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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 224
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die unerbittlich-schöne Sonne

Es war einmal eine himmlisch-schöne Sonne, die strahlte aus der Macht ihrer Herrlichkeit so unerbittlich stechendes Licht, dass alle Geschöpfe sich verkrochen und Schutz suchten. Selbst die Wolken hatten sich verzogen, um nicht im glühenden Widerschein verzehrt zu werden.

Nur der Mond konnte nicht weg. Hilflos stand er da, ein grauer Klumpen Sand und Stein mit hässlichen Kraterflecken.

»Bleib nur!« höhnte die Sonne, »neben mir bist du sowieso unsichtbar. Eigentlich schade, denn im Vergleich mit dir leuchtete meine Schönheit noch berückender.«

Der Mond schwieg. Im stillen aber bekämpfte er seinen Kummer, indem er sich sagte:

»Prahle nur. Wenn du so auftrittst, laufen die Menschen und die Tiere vor dir davon. In sechs Stunden beginnt der Abend; in sechs Stunden beginnt meine Zeit. Du gehst unter, herrliche Sonne, und keiner weiß, wie du wiederkommst, weiß bewölkt oder schwarz. Ich aber mache die Nacht erträglich, so dass sie wieder hervorkommen, die Menschen und die Tiere, die deine herrschsüchtige Hitze vertrieb. Und um mich herum wird Dunkelheit herrschen, die Weite, die mein Licht zum Traumziel macht. Und die Wolken, die man dir wünscht, werden mich geheimnisvoll kleiden wie schmucke Schleier.«

 


 

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