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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 225
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der erholsame Sonntag

Es war einmal ein Sonntag, der war so schön wie das Spiegelbild der Sonne in einem Wassereimer auf einer Terrasse. Er wiegte sich vergnügt in der verspielten Sommerluft und lächelte mit seinem gutmütigen Gesicht nach allen Seiten, auch wenn ihn keiner sah.

Da kamen die Werktage vorbei, allen voran der verhärmt-graue Montag, am Schluss der spitzbübische Samstag, der zwar auch müde aussah, aber zufriedener als seine humpelnden Vorgänger.

Der Sonntag begrüßte seine Geschwister wie die Erde den kaputten Mond begrüßt, wenn er seinen bleichen Körper hinter Wolken versteckt hatte, weil er sich – wie es gelegentlich vorkam – seiner Kraterwunden schämte

»Kommt her, Schwestern und Brüder, stellt euch im Kreise um mich auf und schaut mich an. Seht ihr, wie schön das Leben ist, wie glatt und feierlich? Macht nicht so griesgrämige Gesichter, aber auch nicht so freche wie der Samstag, der nur für sich arbeitet. Montag, für dich habe ich noch am ehesten Verständnis. Du kommst gleich nach mir, das ist ein jäher Sturz. Du fällst von der zierlichen Erholung direkt in die Furchen des Alltags. Ihr müsst euch ja alle durch die Erde wühlen, damit sie fruchtbar bleibt. Dabei vergesst ihr mich. Das ist euer Hauptproblem, dass ihr mich vergesst, wo ich doch euere Hoffnung bin. Das unsichtbare Pferd bin ich, das euch zum Wochenende zieht, damit ihr euch am Ende wohlfühlt und wieder Licht schöpft für die dunkle Woche.«

Nach dieser glänzenden Rede traten die Wochentage näher heran wie an einen Wassereimer auf einer Terrasse, in der sich die Sonne spiegelt, ruhig schwankend in spielender Luft und gutmütig lächelnd. Sie traten näher,als wollten sie von dem flüssigen Leuchtgold trinken. Doch dann sagte der Samstag mit dreist lächelndem Mut:

»Lieber Sonntag, du bist uns wirklich teuer wie eine Quelle, aus der wir pure Erholung schlürfen. Du spiegelst die Sonne. Aber...«

hier machte der Samstag eine bedeutsame Pause, nickte vor sich hin, um sich erst noch einmal selbst recht zu geben, sah von Montag bis Freitag alle Schwestern und Brüder dankbar an wie ein Arbeitgeber, der seinen Leuten eine Anerkennung aussprechen will, und wandte sich dann wieder zum mütterlichen Sonntag, »aber, wenn wir nicht die ganze Woche hindurch schuften und unseren Dreck in dein reines Wesen schütten würden, so ginge die Sonne durch dich hindurch wie durch Luft. Unsere Klagen, unsere Abfälle, unser täglicher Schmerz sind es, die dich zum Spiegel machen, ein bisschen durchlässig, so dass die Sonne dich bis auf den Grund erwärmen kann, doch dick genug, die Sonne zurückprallen zu lassen. Nur so hast du ihr Spiegelbild.«

»Ja,« antwortete der Sonntag, »das weiß ich wohl, du Frechdachs. Deshalb passt ihr ja zu mir wie neuer Schmutz zum alten passt. Ihr sollt aber nicht zu mir kommen, um euch selbst zu begegnen, ihr sollt euch an mir erholen. Seid froh, dass ich euere Plagen unter dem Spiegelbild der Sonne verberge und sie in meiner Tiefe weiterverarbeite. Ich mische daraus eine fröhliche Lebenskraft, den Saft, den ihr braucht wie Menschen Blut brauchen.«

Da schämte sich der Samstag und legte sich hin wie ein Teppich, um erst die anderen den Sonntag genießen zu lassen.

 


 

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