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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 227
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der reine Spiegel

Es war einmal ein Spiegel, der wollte alles sehen und überall dabei sein. Leider war er nicht immer freundlich zu den Leuten. Er lobte die Schönen, das ist wahr; doch die Hässlichen verachtete er rücksichtslos. Kein Wunder, dass die Hübschen ihn freundlich anlächelten, die Unansehnlichen aber enttäuscht das Gesicht verzogen, wenn sie sich in dem Spiegel sahen. Dieser wusste, dass die Grimasse nicht ihm galt, sondern nur dem, was er zeigte, aber er fühlte sich doch betroffen und rächte sich mit einem noch drastischeren Bild.

»Immer reiben sie an mir herum, als wenn ich dreckig wäre. Mir geben sie die Schuld, wenn die Natur sie vernachlässigt hat, diese dummen Menschen,« murrte der Spiegel, der zwar gerne glänzte und sehr eitel darauf bedacht war, rein zu bleiben, um alles genau sehen zu können, der aber nicht mit dem Jackenärmel oder mit einem Taschentuch abgeputzt werden wollte, sondern mit einem Speziallappen.

Nur manchmal gestand er sich ein, dass er alles seitenverkehrt zeigte. »Na und?« begehrte der Spiegel dann auf, »was macht das schon, wenn beide Seiten schön sind, ist es doch egal, ob die eine links und die andere rechts abgebildet wird.«

Das hörte einmal ein Wegweiser. Der war dem nutzlosen, seiner Ansicht nach sogar schädlichen Spiegel sowieso nicht wohl gesonnen: »Du hältst die Leute vom Fortschritt ab«, knarrte er, »und wenn du mir zu nahe kommst, lenkst du sie auch noch in die falsche Richtung, in die entgegengesetzte nämlich. Ich warne dich,lass dein Gaukelspiel, sonst erschlage ich dich und wenn es mein Leben kostet.«

Der menschenfreundliche Wegweiser meinte es sehr gut, und der Spiegel bekam das unbehagliche Gefühl, doch nicht immer die Wahrheit zu sagen.

»Aber ich bin doch durch und durch lauter und ehrlich,« verteidigte er sich in respektvollem Abstand vom Wegweiser. »Ich zeige alles so, wie es ist.«

»Eben nicht, das habe ich dir doch gerade klarzumachen versucht,« maulte der Wegweiser weiter. »Dir fehlt die dritte Dimension, verstehst du? Nein, das kannst du gar nicht verstehen. Ich erkläre es dir aber trotzdem, damit du weißt, dass es etwas gibt, das du nicht verstehst, das du aber trotzdem berücksichtigen musst: Du kennst nur rechts und links und oben und unten. Aber du hast keine Tiefe. Du hast kein Gemüt. Mit einem Wort: Du bist nichts als ein oberflächlicher Geck. Du weißt ja nicht, wie gut oder wie böse die Menschen sind. Du denkst, sie seien so, wie sie aussehen. Ach,wenn du wüsstest, wie wenig das stimmt. Ich könnte dir tausend Geschichten erzählen von hässlichen Schönen und schönen Hässlichen, die hier vorübergekommen sind und teilweise gerastet haben, weil sie unschlüssig den richtigen Weg überlegten. Ich habe miterlebt, wie sie sich gegenseitig stützten, wie sie ihr Essen teilten. Aber ich habe auch gesehen, wie sie raubten und mordeten. Glaube mir, die Menschen sind ganz anders, als du sie siehst, ganz anders. Vielleicht kannst du es dir vorstellen, wenn ich sage: Guck dir einen Menschen einen ganzen Tag und eine ganze Nacht genau an, schau bis ins feinste Fältchen des Gesichts, achte besonders auf den Ausdruck der Augen und reihe dann die Mannigfaltigkeit der Bilder zu einem Film zusammen, wenn du kannst. Dann erkennst du wenigstens im zeitlichen und räumlichen Nacheinander etwas von dem, was du aus dem Innern nicht herauslesen kannst, denn das Gemüt erkennt man nur mit dem Gemüt, und das hast du nicht. Also sei vorsichtig mit deinem Urteil.«

Da wurde der Spiegel ganz kleinlaut, hatte er doch immer schon eine dumpfe Ahnung davon gehabt, dass die vor ihr reflektierte räumliche Tiefe gar nicht die eigentliche dritte Dimension war.

»Dann sind die Menschen also gar nicht so flach,« überlegte er,»dann, aber dann bin ja nur ich so flach, so kühl und doch nicht fähig, mich selbst und die Welt zu erkennen.«

Dicke Tränen rollten in glatten Bahnen über die staubfreie Scheibe. Das tat dem anfangs so rabiaten Wegweiser leid. Deshalb meinte er versöhnlich:»Du bist schon in Ordnung, sorgst auch für Ordnung. Ist ja schon viel wert, wenn du den Menschen wenigstens zwei ihrer Dimensionen zeigst und eine Ahnung von der dritten. Ich meine ja nur, dass du nicht allzu streng mit den Hässlichen und nicht allzu freundlich mit den Schönen sein solltest. Sonst gibt das ein falsches Bild.«

»Es ist mein Beruf,« schluchzte der Spiegel, »wenn ich mich blind stelle, tauge ich nichts mehr und komme in die Rumpelkammer oder auf den Müllberg.« Dann raffte er sich auf: »Weißt du was, ich bleibe, wie ich bin und tu, was ich kann. Wenn die Menschen eine Dimension mehr haben als ich, dann werden sie das ja wohl wissen. Dann müssen sie eben selber durch ihr eigenes Bild hindurchsehen in das andere, das Wesentliche.« »Jaja,« ächzte der Wegweiser, »eigentlich hast du recht, aber leider benehmen sich viele so, als wären sie auch nur Spiegel: Sie lassen tausend Bilder in sich wechseln, teilen sie ein in schöne und hässliche, ohne sie in sich wohnen zu lassen, und glauben reich zu sein. Die meisten Menschen sind nur Bilderbücher. Die zeigen, wie die Welt in ihnen aussieht, aber nicht wie sie ist. Und wer weiß, ob nicht den besseren, den Gemütvollen, auch eine Dimension fehlt, nämlich die vierte. Dann sind die Menschen vergleichsweise so dumm wie du, entschuldige bitte.«

 


 

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