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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 235
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der Trost des Staubkorns

Es war einmal ein Mann, der lag trübsinnig im Garten und grämte sich über sich selbst: »Wenn ich an früher denke,« dachte er, »als ich noch ein Kind war, mit all den schönen Geschichten im Bauch, in denen Helden großartig sind und Heilige ohne Makel, wenn ich bedenke, wie selbstverständlich ich damals tüchtig und gut sein wollte! Ach, es ist nicht viel davon geblieben. Man wird schuldig, eh man sich's versieht, und muss sich noch damit abfinden, dass man gar nicht anders kann. Und mit der Tüchtigkeit ist es auch nicht besser. Man lernt, was notwendig und gut ist, statt zu lernen, was man am besten aus sich macht. Ist doch alles zum Kotzen. Du schöner blauer Himmel, du bist ganz schön weit weg.«

Als er so vor sich hin grübelte, flog ihm ein Staubkorn auf die Nasenspitze. Der Mann sah es nicht, aber er spürte es. Das Staubkorn aber sprach auch zu ihm: »Hör mal, großer Bruder. Was spinnst du dir da zurecht. Ich bin nur ein Staubkorn, aber als solcher ein Artverwandter, nicht? Ihr Menschen sagt doch selber immer, dass ihr nicht mehr seid als Staub der Erde. Also pass´ auf: So klein wie ich bin, ich bin vergnügter als du. Und weißt du auch warum. Nein? Natürlich nicht. Ich zeige es dir. Pass gut auf. Ich rutsche jetzt auf einem Sonnenstrahl auf deine Stirn. Klar? So, jetzt müsstest du mich sehen, denn ich bin dunkler als das Licht. Nun, hast du verstanden, großer Bruder? Auch ich bin nur ein Fleckchen im weiß-goldenen Sommer. Aber jetzt, siehst du mich noch? Nein, siehst du, das liegt daran, dass ich den einen Strahl verlassen habe, um mich im ganzen Licht zu tummeln. Ich meine, wenn du mal in den Himmel kommst, da kannst du noch so dreckig sein, da fällst du weniger auf als eine Bakterie im Ozean. Als ob das Licht so einen winzigen Schatten nicht verkraften könnte. Junge, Junge, wenn der Himmel für euch auch nur so groß ist wie die Erde für mich, dann könntet ihr noch so zahlreich sein und alle schwarz von Sünden... Da kommt die große Flut und macht euch rein, dass euch Hören und Sehen vergeht. Ich aber gehe jetzt ins Wasser und löse mich auf.«

 


 

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