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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 257
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der vorlaute Ton

Es war einmal ein Ton, der klang so schön wie andere Töne auch. Und wenn er sich mit den anderen nicht vertrug, so lag das nicht nur an ihm, sondern an allen Tönen gemeinsam, denn jeder lebte für sich und machte, was er wollte. Aber Schuld hatte keiner; alle waren bereit, in harmonischer Eintracht aufzutreten, wenn sie nur ein Mensch komponierte und spielte oder sang.

Dieser eine Ton aber fühlte sich eines Tages benachteiligt: »Soll ich immer hinten anstehen oder irgendwo in der Mitte warten, bis ich dran bin?« maulte er, »Ich bin so stark und wohlklingend, dass ich auf Platz eins gehöre.«

Damit drängte er sich vor, denn die Töne bildeten gerade ein Lied, und begann die erste Strophe.

»Nein nein, was ist denn da los?« fragte der Dirigent unwillig. »Wer singt denn da so vorlaut?«

Der Mann, dem der Ton entfahren war, schlug sich mit der Hand auf den Mund und nuschelte: »Entschuldigung.«Das nützte aber weder ihm noch dem Dirigenten und dem Chor. Denn bei jedem neuen Versuch, richtig zu singen, schlich sich der ehrgeizige Ton wieder an die erste Stelle oder an die zweite; später begnügte er sich auch mit dem dritten Platz oder mit einem anderen in den vorderen Zeilen des Liedes. Aber er ordnete sich nicht dort ein, wo er hingehörte.

»Dieser Misston macht uns die ganze Probe kaputt!« schimpfte der Dirigent und ließ den Sänger, den er als Quelle des falschen Tones ausgemacht hatte, zurücktreten.

Der Ton gab jedoch nicht auf, sondern mogelte sich in den Mund eines anderen Chormitgliedes.

Endlich aber wurde es den anderen Tönen zu viel. Sie gerieten durcheinander und fielen in wilder Aufregung über den vorlauten Ton her. Sie machten ihn so fertig, dass er nur noch krächzen konnte. Da nun alle Töne falsch klangen, brach der Dirigent die Probe ab.

Beim nächsten Treffen aber hatte der ehrgeizige Ton nicht mehr die Kraft, sich an den anderen vorbeizudrängen. Er blieb, wo er hingehörte, und da er sich von der Maßregelung der letzten Probe erholt hatte, klang er wie immer. Er klang so schön in der Harmonie der Musik, dass er selber staunte.

»Hm,« dachte er später, »allein ist unsereiner doch nicht viel wert. Ich muss zugeben, dass ich in der hinteren Reihe besser zur Geltung komme als vorne. Abgesehen davon, dass ich ja dann auch zum Nachklang gehöre. Wie leicht man doch zum Misston wird. Man ist kein Misston, nein, man macht sich selbst dazu, wenn man sich falsch einordnet. Vorne – hinten, ist doch eigentlich Unsinn, wer eher lebt, stirbt auch früher, und wer zu hoch steigt, fühlt die Erde nicht mehr.«

Mit diesen Worten kuschelte er sich in seine Note und schlief bis zum großen Auftritt.

 


 

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