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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 263
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die unbeachtete Videokassette

Es war einmal eine Videokassette, die lag vergessen auf dem Wohnzimmerschrank und kam sich sehr überflüssig vor. Obwohl sie von ihrem reichen Innenleben wusste, verlor sie doch allmählich den Glauben an sich selbst, denn niemand sah in ihr mehr als ein braunes Band in einer schwarzen Kassette.

»Vielleicht bin ich längst gelöscht und weiß es selber nicht,« grübelte die Videokassette in ihrer nichtsnutzigen Einsamkeit. »Warum setzt man mich nicht ein, wenigstens um zu testen, was ich zu bieten habe?«

Sie blieb aber unbeachtet und wurde nur beim Putzen hin und her gelegt, bis eines Tages ein kleines Mädchen zu Besuch kam. Das hatte zu Hause Schläge bekommen und suchte nun Zuflucht bei der Großmutter. Nach ihrem gütigen Trost, der den Aufruhr des Kindes beschwichtigte, zeigte die Oma dem Mädchen den gespeicherten Traumfilm, der aus der Gegenwart in die Zukunft gaukelte und wie ein Blumenschwarm alles mit Blütenstaub berieselte.

»Wenn du größer wirst,« sagte die Großmutter, »wirst du selber goldenen Staub ausstreuen und das Leben in dem für dich besten Licht sehen.«

Das verstand ihre Enkelin nicht. Auch die Videokassette wusste nicht, was die Frau meinte. Beide aber waren glücklich über die guten Aussichten, die sich nun wieder geöffnet hatten.

 


 

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