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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 246
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die schöne alte Straßenlaterne

Es war einmal eine großköpfige alte Straßenlaterne, die neigte sich anmutig von ihrem silbrigen Hals auf die Kreuzung nieder, um alle Autos, Fahrräder und Fußgänger sichtbar zu machen, damit sie nicht aufeinander prallten. Dabei stand die schöne Lampe immer in ihrem eigenen Schatten, denn vor lauter Licht sah man sie selber kaum.

Eines Tages wurde an der Kreuzung eine Ampelanlage aufgestellt.

Die Straßenlaterne, die in der Morgen- und Abenddämmerung nicht nur Zeuge der Installation war, sondern mit ihrem Licht auch noch dazu beitrug, fragte sich entrüstet, was das wohl zu bedeuten habe.

»Bin ich denen nicht mehr gut genug?« grollte sie, »habe ich euch nicht jahrelang brav gedient? Meine Schuld war es nicht, wenn ab und zu doch ein Unfall passierte. Jedenfalls kam das tagsüber noch öfter vor als bei Nacht. Dagegen war sogar die hellste Sonne machtlos.«

Aber kein Mensch beachtete ihren Kummer. Da wurde die Lampe noch unwilliger und wandte sich direkt an die neue Ampelanlage:

»Du meinst wohl, du seist `was Besseres mit deinen drei Augen, du Geck. Mal rot, mal gelb, mal grün, du weißt wohl selber nicht, was du willst. Ziehst hier 'ne Schau ab, als wenn du wunder `was wär'st mit deinem flatterhaften Geflacker.«

Die Ampelanlage schüttelte traurig den Kopf:

»Warum schimpfst du so über mich? Ich tue hier meine Pflicht wie du. Dass ich drei Lampen habe, ist nicht mein Verdienst, das ist Veranlagung. Und um die Farben brauchst du mich schon gar nicht zu beneiden, sie machen mich nämlich fast blind. So schön natürlich wie du kann ich nicht sehen. Wenn ich meine Farben nicht ständig wechseln könnte, taugte ich zu nichts. Meine Unbeständigkeit ist ja gerade meine Kunst, nützlich zu sein.«

Und nun erklärte die Ampel der Lampe, dass sie den Verkehr nicht beleuchten, sondern regulieren müsse, bei Rot müsse alles anhalten, bei Gelb müsse die Kreuzung geräumt werden und nur bei Grün hätten alle Verkehrsteilnehmer freie Fahrt.

»Ich sorge für Ordnung,« schloss sie, »das ist kein Vergnügen, das ist harte, exakte Arbeit. Wenn ich versage, ist die Hölle los. Deshalb: Sei froh, dass ich dich entlaste. Du brauchst jetzt nur noch erhaben und schön zu sein und kannst dich auf einen künstlerisch-nützlichen Lebensabend beschränken.«

Da schämte sich die Straßenlaterne und senkte den großen Kopf, so dass ihr Licht noch stärker auf die Erde fiel und mit dem Rot, Gelb und Grün der Ampel spielen konnte.

 


 

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