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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 240
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das arbeitshungrige Stiefelpaar

Es war einmal ein Paar Stiefel, das stand glänzend gewichst im Schaufenster eines Schuhgeschäftes und schaute nach hübschen Mädchenbeinen aus.

»Seid nicht so eifrig und eitel,« frotzelte ein Schuhpaar nebenan, »ihr kommt noch früh genug an die Arbeit. Und wenn ihr auch ungeduldig seid und lüstern aufs Dienen, glaubt uns: das Warten ist unterhaltsamer als der spannendste Lebenslauf an Menschenbeinen.«

»Unsinn,« widersprach das Paar Stiefel, indem es seine Schäfte noch stolzer aufrichtete, »hier sieht man doch nur, was zufällig vorbeikommt. Bei den Menschen aber lernt man bei jedem Ausgang ein neues Stück von der Erde kennen.«

»Jaja,« höhnten die Schuhe, »und beschmutzt sich mit jedem Schritt. Wir müssen es wissen, denn wir haben Zwillingsbrüder, die seit einem Jahr aktiv sind. Sie mussten wegen Missbrauchs schon nach ein paar Monaten repariert werden. Bei der Gelegenheit sahen wir uns in der Werkstatt wieder, wir wurden nämlich gerade ein bisschen nachgefärbt.«

»Pessimisten,« knurrte das Paar Stiefel und schwebte davon. Denn in diesem Augenblick holte eine Verkäuferin es aus dem Schaufenster, um es einer jungen Frau zu Füßen zu stellen.

Die Dame war von den hübschen Stiefeln so begeistert, dass sie sofort zugriff. Sie trug aber lange Hosen, die sie nicht faltig quetschen wollte. Deshalb schob sie deren Beine über die Stiefel, so dass diese nichts mehr sehen konnten.

Im Hinausgehen hörte das Paar Stiefel noch den Hohn der Schuhe:

»Nun? Lernt ihr bei jedem Schritt ein neues Stückchen Erde kennen? Wie siehst sie denn aus, die Erde? Hört ihr uns eigentlich oder sind alle euere Sinne von dem bunten Tuch verdeckt?. Ei, vielleicht seid ihr Schauspieler geworden. Wartet nur, gleich hebt sich der Vorhang. Bühne frei, die Stiefel kommen!«

Das Paar Stiefel quietschte vor Schmerz, beschloß jedoch, sich nichts anmerken zu lassen. Am Abend aber, als es mit der jungen Frau allein war, beklagte es sich bitter:

»Hast du uns gekauft, um uns zu verstecken? Wir haben uns glänzend gehalten; kein Wunder, da wir neu sind, jünger noch als du. Warum verbirgst du uns? Wir dürfen uns doch wohl sehen lassen. Oder?«

»He!« rief die Frau, »beruhigt euch! Ich will euch doch nur schonen. Seid doch froh, wenn die Hose euch den Dreck vom Leibe hält. So braucht ihr nur euere Füße herzuhalten.«

»Wir wollen aber keine halben Sachen. Wir sind schön genug, um es mit den Hosenbeinen aufzunehmen, mit diesen bunten Gecken. Und was den Schmutz betrifft, den halten wir viel besser ab. Die Hose verträgt doch keine Nässe.«

»Jaja!« Die junge Frau wurde ungeduldig, weil sie nicht wusste, wie sie ihren Stiefeln beibringen sollte, dass ihr Auftritt noch nicht gekommen war. »Ihr mögt ja Recht haben,« sagte sie dann, »aber vorläufig ist das Wetter trocken. Sobald es regnet und ich durch Pfützen muss, ziehe ich die Hosenbeine hoch. Dann seid ihr dran. Im übrigen braucht ihr gar nicht beleidigt zu sein. Auch in der trockenen Winterzeit nützt ihr mir mehr als die kleinen Schuhe. Ihr wärmt mich doch. Ist euch das nicht fürs erste genug?«

Das Paar Stiefel hatte die süße Wärme sehr angenehm empfunden. Da es selber von kühler Natur und auf die Ausstrahlung der Frau angewiesen war, hatte es überhaupt zum ersten Mal in seinem Leben gespürt, wie gut es tut, sich warm zu arbeiten. Diese Energie hatte es eben auch auszunützen versucht, um zusätzliche ganz natürliche Rechte geltend zu machen. Während des Gesprächs war es aber abgekühlt. Es sackte erschöpft zusammen.

»Schon gut,« hauchte das Paar Stiefel im Einschlafen, »wenn du uns nur ab und zu richtig zur Schau trägst, so dass wir etwas sehen von der Welt, dann wollen wir zufrieden sein. Die Hauptsache ist ja schließlich, dass wir überhaupt gebraucht werden.«

 


 

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