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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 272
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das verzagte Weizenmehl

Es war einmal eine Tüte Weizenmehl, die stand wochenlang in einem Fach im Küchenschrank und kam sich ganz überflüssig vor. Weiß vor Kummer und Neid sah sie fast täglich, wie die Hausfrau den Salzstreuer, die Zuckerdose, die Maggiflasche und andere Mitbewohner des Gehäuses herausnahm und auf den Tisch stellte, wo sie Speisen würzen oder Getränke süßen durften. Wenn sie zurückkehrten, kamen sie sich immer sehr wichtig vor, weil sie nützlich gewesen waren.

Die Mehltüte hörte sich die selbstbewussten, teilweise sogar prahlerischen Reden an und litt sehr darunter.

»Ich bin doch nur ein fauler Sack,« schalt sich das Mehl selber. »Ja, wenn die Tüte mich nicht hielte, sänke ich zu einem Haufen Staub zusammen und würde wie Kehricht weggefegt.«

Die Kumpel hatten kein Mitleid.

»Du bist nicht flüssig,« meinte eitel die Maggiflasche und ließ ihren braunen Inhalt aufleuchten, »ich zum Beispiel kann in jede Suppe gespritzt und gerührt werden. Was glaubst du wohl, wie die dann schmeckt!«

»Aber erst wenn ich mich mit hineinmische,« protzte das Salz.

»Ohne mich geht's aber auch nicht,« wisperte kleinlaut der daneben stehende Pfeffer.

»Es sei euch gegönnt, das gewöhnliche Mittagessen schmackhaft zu machen,« warf die feine Zuckerdame ein. »Aber ich möchte euch nicht beim Kaffee- oder Teetrinken erleben. Dafür seid ihr ja nun wirklich zu ordinär. Ich will mich nicht aufspielen, das hab' ich nicht nötig, aber in der vornehmen Runde repräsentiere ich den guten Geschmack. Immerhin versüße ich ja nicht nur die Getränke, sondern auch den Kuchen.«

Diese letzte Bemerkung gab dem Mehl erst recht einen Stich, denn es wusste wohl, dass es seine Bestimmung war, ein Kuchen zu werden. Die Hausfrau hielt es aber anscheinend nicht für würdig, so dass es schon fürchtete, für unrein oder gar krank gehalten zu werden.

»Aber nein,« tröstete es sich über diesen selbstzerstörerischen Gedanken hinweg, »dann hätte sie mich längst ausgekippt.«

Nach dem letzten Gespräch dieser Art war es dann aber doch so weit. Die Hausfrau nahm die Tüte und backte aus dem Weizenmehl einen leckeren Kuchen.

»Aber ohne mich wärest du auch jetzt nicht viel wert,« gab der Zucker an. Er wollte den Kuchen nicht beleidigen. Er wollte nur seine eigene Wichtigkeit hervorheben. Dabei ergab sich die Beleidigung ganz von selbst, ganz ohne böse Absicht. Ja, auch feine Damen können so tölpelhaft sein.

Das Mehl aber ließ sich nicht mehr erniedrigen. Es hatte seine Idealform erreicht. Man hatte aus ihm das Beste gemacht, das aus ihm zu machen war. Mehr verlangte das Weizenmehl nicht und gab sich glücklich dem Genuss der Menschen hin.

 


 

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