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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 260
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
typefable
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Der schwermütige Tunnel

Es war einmal ein Tunnel, der hatte zwei helle Köpfe, auf jeder Seite des Gebirges einen. Seine Augen aber hatte er im Bauch, so dass er alles schwarz sah. Nur wenn ein Zug ihn durchfuhr, erleuchteten dessen verschieden starke Lichter sein Inneres. Deshalb war der Tunnel die meiste Zeit schwermütig, denn er dachte, er sei ein dunkles Monstrum, vielleicht gar ein Teil der Hölle.

Eines Tages aber verirrte sich ein Hase in den Tunnel. In seiner Angst lief er immer tiefer hinein – und kam an dem anderen Ende wieder ans Tageslicht.

"Was für ein wunderbarer Bau," sagte der Hase, "auch wenn man sich darin verlaufen hat, kommt man ganz von selbst wieder hinaus. Ich danke dir für deine Offenheit."

"Bitte schön," antwortete der Tunnel,"aber wie hast du den Ausgang gefunden? Ich bin doch ganz dunkel, und nur die automatischen Züge wissen, wo es langgeht."

"Du Dummkopf," belehrte ihn der Hase, "du bist wirklich so dumm wie du lang bist. Es ist doch hell an deinem Eingang und an deinem Ausgang oder an deinen beiden Eingängen, wie du willst."

"Hell?"

"Hell wie der Himmel, an beiden Ein- oder Ausgängen, du kannst machen, was du willst, es geht zum Licht. Nur zusammenbrechen darfst du nicht."

Da zitterte der Tunnel vor freudiger Aufregung und flüsterte erleichtert: "Dann hat es also doch einen Sinn, hier zu liegen und alles über sich ergehen zu lassen. Ich danke dir und wenn du gelegentlich wieder hereinschauen willst, so sollst du mir willkommen sein. Du darfst sogar bei mir wohnen, wenn du mir nur mehr erzählst vom Leben draußen."

Der Hase beriet den Vorschlag mit seiner Häsin, und sie beschlossen, sich im tiefsten Inneren des Tunnels eine Höhle zu graben. Dort lebten sie denn auch in Frieden; sie mussten sich nur daran gewöhnen, dass ab und zu ein grässlich lauter Zug über sie hinwegrollte. Das Hasenpaar vermehrte sich, und die ganze Familie fühlte sich wohl im Tunnel, und jeder erzählte ihm gern von seinen Abenteuern im Tageslicht. Und wenn sie gemeinsam in ihrer Geborgenheit darüber nachdachten, kam ihnen vieles gar nicht mehr so schlimm vor.

Der Tunnel aber dachte: "Wenn ich schon keine Beine habe, ist es doch besser für mich, hier im Berg zu liegen. Jetzt weiss ich ja, dass alles gut ausgeht."

 


 

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