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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 245
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die aufgestörten Straßen

Es war einmal eine Straßen-Gemeinschaft, die lag ruhig und einträchtig-warm auf der Kuppe des Nordpols. Eines Tages fiel ein kleiner Meteorit auf den Platz, den sie zusammen bildeten. Da schrien die Straßen auf, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Sie lösten sich aus ihren trauten Umarmungen und stoben verschreckt auseinander. Und sofort begannen sie zu frieren.

»Ich wandere nach Süden aus!« rief die breiteste und stabilste, »mir ist es zu kalt hier im Norden!«

»Ich auch! Ich auch!« tönte es von allen Seiten.

»Aber nicht auf meinem Rücken!« herrschte die erste ihre bisherigen Freunde an, »geht euere eigenen Wege!«

»Das sowieso,« lispelte ein feiner Feldweg, der neben der großen Straße so dürr wirkte wie eine Schlange neben einem Krokodil.

»Wir alle wollen selbständig sein, wir brauchen dich nicht. Wir können unseren Lebensweg alleine bahnen. Es gibt so viele Längengrade, da ist für jeden einer dabei!« sagte eine vernünftige Hauptstraße, die offenbar auch für die anderen sprach, denn diese schunkelten so vergnügt vor sich hin, als wären ihre Worte Musik in ihren Ohren.

So verzweigte sich die Gemeinschaft, und die Straßen brachen zu Tausenden nach Süden auf, eine andere Richtung gab es für sie sowieso nicht. Linie um Linie zogen sie um die nördliche Halbkugel, bis hinab zum Äquator.

Da so eine Straße überall hingehen kann, ohne seinen bisherigen Aufenthaltsort zu verlassen, so dass sie schließlich an vielen Orten gleichzeitig liegt, machte es den wanderfröhlichen Gesellen nichts aus, noch weiter zu ziehen. Sie bewegten sich also über den Äquator hinweg und zogen bis zum Südpol, wo sie alle wieder zusammentrafen und ganz von selbst einen neuen Platz gründeten.

»Ich glaube, wir sind wieder zu Hause,« meinte die feine Stimme des Feldweges. »Es sieht hier genauso aus.«

»Dummkopf!« knurrte die große Straße,»hast wohl noch Staub in den Augen. Siehst du denn nicht, dass wir einen ganz anderen Sternenhimmel haben? Da ist kein einziger Stern, den ich aus unserer Heimat kenne.«

»Du meinst sicher nur die Fixsterne,« antwortete die Kleine naseweis, »die Planeten kommen ja überall `rum.«

Die große Straße schwieg, sie war viel zu behäbig, um sich streiten zu wollen. Außerdem mochte sie die Kleine. Der Hauptgrund aber, weshalb sie nicht reden konnte, war das beklemmende Heimweh. Und so brach sie wortlos wieder auf, um sich in Richtung Norden zu schleichen. Und alle anderen Straßen folgten ihrem Beispiel, wenn auch nicht ihrer Strecke.

Als sie viel, viel später wieder auf dem Nordpol zusammenlagen, einträchtig wie in alten Zeiten, träumten sie in beseligendem Erinnerungs-Abstand von den strapaziösen und nicht selten schmerzhaften Abenteuern, die sie bei der Umrundung der Erde erlebt hatten. Ganz locker erzählten sie sich, wie es gelungen sei, Berge, ja ganze Gebirge zu durchbohren, in Spiralen aufwärts und abwärts zu steigen, Flüsse und Meere zu überspringen.

»Nun ja,« erklärte die Hauptstraße, die schon beim Aufbruch für alle gesprochen hatte,»wir haben viel erlebt, viel geleistet und viel gelitten. Großartig, wirklich großartig. Aber nun sind wir wieder daheim, und das ist auch schön. Im Alter soll man wieder zusammenrücken und sich gegenseitig wärmen, wenn ihr versteht, was ich meine.«

»Ja,« schloss der vorlaute Feldweg die bedeutsame Rede wie ein Punkt: »Und dabei können wir ruhig ein bisschen stolz auf uns sein, denn wir haben ja alle unsere Spuren hinterlassen.«

 


 

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