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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 270
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der neidische Wecker

Es war einmal ein Wecker, der tickte fleißig rund um die Uhr, und wenn er einmal müde wurde, ließ er sich willig eine neue Batterie einsetzen, um wieder zu Kräften zu kommen. Dennoch war der Wecker sehr unglücklich. Er hatte nämlich einen Rivalen, der sich unerträglich wichtig machte. Punkt sechs Uhr spielte er sich mit einer angenehmen Melodie auf, einer hübschen kleinen Musik, das musste der neidische Wecker zugeben, konnte er doch selber nur hässlich rasseln. Und vorlaut war er auch, der Schöntuer, im wahrsten Sinne des Wortes, begann er doch seinen Dienst regelmäßig fünfzehn Minuten früher als der misstönende. Das war ja gerade so, als müsste der feine Wecker den groben wecken, eine Unverschämtheit.

Lange, lange hatte sich der benachteiligte Wecker geärgert, dann hielt er es nicht mehr aus. Erst ließ er sich gehen, so dass die Zeiger wie wild über das Ziffernblatt kreisten. Dann sank er vor Erschöpfung zusammen und zeigte nur noch Halbsechs, nicht einmal korrekt, denn beide Zeiger wiesen genau auf die Sechs.

»Was ist denn mit dir los?« fragte der junge Mann, »streikst du oder kannst du nicht mehr?« Er hob die Uhr auf, schüttelte sie, hielt sie ans Ohr, schüttelte wieder. »Du tickst nicht richtig,« stellte er dann fest. »Eine schöne Bescherung, wie soll ich denn nun pünktlich zur Arbeit kommen?«

Bei dieser Bemerkung horchte der kranke Wecker auf. War er denn wichtig? War der junge Mann denn von ihm abhängig, wo er sich doch jeden Morgen, außer samstags, von dem melodischen Rivalen wecken ließ?

Als hätte der junge Mann die Gedanken der Uhr erraten, fügte er hinzu: »Ohne dich würde ich mich doch verschlafen. Weißt du, das ist nämlich so: Der erste Wecker läutet in meine Träume und macht mir weis, dass mich ein angenehmer Tag erwartet. Aber ich traue ihm nicht so recht und schlafe meistens wieder ein, wenn auch nicht mehr so tief. Ja, und dann kommst du mit deinem ehrlichen, allerdings auch unerbittlichen Gerassel und machst mich ganz wach. Und wenn ich dich abgestellt habe, dann ist das schlimmste vom Tag schon überstanden. Entschuldige, dass ich dir das so ins Gesicht sage. Aber du bist ja hinterher, wenn ich dich abgestellt habe, wieder ganz friedlich. Man könnte fast sagen, es ist ein Genuss, dich zu hören, weil man dich abstellen kann. Wenn das nur mit allem so wäre. So bist du aber ein Symbol dafür, dass man auch das Unangenehme bewältigen kann. Im übrigen, alter Freund, geht der liebliche Wecker falsch. Er tönt immer eine Viertelstunde zu früh. Aufstehen muss ich erst, wenn du mich weckst. Hm, und nun bist du kaputt.«

Da reckte der so ermutigte Wecker in neuer Lebensfreude beide Arme, um wieder die richtige Zeit anzuzeigen und seine morgendliche Pflicht mit fröhlichem Selbstbewusstsein zu erfüllen, hässlich, aber zuverlässig.

 


 

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