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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 256
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der neidische Tisch

Es war einmal ein standfester Tisch. Der hatte vier Beine und darauf eine große und dicke Platte. Er konnte fast alles tragen, sogar alle fünf Kinder der Familie auf einmal; wenn es sein musste, durften auch noch ein paar Nachbarkinder auf ihm Platz nehmen. Nur das unruhige Hin-und-Her-Schuckeln hatte er nicht gerne, denn davon taten ihm gleich die Beine weh.

Nun war der Tisch aber äußerlich stabiler als innerlich. Vor allem litt er an Eifersucht auf alles, was Beine hatte und damit laufen konnte. Am meisten beneidete er die Kinder. Doch wenn sie auf ihm Platz nahmen, war alles gut. Dann hingen alle Beine von ihm herab, und er fühlte sich wie ein ruhiges Zentrum der Beweglichkeit. Wenn aber dann alle auseinander liefen oder gar vom Tisch sprangen, um sich einen Stuhl zu nehmen, der doch auch nur vier Beine hatte und viel kleiner war, dann knackte der Tisch vor Wut und rumpelte auf und ab. Es lag nämlich an ihm, ob er die Bewegungen der Kinder aushielt oder ihnen nachgab. Meistens machte er sich schwer, so dass er eine stabile Zuflucht bot. Wenn er sich aber ärgerte, rückte er bei jedem kleinen Stoß zurück und hinkte von einem Bein auf's andere.

Eines Tages sagte die Mutter zu der versammelten Kinderschar, die aus dem Tisch eine Burg gemacht hatte, so dass es drunter und drüber ging:

»Jetzt ist aber Schluss, ihr macht mir den armen Tisch ja noch kaputt. Nehmt die Stühle, wenn ihr sitzen wollt. Zum Spielen aber geht ihr am besten nach draußen.«

Die Kinder gehorchten, missverstanden aber den Befehl der Mutter und nahmen die Stühle mit zum Spielen nach draußen.

Das war dem tüchtigen Tisch zu viel: »Diese dummen Stühle,« knirschte er in neidischem Zorn, »die machen sich doch nur wichtig. Ich bin doch wohl vielseitiger, wenn ich als Tisch auch eine Sitzfläche biete, und nicht nur für einen, wie diese Stühlchen. Aber gut, Leute, wenn ihr glaubt, ich sei nur noch als Abstellplatz zu gebrauchen, hau ich ab. Wenn nur meine Beine nicht so steif wären! Naja, muss ich eben üben. Üben,üben,üben!«

Von nun an versuchte der Tisch jeden Tag einige Male, sich zu bewegen. Und nach einigen Wochen gelang es ihm wirklich. Als er dann zu einem Festessen hergerichtet wurde, wobei ihn mal dieser, mal jener aus Versehen anstieß, lockerten sich seine nachgiebig gewordenen Beine, bis sie schließlich in dem Moment ganz nachgaben, als die letzte schwere Suppenschüssel aufgetragen war.

Da brach der Tisch mit Ächzen, Quietschen und Krachen zusammen, so dass die ganze Bescherung in den Trümmern des Tisches auf dem Fußboden landete, scheppernd und spritzend vor Empörung.

»Keine Minute!« ordnete schwer atmend der Vater an, »keine Minute mehr bleibt dieser Tisch im Hause. Werft das ganze Gerümpel in den Müllcontainer und dann weg damit, endgültig!«

So endete die Karriere eines standhaften Tisches, der alles vertragen konnte, nur nicht die Bevorzugung anderer Vierbeiner.

 


 

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