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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 268
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das wabbelige Wasser

Es war einmal ein Liter Wasser, der lag wohlgeformt und wohlgeborgen in einer runden Schüssel. Es ging ihm sehr gut, bis auf die Schwankungen, die er bei jedem kleinen Stoß an den Küchentisch über sich ergehen lassen musste.

Deshalb war der Liter Wasser nicht mit sich zufrieden. Er kam sich zu weich und schwabbelig vor, zu nachgiebig. Und wenn er daran dachte, dass er mit ein bisschen Feuer zu jähzornigem Brodeln gereizt werden konnte, passte ihm sein Zustand erst recht nicht mehr.

Da sah das Wasser neben sich eine Schüssel mit Sahne und sah staunend, wie diese geschlagen und davon ganz fest wurde.

»Das nehme ich auf mich,« blubberte es leise vor sich hin. Aber es kam kein Mensch, um das Wasser zu schlagen.

»Ich muss die Menschen täuschen,« überlegte sich das Wasser, »wenn ich so aussehe wie die Sahne, werde ich auch so behandelt, das ist doch klar.«

Das Wasser begann, sich zu wiegen und zu schaukeln, bis ein wenig überschwappte, um unter der Schüssel eine glatte Fläche zu schaffen. Nun konnte der ganze Liter – von den hinausgehüpften Tropfen natürlich abgesehen – in der Schüssel nachrutschen, bis das Wasser vom weißen Fensterlicht getroffen und gefärbt wurde.

Der Plan ging auf. Die Hausfrau verwechselte das Wasser mit der Sahne und schlug und schlug. Doch das Wasser blieb Wasser. Es schäumte nicht einmal richtig.

»Ach, bin ich blöd,« spöttelte die Hausfrau lächelnd über sich selber, »kann Wasser nicht von Sahne unterscheiden. Wieso steht es hier aber auch `rum?«

Sie nahm die Schüssel, öffnete das Fenster und kippte das Wasser in den kalten Wintertag hinaus. Hier verteilte es sich zu einem dünnen Spiegel und fror.

»Huch,« jammerte das Wasser, während es sich bibbernd und knirschend in Eis verwandelte, »jetzt werde ich hart, härter als mir lieb ist. Ach nein, wenn man kalt werden muss, um hart zu sein, will ich doch lieber Wasser bleiben, schön anpassungsfähig und nicht so starr wie ich mich jetzt fühle.«

Das Wasser musste aber tagelang warten, bis die Sonne das Eis schmolz, dann konnte es frei davonlaufen, hinein in den Bach, der es zum Fluss zog, mit dem es schließlich in einer noch größeren Gemeinschaft in den ganz großen Ozean mündete, unbedeutend, aber glücklich.

 


 

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