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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 230
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der überhebliche Springfrosch

Es war einmal ein Springfrosch, der lebte zurückgezogen in einer Mulde unter einem Gebüsch. Da man das Zweig- und Blätterwerk für eine vielgestaltige Kuppel des Firmamentes halten konnte, glaubte er manchmal, direkt unter dem Himmel zu wohnen. Im Herbst allerdings, wenn ihm der Busch zu dürr wurde, verkroch er sich in einem Tümpel am Waldrand. In seiner vornehmen Art scheute der Frosch nämlich die rüpelhaften Auftritte des Windes, der die Gräser zauste, mit Ästen um sich schlug und sich mit Vorliebe an hilflosen Blüten vergriff.

»Cor! Cor!« pflegte er zu rufen, was soviel wie »Herz! Herz!« bedeutet, denn er glaubte, den Wind zu herzlicher Sanftmut bekehren zu müssen.

Außer dieser hohen Aufgabe nahm der Springfrosch für sich in Anspruch, eigentlich ein Vogel zu sein, ein Sendbote höherer Sphären, der freiwillig auf seine Flugkunst verzichtete, da er besseres zu tun hatte als umherzuschwirren.

Eines Tages unterhielt er sich mit einem Bussard, dem er quäkerische Vorwürfe machte:

»Ich habe dich oft im Wind segeln gesehen. Weißt du denn nicht, dass du dieses Ungeheuer damit aufwertest? Du und deinesgleichen, ihr gebt ihm doch erst das Gefühl, nützlich zu sein. Der Dummkopf kann doch nicht begreifen, dass er sich oben anders verhalten muss als unten, also tobt er sich auf den Wiesen und in den Wäldern genauso offen aus wie in der freien Luft. Auf der Erde aber richtet er nur Schaden an.«

»Hiä-hiä-hiä?« fragte der verdutzte Bussard von seinem Zaunpfahl herunter. »Spinnst du? Du weißt wohl nicht, dass allzu viel Wind auch uns schwer zu schaffen macht und dass wir unsere Nester in Bäumen bauen. Wir brauchen nur deftige Schwaden Aufwind, mehr nicht, und Aufwind ist das, was von der Erde aufsteigt. Na, verstehst du? - Wir nutzen den Wind erst dann, wenn er die Erde verlässt. Noch nicht begriffen? Wir geben ihm das Gefühl, nützlich zu sein, erst dann, wenn er euch in Ruhe lässt.«

»Cor, Cor,« murmelte der Frosch anerkennend. Doch dann stieß er aus seiner Schallblase einen neuen Einwand hervor:

»Aber wenn der Wind aufsteigen will, muss er doch erst einmal herabkommen, und als Fallwind ist er besonders niederträchtig.- Weißt du was?«

In der Fragepause, die der Frosch hier einlegte, äugte ihn der Bussard interessiert an. Der Frosch, der in dem Blick wissenschaftliches Interesse sah und nicht so eitel war, ihn auf seinen verführerischen lichtbraunen Körper zu beziehen, fuhr eifernd fort:

»Warum macht ihr es nicht wie ich? Ihr Vögel fresst doch auch Insekten. Ihr fresst sie von der Erde, von Baum- oder Buschzweigen und schließlich auch direkt aus der Luft. Nun, das kann ich doch auch, ganz ohne Wind. Pass auf.«

Der Frosch schnellte sich mit seinen langen Hinterbeinen hoch und sauste zwei Meter weit durch die Luft. Auf dem Höhepunkt seiner Flugbahn, einen Meter über der Erde, klappte er seine Zunge aus und schnappte sich eine Fliege.

»Hast du's gesehen? Man braucht weder Wind noch Luft, um zu fliegen.«

»Du hast recht,« gab der Bussard scheinheilig nach, »ich werde mir deine Weisheit zu Eigen machen. Ich glaube, das gelingt am umfassendsten, wenn ich dich mir einverleibe.«

Im selben Augenblick hatte er sich auch schon auf das Gras niedergelassen und den Springfrosch geschnappt. Als dieser zappelnd in die Höhe getragen wurde, dachte er: »Ich bin also doch ein Vogel, aber einer, der freiwillig auf der niederen Ebene lebte.« Dann fühlte er, dass er gefressen wurde und starb verblüfft als Märtyrer.

 


 

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