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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 226
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der liebebedürftige Spatz

Es war einmal ein Spatz. Der sehnte sich nach einer Ehefrau, mit der er nicht nur auf Körnersuche ausfliegen konnte. Nein, sie musste auch sonst so fühlen und denken wie er.

Eines Tages, als er auf einem Zweig hockte und eigentlich an gar nichts dachte, denn er verdrängte den Traum von einer idealen Frau, um nicht immer wieder enttäuscht zu werden, fiel sein Blick zufällig nach unten, und dort sah er sie: Eine Spätzin, die ihm äußerlich sehr ähnlich war, wenn auch der weiße Streifen im Flügel bei ihr links lag und bei ihm rechts. Er legte den Kopf äugend zur Seite. Das tat sie auch. Und da sie die entgegengesetzte Seite wählte, sich also nicht nach links lehnte wie er, sondern nach rechts, blieben die Köpfe direkt gegenüber.

»Sie will mich nicht aus den Augen verlieren,« schlussfolgerte der Spatz und testete diese Erkenntnis, indem er den Kopf auf die andere Seite legte. Nun, sie tat es auch. Nach dieser erneuten Gunstbezeigung nickte er ihr freundlich zu, wedelte werbend mit den Flügeln und zwitscherte schließlich ein Liebeslied.

Sie tat alles genauso wie er. Es hätte ihn aber stutzig machen müssen, dass sie beim Singen gar nicht zu hören war. Sie bewegte den Schnabel genau in dem selben Rhythmus wie er, gab jedoch keinen Ton von sich.

Das merkte der Spatz aber nicht, denn die Ähnlichkeit im Aussehen und in jeder Bewegung hatte ihn verliebt gemacht wie in sein eigenes Ebenbild.

Nach dem herzensfrohen und deshalb sehr betörenden Gezwitscher hüpfte der Spatz hinab, um die so leicht eroberte Geliebte zu schnäbeln. Und sie flog auf ihn zu, immer größer. Doch als die beiden in ihrer unaufhaltsamen Liebe zusammenprallten, da stürzte er in das kühle Wasser des Baches, in dem er nichts gesehen hatte als sein eigenes Spiegelbild.

Als sich der Spatz vor Enttäuschung schüttelte, merkte ihm keiner an, wie ihm zumute war, sah es doch so aus, als wollte er sich nach einem Bad vom Wasser befreien. Nur eine echte Spätzin, die im Baum über ihm gesessen hatte und ihn noch immer von dort beobachtete, wusste genau Bescheid. Sie flog zu ihm hinab, stellte sich, als käme sie zufällig vorbei, und tröstete ihn mit kleinen Zärtlichkeiten, die ihm aber in dieser Situation sehr bedeutend vorkamen.

»So eine selbstlose Frau,« dachte er, »wenn ich die heiraten könnte, wäre ich gut versorgt.«

Schließlich fasste er sich ein Herz und fragte sie, ob sie noch ledig sei.

»Ja,« hauchte sie; so hingebungsvoll sagte sie ihr »Ja«, dass es mehr besagte als eine Antwort auf die Frage, die er ausgesprochen hatte. Es war auch eine Antwort auf den Wunsch, der dahinter kauerte und ängstlich auf jeden Ton achtete. Deshalb blühte sein Mut auf, und wie im Rausch wagte er, sie um den Bund fürs Leben zu bitten.

»Ja!« erwiderte sie so melodisch sie konnte.

Fortan beobachtete sie ihn mit so fürsorglicher Aufmerksamkeit, dass ihm jede weitere Liebestorheit erspart blieb.

 


 

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