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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 251
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das übrig gebliebene Stuhlbein

Es war einmal ein stattliches, schön geschwungenes Stuhlbein, das war bei der Serienproduktion in der Möbelfabrik übrig geblieben. Nun stand es gelangweilt in einer Ecke, sauber lackiert, und wartete auf seinen Einsatz.

Schließlich kam ein Mann in die Fabrik und sagte: »Was ist das? Ein Stuhlbein? Ich habe zu Hause einen Stuhl mit drei Beinen, mir fehlt ein vorderes Eckbein, das da könnte passen.«

»Nimm es mit,« sagte der Fabrikant, »ich schenke es dir, denn es ist über.«

Da nahm der Mann das Stuhlbein mit und klebte es unter seinen Stuhl, so dass dieser nun vier Beine hatte. Er stand aber schief, denn die drei anderen Beine waren kürzer, vielleicht machten sie sich auch zusätzlich extra klein, weil sie den eleganten Neuling nicht mochten, zumal da er sie zu mehr Arbeit zwingen würde. Bisher hatte der Stuhl ja nur notdürftig gebraucht werden können.

Doch der Mann, dem der Stuhl gehörte, gab so schnell nicht auf. Er sägte ein Stückchen von dem neuen Bein ab.

»Jetzt haben wir dich,« triumphierten die drei anderen Beine und spielten sich groß auf, so dass der Neuling zu kurz dastand.

»Nein,« überlegte da der Besitzer, »so geht es nicht, ich kann doch nicht drei Beine kürzen, damit das eine passt.«

Also riss er es wieder vom Stuhl und warf es weg, denn es war ja nun beschnitten und sowieso nicht mehr so schön wie vorher. Im nächsten Frühjahr warf er es auf ein Osterfeuer, das trocknete dem verschmähten Bein die Tränen und ließ es dann unter dem Weihegesang der frommen Zuschauer als Rauch zum Himmel steigen.

 


 

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