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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 26
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die ängstliche Brücke

Es war einmal eine Brücke, die streckte sich lang und geduldig über einen breiten Fluss. Sie war sehr stark gebaut, litt aber an Schwindelanfällen. Immer wenn der Wind das Wasser unter ihr beschleunigte oder zu aufbegehrenden Wellen staute, bekam sie Angst. Dann verwirrte es sie, dass scheinbar alles querlief. Die Autos, Fahrräder und Fußgänger eilten von Ufer zu Ufer, das Wasser aber und seine Schiffe liefen immerzu abwärts. Manchmal war der Brücke zumute, als müsste sie sich drehen, als passte sie besser in die Flussrichtung. Ja, sie hatte gelegentlich ein ausgesprochen schlechtes Gewissen, weil sie meinte, sie liege falsch.

Jahrelang hielt sie tapfer aus. Doch je länger sie unter dem Menschenverkehr zitterte, umso wankelmütiger zweifelte sie an ihrer Aufgabe. Dieses Hin-und-her und Kreuz-und-quer machte sie schwindelig. Und wenn sie in den Spiegel unter sich blickte, sah sie, dass ihre Konstruktion sehr hässlich geworden war.

Da wurde die Brücke vollends verrückt. Sie bebte vor Angst, alles verkehrt zu machen und dabei auch noch schlecht auszusehen. Ja, sie glaubte sogar, ihre Hässlichkeit sei eine Alters- und Schwächeerscheinung. Da konnte sie sich nicht mehr halten. Sie brach zusammen, und ihre Trümmer stürzten ins Wasser.

»Es war eine schöne Brücke,« sagten die Menschen, »selten schön und stabil. Eigentlich unmöglich, dass sie nicht hielt.«

 


 

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