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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 261
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die ausgerissene Tür

Es war einmal eine Tür, die hatte es satt, immer nur auf- und zuzugehen, um Menschen herein- oder hinauszulassen. Deshalb beschloss sie, sich aus ihrer Verankerung zu reißen und auch dorthin zu gehen, wohin die Leute eilten oder schlenderten. Da sie sich im Hause einigermaßen auskannte, so dass es dort für sie nichts Neues zu entdecken gab, schritt sie nach draußen und watschelte breitbeinig über den Bürgersteig in die Stadt hinein.

Die Menschen, die ihr begegneten wichen erschrocken aus: »Vorsicht!« riefen sie, »da kommt eine Platte, lasst euch nicht erschlagen!« Dabei lachten sie, denn sie sahen wohl, wie unbeholfen die Tür daherwankte.

»Bisher sind alle gerne auf mich zugegangen und haben mir freundlich die Hand gereicht,« murmelte die Tür vor sich hin, »jetzt meiden sie mich wie eine Gefahr. Und die Beine tun mir auch weh. Es ist wohl besser, wenn ich zurückkehre.«

Damit schwenkte sie um und torkelte müde heimwärts.

Die Überraschung war groß,als sie an ihrem alten Platz eintraf.

»Was willst du denn?« rief der Hausherr. »Jetzt brauchen wir dich nicht mehr.« Dabei klopfte er an das Holz, als wollte er dessen Festigkeit prüfen. »Wir haben schon eine neue Tür, das siehst du ja selber. Sollten wir denn warten, bis wir bestohlen würden, wo doch jeder ein- und ausgehen konnte? Nein, mein Lieber, du bist passe' du hast dich davongemacht, nun sieh zu, wo du bleibst.«

Da weinte die Tür. Hatte sie doch bisher im Mittelpunkt gestanden und war nun schlagartig vereinsamt.

»Aber nein, Mann,« sagte die Hausfrau, »gib sie den Kindern, die können noch damit spielen.«

Brummelnd gab der Hausherr nach. Die Kinder aber machten aus der Tür eine Brücke über ein Wasserloch im Garten, ließen ihre Schiffchen aus Fischdosen und Zeitungspapier darunter durchgleiten und tanzten darauf vor Vergnügen, weil sie so schön federte.

Die Tür aber litt unter der Feuchtigkeit von unten und verdorrte oben unter der Sonne. Zwischendurch musste sie alle anderen Wetterwalkereien über sich und durch sich ergehen lassen, so dass sie vorzeitig alterte und Moderlöcher bekam.

»Jetzt ist sie nur noch gut fürs Feuer,« sagte der Hausherr, »sonst brechen die Kinder noch ein und holen sich nasse Füße.«

Nachdem sie an die Wand gestellt worden war, schwitzte die Tür vor Angst all das Wasser aus, das sie hatte schlucken müssen. Sie vertrocknete und bekam Risse. Sie wurde aber nicht verbrannt, denn es gab im ganzen Haus keinen Herd mehr, und im Garten durfte man kein offenes Feuer brennen lassen. So blieb sie in ihrer Ecke stehen und verbrachte den Rest ihres zerfallenden Lebens damit, ein paar Hühnern Unterschlupf zu bieten, wenn es regnete.

»Jetzt bin ich selber ein Haus,« knirschte sie, »ach wäre ich doch an der Angel geblieben.«

 


 

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