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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 232
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das gereizte Stachelschwein

Es war einmal ein Stachelschwein, das stöberte friedlich in einer ostafrikanischen Savanne nach Nahrung. Knollen, Zwiebeln, Wurzeln, Rinde sowie hier und da eine vom Baum gefallene Frucht, mehr wollte es ja gar nicht.

Da kam es einem Löwen ins Gehege, der protzte mit seiner wuscheligen Mähne, als wäre sie eine Königskette, dabei blinkte sie nicht einmal. Der Löwe hatte nichts weiter zu tun, als sein Revier vor Eindringlingen zu bewahren, während seine Frau mit anderen Löwinnen Antilopen jagte.

»He,« knurrte der Löwe, »was hast denn du hier zu suchen? Ich kenne dich ja gar nicht. Also scher dich fort!«

»Höh?« machte das Stacheltier, das vor Staunen über die freche Anmaßung des Löwen ganz blöde war, »hast du was gegen mich? – Du bist doch ein Löwe, nicht?«

Der Löwe nickte gönnerhaft zustimmend:

»Ich bin es, Kleiner, und ich habe dir nicht erlaubt, hier nach Futter zu suchen, also verschwinde. Oder muss ich dir Beine machen?«

Diese Grobheit ärgerte das nur 80 Zentimeter lange und nur 30 Kilogramm schwere Stachelschwein sehr. Es stampfte auf vor Wut, bleckte die Zähne und peitschte zornig mit dem Schwanz auf den Boden. Als der Löwe sich davon aber nicht beeindrucken ließ, sträubte es die Stacheln und Spieße seiner Nackenmähne und seines ganzen Rückens, um dem Gegner zu zeigen, was ihm für seine Frechheiten bevorstand, wenn er nicht vernünftig würde.

Da begann der Löwe herzhaft-hämisch zu lachen. Er war ja soviel größer und stärker als dieser verlaufene Fremde. Köstlich, dass der Kleine es wagte, ihm mit diesen lächerlichen Spitzen zu drohen. Höhnisch hob er die rechte Pranke, um dem kecken Gernegroß mit einem Schlag den Garaus zu machen.

Das Stachelschwein drehte sich auch prompt um, als wollte es eilig das Weite suchen. Aber was war das? Es rannte ja gar nicht davon. Nein, es lief rückwärts auf den Löwen zu und rammte ihm eine schrecklich schmerzhafte Handvoll seiner Stacheln ins hochmütige Gesicht.

Da schrie er auf, der König der Tiere, griff mit seinen Tatzen nach den Stacheln, die der ruhig davontrabende Feind hinterlassen hatte, und fummelte sie mit seinen unbeholfenen Gebärden nur noch tiefer ins Fleisch.

Als die Löwinnen später zum Fressen riefen, war dem König gar nicht danach zumute. Am nächsten Tag sagten ihm die Schmerzen, dass die kleinen Wunden sich entzündet hatten. Und da gerade kein Tierarzt in der Nähe war, musste der Löwe sterben.

 


 

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