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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 259
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der übereifrige Traum

Es war einmal ein Traum, der war so blendend schön, dass man weit und breit nichts anderes mehr sehen konnte; er war so warm, dass man alle Kälteschauer des Lebens darüber vergaß; er war so erquickend, dass man sich in seinem Bann erst richtig frei und bedeutend fühlte. Und immer wenn er ging, stöhnte der Mensch:

»Warum verlässt mich das Glück? War es wieder nur ein Traum?«

Das bekümmerte den Traum sehr:

»Ich tue alles, um den Menschen angenehm zu sein. Ich befreie sie von allen Sorgen des Alltags, dafür lieben sie mich. Aber immer und immer wieder muss ich sie enttäuschen, wenn ich sie verlasse. Wäre ich doch nicht so geisterhaft. Ach, ich möchte so wirklich sein wie sie!«

Da schüttelte der Liebe Gott sanftmütig lächelnd sein Haupt und sagte:

»Wer soll dich träumen, wenn du selber Alltags-Wirklichkeit bist? Du gehörst zum Himmel, von dem aus du den Menschen die Harmonie zuspielst, die sogar das Widerwärtige mit dem Ordentlichen vereint. Die irdische Wirklichkeit muss arbeiten und sich selbst immer neu erschaffen, die himmlische ist ein ewig seliger Traum. Du bist als Projektor des Himmels an die irdische Wirklichkeit angepasst, so hast du von beiden etwas.

Tröste dich und die Menschen damit, dass du die ewige Traumseligkeit ankündigst, dann ertragen sie das Leben nicht wie einen immer dickeren Morastweg, sondern wie das Bauen einer festen Straße, über die vom Ziel her der Traum schon ›willkommen!‹ ruft.«

»Ja,« ergab sich der Traum, »Du hast recht. Fast hätte die Liebe zu den Menschen mich verführt, unter ihnen zugrundezugehen. Ich muss aber lebendig und frei bleiben wie die Fantasie, damit ich jedem in den von ihm gebrauchten Bildern erscheinen kann. Doch will ich nach jeder Erscheinung ein kleines Andenken hinterlassen, eine kleine blaue Blume, damit der Mensch weiß: Er kommt wieder, und eines Tages kommt er für immer.«

 


 

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