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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 262
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das schwarze Ungeheuer

Es war einmal eine Pferdefarm. Darauf lebten Pferde allerart Tüchtigkeit. Die einen eigneten sich besonders gut als Reitpferde, die anderen ackerten perfekter als ein Trecker, wenn auch nicht so schnell. Wieder andere, die Ponys nämlich, dienten den Kindern zum Spielen. Und alle Pferde erfüllten ihre Pflichten gerne und duldeten sich mit gegenseitigem Respekt oder gar mit Liebe.

Es gab aber eine Bedingung für das Wohlverhalten der Pferde: Sie mussten alle braun sein.

»Das ist doch klar,« maulte ein alter Zossen, den der Bauer wegen seiner Widerspenstigkeit gegenüber einem schwarzen Pferd aus der Nachbarschaft zur Rede stellte, »die Farbe kommt aus dem Inneren. Nur wer innerlich schwarz ist, kann auch äußerlich schwarz sein. Das hat die Natur sehr klug eingerichtet, denn sonst könnte man die Bösewichte ja gar nicht erkennen. Ich meine, bevor sie das Böse getan haben.«

Der Bauer schüttelte den Kopf, aber gegen die Macht der Mehrheit kam er nicht an.

Trotzdem geschah es eines Tages, dass ein schwarzes Fohlen auf die Farm geriet. Keiner wusste wie. Der Bauer jedenfalls tat ganz unschuldig und sagte seinen Braunen, er wisse von nichts.

»Das war eine Nacht-und Nebel-Aktion!« schimpfte der alte Zossen, als alle Braunen wie jeden Abend im Stall versammelt waren. »Der Bauer untergräbt unsere Autorität. Wohin soll das führen, wenn wir schwarze Pferde unter uns dulden, frage ich euch.«

Ein allgemeines verächtliches Wiehern bestätigte ihn in seiner Ablehnung des neuen Fohlens. So ermutigt, fuhr er fort: »Wir müssen es bekämpfen, auch wenn es uns schwerfällt, uns an einem Kind zu vergreifen.« Er hob den Kopf und die Stimme: »Das Kind ist ein Symbol, ein Symbol für die Befleckung unserer Eintracht. Ich warne euch, Freunde, das ist etwas Unreines, eine Krankheit. Wenn wir sie nicht rechtzeitig ausmerzen, wird aus unserer edlen Rasse ein schlappes Mischmasch.«

Für sich fügte er hinzu: »Es ist ja schließlich ein schönes Tier, wer weiß, ob unsere jungen Stuten ihm widerstehen könnten.«

Als hätten die gefühlsschwammigen Worte sich erst beim Reden zu tatkräftigem Hass verhärtet, zog er nun mit dem Maul den Riegel von seiner Tür, stieß diese auf und schritt an die Box des Fohlens, um es in den Kopf zu beißen. Die anderen Pferde wieherten Beifall.

Als der Bauer am nächsten Morgen die Verletzungen des Kleinen sah, wurde er wütend. Doch um des Friedens willen, sagte er gar nichts. Er gab dem Fohlen eine sichere Unterkunft und ließ es draußen auf einer abgetrennten Wiese grasen.

Die Zeit verging. Der alte Zossen starb. Das schwarze Fohlen aber wuchs zu einem stattlichen Hengst heran und – es wurde weiß und immer weißer, bis es nach zehn Jahren seine wahre Gestalt zeigte: Das schwarze Pferd war ein Schimmel geworden, weiß und klar wie die lichten Wolken am Himmel.

Da beugten sich die braunen Pferde vor dem Fremdling. Sie glaubten ja noch immer, dass die Haarfarbe den inneren Zustand offenbare. Demnach musste also der Schimmel besonders tugendhaft und edel sein, ein Auserwählter.

Sie baten ihn um Verzeihung, schoben ihr früheres Missverhalten verschämt murmelnd auf den toten Zossen und wählten den weißen Hengst zu ihrem Anführer.

 


 

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