

Er setzte sich mit dem Büchlein ans Fenster, um es im Sonnenschein zu lesen, und es überstrahlte seine Sorgen, und es machte ihn stärker.

 


 

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