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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 250
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
typefable
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Der freundliche Stuhl

Es war einmal ein Stuhl, der machte es jedem bequem, der Vertrauen zu ihm hatte. Er bot Festigkeit und Wärme, letztere allerdings nur, wenn man sie vorher vom eigenen Körper in den Stuhl hatte einfließen lassen. Doch dann bewahrte er sie ein Weilchen auf, so dass auch der nächste, der sich darauf setzte, noch etwas davon spürte.

Eines Tages stellte ein unbedachtsamer Gast einen zu heißen Topf auf die Sitzfläche. Der Topf hatte auf dem Herd gekocht, und die Hausfrau war gerade nicht in der Küche. Da hatte der Gast gedacht:»Ehe der Dunst durchs ganze Haus zieht, ziehe ich lieber den Topf von der Elektroplatte.« Das war gut gedacht. Doch hinter diesem Gedanken versteckte sich noch ein anderer, nämlich der: »Sollen die doch ruhig sehen, dass sie unaufmerksam waren und dass ich einspringen musste, um das Übel des Überkochens zu verhindern.«

Dieser Hintergedanke veranlasste den Gast, des Guten zu viel zu tun. Er zog den Topf also nicht nur zur Seite, sondern hob ihn ab und stellte ihn auf den Stuhl. Nun, auch hier gab der Inhalt nach, das Brodeln hörte auf, und das Gericht sackte zusammen.

Der arme Stuhl aber, der eigentlich mit der Geschichte nichts zu tun hatte, der musste darunter leiden, denn seine gastfreundliche Sitzfläche bekam einen großen schwarzen Fleck.

Er wurde lange gemieden und sollte eigentlich in den Sperrmüll. Aber da stellte sich heraus, dass der Stuhl nicht nur vergängliche Wärme aufbewahrt hatte, sondern auch dauerhafte Erinnerungen. War er doch bei allen großen Ereignissen der Familie dabei gewesen: Als der Mann von der Bausparkasse die monatliche Belastung für das Haus ausrechnete; als die kleine Mimi getauft worden war und die ganze Sippschaft sich in Wohnzimmer und Küche drängte, als Fritzi zum ersten Mal zu Schule musste und seinen Ranzen dort abstellte, um ihn mit den wichtigsten Heften, Büchern und körperlichen Kraftquellen zu füllen. Ach, bei tausend kleinen und bei einigen wenigen großen Anlässen hatte der Stuhl eine tragende Funktion gehabt. Das war an ihm hängen geblieben. Und deshalb mochte man ihn gar nicht so recht abschieben. Er hatte schon etwas von der Seele des Hauses in sich aufgenommen.

»Wisst ihr was?« fragte der Vater, der den Stuhl übrigens gelegentlich auch als Hochplateau benutzt hatte, wenn er zum Beispiel eine Glühbirne einschrauben musste, »wir sollten aus dem kleinen Missgeschick das Beste machen. Ich kaufe ein Sitzkissen, und der Stuhl wird schöner sein als je zuvor.«

So geschah es und sogar noch besser, denn der Stuhl war fortan noch bequemer und noch wärmer.

 


 

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